Montag, 27. Juni 2016

Bilanz des Kuba-Besuchs Drei Tage mit Obama

Barack Obama und Raul Castro im Baseball Stadion von Havana: Wirklich schlecht ist die Stimmung nie

Es wird geschrien, es wird verhandelt, und am Ende machen Barack Obama und Raúl Castro gemeinsam eine Welle im Stadion. Veit Medick war in Kuba im Pressetross des US-Präsidenten dabei. Eindrücke von einem denkwürdigen Staatsbesuch.

Die Schwierigkeiten dieser Reise, die so viele jetzt als historisch bezeichnen, fangen ja eigentlich schon ganz am Anfang an, irgendwo hoch oben in zehntausend Meter Höhe. Es ist 18 Uhr am Samstagabend, als der Pilot unserer Maschine eine Durchsage macht. "Es gibt ein Problem", sagt er. "Der Flughafen von Havanna ist zu, und wir wissen nicht, warum. Wir haben jetzt noch für zwei Stunden Sprit und kreisen erst mal."

Die Worte aus dem Cockpit sind gleich ein großes Thema unter den Passagieren. "Ich war es nicht!", ruft Jim Acosta, einer der Stars von CNN. "Lasst uns doch einfach in Jamaika landen", scherzt eine Kollegin, während die Runde rätselt, wie es zu dieser plötzlichen Flughafenpanne kommen konnte, wo doch die Ankunft der Amerikaner seit Wochen klar ist. "Ist wahrscheinlich die Rache für unser Embargo", sagt Acosta. Es geht vergleichsweise heiter zu, was wahrscheinlich auch daran liegt, dass allen an Bord der Maschine des White House Press Corps die Besonderheit dieser Reise bewusst ist.

Es wird nicht einer dieser üblichen Staatsbesuche von Barack Obama, die in der Regel so reibungslos funktionieren, dass sie nach wenigen Tagen schon wieder vergessen sind. Der Trip ist einer für die Geschichtsbücher, es geht ins sozialistische Kuba, die alte Feindschaft soll jetzt ruhen, aber weil die beiden Staaten seit mehr als fünf Jahrzehnten nicht mehr richtig miteinander gesprochen haben, sind einzelne Missverständnisse durchaus zu entschuldigen. Nicolas Maduro, Venezuelas Staatschef, habe erst noch abreisen müssen, heißt es später. Gegen 19 Uhr kann der Flieger landen.

VIP-Behandlung für Obamas Tross

Wenn man in der Blase des Weißen Hauses unterwegs ist, hat das einige Nachteile. Man kann zum Beispiel nur schwer ausbrechen, weil man immer fürchten muss, eine Anmeldefrist oder ein wichtiges Briefing von Obamas Mitarbeitern zu verpassen. Man läuft Gefahr, die Lage zu sehr durch die Brille des US-Präsidenten zu sehen. Aber natürlich hat es auch Vorteile. Die Amerikaner schaffen an vielen Orten eine Internetverbindung, was in Kuba wirklich sehr angenehm ist. Man reist ohne Pass, weil das Weiße Haus ihn schon Tage vor der Reise eingesammelt hat. Und man ist ein klein bisschen näher dran an den Dingen, die die Reise ausmachen. Praktisch bei jedem Termin ist ein Platz reserviert.

Zum Beispiel im Großen Theater von Havanna, in dem Obama am Dienstag auftritt. Er will eine Rede halten, die zeigen soll, wie ernst er es mit der Normalisierung der Beziehungen meint, aber der Termin wird zum Schauspiel, das sehr gut zur gesamten Reise passt. Das Theater liegt am Rande der Altstadt, gleich neben dem Kapitol. Dort, wo normalerweise Touristen flanieren, ist am Morgen kaum ein Mensch zu sehen. Die Polizei hat Barrikaden errichtet, die Straßen sind gesperrt. Wir dürfen durchlaufen und schlüpfen durch einen Seiteneingang ins Innere des Gebäudes. Ein Mitarbeiter der amerikanischen Botschaft empfängt uns und weist uns an. Name des W-Lans, Anzahl der Sitze, Ort der Toiletten. Wir nehmen Platz vor dem Balkon, auf dem wenig später Raúl Castro erscheint. Es gibt Ovationen.

Castro lässt sich ausgiebig feiern, man sieht, wie er es genießt. Der Obama-Besuch ist für ihn sehr schwierig, weil der amerikanische Präsident ein populärer Mann ist auf Kuba und der kleine Sozialist neben dem großen Vorzeigepolitiker noch ein wenig aus der Zeit gefallener wirkt, als ohnehin schon. Wie so vieles bei diesem Staatsbesuch ist auch der Termin im Theater eine Art Duell. Keiner von beiden will das Gesicht verlieren.

Castro steht auf dem Balkon, winkt nach links, winkt nach rechts, macht ein paar Gesten, die den Menschen bedeuten sollen, mit dem Applaus langsam zum Ende zu kommen. Er zeigt auf die Bühne, wo zwei große Fahnen aufgestellt sind, eine kubanische und eine amerikanische, es wirkt, als wolle er auf den wahren Höhepunkt hinweisen, den Auftritt Obamas. Es ist eine Inszenierung des 94-Jährigen, er gefällt sich in der Rolle des Gönners.

Terror in Brüssel überschattet den historischen Besuch

Obama hat das Problem, das die Welt in diesem Moment ein Stück weiter nach Westen blickt. In Brüssel sind Bomben explodiert, daheim haben die Republikaner schon begonnen, Obamas Reise in die Karibik mit der Tragödie in Europa zu vermischen. Die Leute des Präsidenten feilen kurz vor der Rede im Theater an einer Reaktion, sie muss schnell sein, weil sich Geduld und Terror nirgends so wenig vertragen, wie in den USA. Sie verschicken eifrig E-Mails, die zeigen sollen, dass die Regierung über die Situation im Bilde ist. Obama beginnt seine Rede mit einem Appell an die Welt, doch bitte möglichst einig gegen die Barbaren des Islamischen Staats vorzugehen. Das ist nicht sonderlich originell, aber er läuft jetzt mit in den Reaktionen. Das ist entscheidend in der Hochgeschwindigkeits-Welt der Politik.

Der eigentliche Teil von Obamas Rede ist wirklich interessant. Er versucht auf eine sehr sympathische und undogmatische Art und Weise, den Zuschauern ein positives Bild von Amerika, der Demokratie und der Freiheit zu vermitteln. Es gibt viel Applaus, besonders an jener Stelle, an der er sagt, er sei gekommen, um "die Reste des Kalten Krieges" zu beerdigen. Der Isolationskurs gegenüber Kuba habe nicht funktioniert. Die Amerikaner sind häufig wegen ihres Unilateralismus gescholten worden. Obama gesteht unilateral Fehler ein, das ist ein erstaunlicher Ansatz.

Obama vor dem Che-Guevara-Konterfei

Es wird leiser, als er auf die heiklen Punkte zu sprechen kommt, die fehlende Privatwirtschaft auf Kuba und die politischen Zwänge zum Beispiel. Für Castro ist das eine schwere Zumutung, aber das muss auch mal sein, die Kubaner machen ihre Punkte ja ebenfalls bei diesem Besuch. Obama muss sich einmal vor einem Che-Guevara-Konterfei fotografieren lassen, er muss mehrfach im Revolutionspalast erscheinen, und bei der gemeinsamen Pressekonferenz versucht Castro, den Arm des Präsidenten zur Siegespose in die Höhe zu reißen. Jetzt ist Castro mal dran.

"Sie brauchen keine Angst vor ihrem Volk haben", ruft Obama dem im ersten Rang sitzenden Castro zu. Nur die Amerikaner klatschen nun noch. Josh Earnest, der Sprecher des Präsidenten, ist immer der erste, der nach schönen Sätzen seines Chefs applaudiert, es ist eine Praxis, die im Weißen Haus ähnlich populär zu sein scheint, wie im deutschen Justizministerium. Der kubanische Teil des Publikums, im rechten Teil des Saals sitzend, traut sich nicht recht. Es ist offenbar sehr sorgsam ausgewählt worden. Die Rede wird im Staatsfernsehen übertragen.Nach einer halben Stunde verschwindet Obama unter kurzem Beifall. Castro tritt wieder auf den Balkon. Die Stimmung ist bestens. "Raúl!", "Raúl!" schallt es von den Rängen. Die amerikanische Delegation schaut etwas verdutzt. Der Sozialismus lebt, jedenfalls noch ein wenig.

Die Stimmung ist wechselhaft

So wellenförmig, wie die Stimmung im Theater verläuft, verläuft sie beim gesamten Staatsbesuch. Mal gut, mal schlecht, dann wieder gut. Gleich am Sonntag, als bei der Ankunft von Obamas Air Force One Raúl Castro nicht am Flughafen erscheint, machen die Amerikaner keinen glücklichen Eindruck. Am Montag besuchen sie gemeinsam das Mahnmal des Freiheitskämpfers Jose Martí und es wirkt fast, als machten sie das seit Jahrzehnten. "Es ist für mich besonders bedeutend, Jose Martí zu ehren, der sein Leben für die Unabhängigkeit seines Landes gab", schreibt Obama in das Gästebuch. Die Kubaner sind zufrieden.

Auf der anschließenden Pressekonferenz im Revolutionspalast, als Obama die Journalisten zu Fragen ermuntert, scheint wiederum Castro unzufrieden. Wie entscheidend die Frage der politischen Häftlinge für den Wandel auf Kuba ist, möchte er nicht so recht wahrhaben. Er wirkt patzig und genervt. Aber am Abend, beim State Dinner, gibt es wieder gutes Essen und teure Zigarren. Es ist ein langsames Herantasten der beiden Staatschefs, und immerhin: Miserabel ist die Stimmung nie, auch nicht im Theater.

Obamas Rede im Gran Teatro hat Castro natürlich nicht gefallen, das sehen auch einzelne amerikanische Journalisten so, die einen Platz haben, von dem aus sie jede Gestik Castros beobachten können. "Ein versteinertes Gesicht", habe der Kubaner während Obamas Auftritt gemacht und angeregt mit seinem Minister getuschelt, verschicken sie in einer ihrer so genannten "Pool"-Emails.

Obama spaziert Kaugummi kauend durch Havanna

Es ist nämlich nicht so, dass alle im Pressetross des Weißen Hauses die gleichen Rechte hätten. Es ist eine Art Kastenmodell, dessen Grundzüge schon im Charter-Flugzeug zu erkennen sind. Ganz vorne, wo die Beinfreiheit am größten ist, sitzen die Stars der amerikanischen Fernsehstationen. Dahinter die Stars der Printmedien. Und dann kommen irgendwann die ausländischen Kollegen, von denen in Amerika niemand ein Star ist.

Eine eigene Kaste bildet die "Pool"-Presse, bestehend aus einigen wenigen Journalisten, die nicht nur in der Präsidentenmaschine mitfliegen dürfen, sondern noch dazu bei den meisten Terminen Zugang zu Obamas direktem Umfeld haben. Um die Ungerechtigkeit ein wenig erträglicher zu machen, sind sie veranlasst, ihre Beobachtungen an alle mitreisenden Kollegen zu emailen. So erfährt man viele zusätzliche Details, manchmal so viele, dass das Postfach regelrecht überquillt. Nicht immer ist der Informationsgehalt hoch, ganz unterhaltsam sind die Berichte mitunter schon. Obama kaut zum Beispiel angeblich Kaugummi, als er in Havanna durch die Altstadt spaziert. Und als er Castro in seinem Palast trifft, sprechen sie erstmal über ihre Töchter. Aber der "Pool" ist eine merkwürdige Einrichtung im amerikanischen Journalismus. Er lässt eine Nähe zu, die es schwierig machen kann, noch die nötige Distanz zu wahren. Manchmal ist der Job aber auch nur nervig. Beim Rundgang in der Altstadt schüttet es, und die Reporter müssen buchstäblich im Regen stehen bleiben, während der Präsident speist.

Organisatorisch läuft alles recht gut in diesen drei Tagen, in denen der Präsident auf Kuba ist. Das ist nicht selbstverständlich. Die Blase des Weißen Hauses ist riesig. 1200 Sicherheitskräfte und Diplomaten sind angereist. Dazu 100 Journalisten, der Präsident kommt in seiner Air Force One mit 40 Kongressmitgliedern und einem Dutzend Wirtschaftsbossen. "Wenn wir in Länder wie Ghana oder Bukina Faso fliegen, machen die einfach, was wir wollen. In Kuba hat die Regierung noch einen gewissen Stolz", umschreibt es ein US-Beamter.

Kein Termin mit Fidel Castro

Dass alles am Ende doch irgendwie klappt, liegt nicht zuletzt an Ashley, einer resoluten Afroamerikanerin, die die Reiseabteilung des Weißen Hauses leitet. Sie wacht über die Termine, die Arbeitsplätze, die Zutrittsberechtigungen. Ashley schreit mehr, als dass sie spricht, aber das ist durchaus hilfreich. Natürlich versuchen sich Kollegen auch mal, bei den Terminen von Obama und Castro in einen unbefugten Bereich zu mogeln. Aber Ashley schreit dann einfach so laut "Nein", dass gleich ein Secret-Service-Mitarbeiter anrückt, um nach dem Rechten zu schauen, und die Situation klärt sich von selbst.

Den Beratern von Obama ist erkennbar daran gelegen, die Reise als großen Erfolg darzustellen. Dass Amerikaner und Kubaner jetzt wieder miteinander sprechen, ist tatsächlich ein schönes Beispiel für die Macht der Diplomatie. Obamas Leute reichen Kopien einer kubanischen Zeitung herum, die die gesamte Pressekonferenz inklusive kritischer Fragen abgedruckt hat. "Was will man mehr?", fragt einer aus der Delegation. Sie streuen immer wieder das Wort "historisch". Der Anflug auf Havanna? "Historisch." Der Besuch am Mahnmal. "Historisch." Obamas Rede live im Fernsehen? "Historisch."

Aber Josh Earnest, der Sprecher, und Ben Rhodes, der mitgereiste Sicherheitsberater, müssen auf Hintergrundgesprächen auch viel erklären. Zum Beispiel, warum Obama in diesen so historischen Zusammenhängen eigentlich nicht Fidel Castro treffe. Nunja, sagt Rhodes. Ein Treffen mit Fidel Castro sei nie angefragt worden, auch nicht von der anderen Seite. Und ein Gespräch mit ihm wäre auch "sehr rückwärtsgewandt". Man kann das glauben, aber wer Obama ein wenig beobachtet hat, weiß, dass er eine Figur der Zeitgeschichte, so umstritten sie auch sein mag, wahrscheinlich schon ganz gerne getroffen hätte.

Es geht jetzt zum letzten Termin, im Baseballstadion von Havanna haben sich Obama und Castro zum gemeinsamen Gucken verabredet. Die Tampa Bay Rays spielen gegen Kubas Nationalteam. Die großen Sportligen Amerikas haben ein gutes Gespür für Geschäfte, aber ein ebenso gutes für Symbolik. Das Spiel ist auch ein kultureller Austausch. Die Amerikaner schieben eine Schweigeminute für Brüssel ins Programm. Die Kubaner lassen Tauben steigen. Die Nationalhymnen werden gesungen.

Die Politik tritt jetzt zurück und das scheint sich merklich auf die Stimmung der beiden Protagonisten auszuwirken. Obama trägt Sonnenbrille und ein weißes Hemd, in einer Pause will er dem Sportsender ESPN ein kurzes Live-Interview geben. Castro führt ihn wie einen guten Freund in den unteren Bereich des Stadions. Die Spieler laufen ein. Das Publikum jubelt, und noch bevor das Spiel beginnt, rauscht eine Welle durch das Rund.

Obama reißt die Arme hoch, Castro auch. Sie blicken sich an und lachen.

 

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