Sonntag, 24. März 2019

Japan zieht Lehren aus Tsunami-Katastrophe Radarwarner gegen Killerwellen

Ausgelöst durch ein Seebeben rollten am 11. März 2011 unglaubliche Wassermassen auf Japans Küste zu. Der Tsunami forderten mindestens 16.000 Tote

Vor knapp acht Jahren, am 11. März 2011, traf eines der größten Erdbeben der Menschheitsgeschichte die Hauptinsel Japans mit der Wucht von zwei Millionen Hiroshima-Bomben und verschob die Insel um rund drei Meter in Richtung Amerika. Die meisten der knapp 16.000 Toten und mehr als 3500 Vermissten wurden allerdings nicht Opfer des Bebens selbst, sie ertranken in den bis zu 39 Meter hohen Flutwellen, die die Nordostküste Japans 40 bis 70 Minuten nach den Erschütterungen erreichten - und sie geradezu versenkten. Der zu spät erkannte Tsunami war auch der Auslöser des nuklearen GAUs von Fukushima. Die 38-Millionen-Metropole Tokio, nur 240 Kilometer entfernt, entging nur um Haaresbreite einem Desaster. "Das nächste Mal haben wir nicht so viel Glück", sagte Japans damaliger Premier Nato Kan.

Bertel Schmitt
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    Bertel Schmitt
    Bertel Schmitt machte 35 Jahre lang Werbung, vor allem für Volkswagen. 40 Jahre lang war er der Kopf hinter dem "Merkheft" von Zweitausendeins. Der gebürtige Bayer lebt in Tokio, arbeitet für das Onlineportal TheDrive und betreibt zusammen mit seinem Partner Ed Niedermeyer den Industrie-Blog Dailykanban.com.

Tsunamis lassen sich nicht verhindern, aber überleben. Dabei helfen soll eine neue Radarwarntechnologie, die kürzlich in der japanischen Hauptstadt vorgestellt wurde und die erheblich bessere Vorwarnzeiten verspricht sowie eine weitaus höhere Genauigkeit. Ihr Einsatz soll dazu beitragen, dass bei der nächsten Naturkatastrophe dieser Art weitaus weniger Menschen mit ihrem Leben bezahlen müssen.

Zubetoniert und abgestumpft

Japan ist relativ routiniert im Umgang mit Erdbeben, die Erde wackelt hier nahezu täglich. Eine Vier oder eine schwache Fünf auf der in Japan üblichen Shindo-Skala (man misst hier nicht nach Richter) bringt niemanden aus der Ruhe. Neue Häuser sind erdbebensicher gebaut, doch gegen meterhohe Flutwellen sind auch sie nicht gefeit. Schutz verheißt allein eine ausreichende Höhe über dem Meeresspiegel. Häuser in Strandlage sind billig in Japan.

Der Tsunami von 2011 kam völlig überraschend und löschte ganze Städte aus. Warnungen kamen zu spät und wurden zudem in vielen Fällen ignoriert; man wähnte sich sicher hinter den Flutmauern, mit denen schon vor Jahren weite Teile von Japans Küste zubetoniert wurden, man war abgestumpft von zu vielen Fehlalarmen in der Vergangenheit.

Anfällig und unzuverlässig

Das Inselreich verlässt sich zurzeit auf ein Netz von Warnbojen, die aus technischen Gründen nicht weiter als 20 Kilometer vor der Küste platziert werden können. Eine Tsunami-Welle bewegt sich mit der Geschwindigkeit eines Lastwagens auf die Küste zu. "Bis zu 98 Kilometer pro Stunde", sagt Toshio Wakayama vom Technologiekonzern Mitsubishi Electric. Damit bleiben den Betroffenen, wenn der Alarm ausgelöst wird, gerade einmal etwas mehr als zehn Minuten Zeit, um sich in rettender Höhe in Sicherheit zu bringen.

Zudem sind die Bojen recht unzuverlässig und anfällig. Im vergangenen Jahr wurde Indonesien von einer Flutwelle überrascht, weil die Bojenanlage schon seit sechs Jahren außer Betrieb war - es fehlte an Geld für die Instandhaltung. 822 Menschen starben.

Vorwarnzeit verdreifacht

Seit 2011 arbeiten Mitsubishi-Electric-Manager Wakayama und seine Kollegen mit Hochdruck an einer besseren Lösung. Das menschliche Auge erkennt einen Tsunami vergleichsweise schnell: Ein langer Wellenstrich, der sich schnell vom Epizentrum weg entfernt, oft gefolgt von einem zweiten oder mehreren. Radar versagte bisher bei der Erkennung von Tsunamis: Es konnte nur punktuelle Wellen erfassen, keine Wellenstriche. Wakayamas Team ist es jetzt gelungen, die einzelnen Punkte auf dem Radar gewissermaßen zu verbinden, so dass das System Alarm schlägt, wenn gefährliche Striche auf dem Schirm auftauchen.

Das neue radargestützte System erlaubt es, von einem sicheren Radarturm aus Tsunamis in einer Entfernung von bis zu 50 Kilometern zu orten. Dadurch steigt die Vorwarnzeit auf eine halbe Stunde. Das ist noch immer nicht viel, aber mehr als genug, um sich in höheren Gefilden in Sicherheit zu bringen. Noch besser: Die Fehlalarmquote des neuen Systems liegt bei 0,1 Prozent. Wenn jetzt die Sirene ertönt, ist klar: Es wird ernst. Darüber hinaus spart das neue System auch noch Kosten. Dahinter steht lediglich ein Computer-Algorithmus, eine Software, die mit bereits bestehender Radar-Hardware arbeitet.

"Bis 2025 wird eine geschlossene Radarwarnkette das Land vor Tsunamis schützen", verspricht Wakayama, Leiter der Abteilung Radar Signal Processing Technology bei Mitsubishi Electric. Besucher der Olympischen Spiele 2020 in Tokyo reisen also noch auf eigene Gefahr.

Bertel Schmitt machte 35 Jahre lang Werbung, vor allem für Volkswagen und schreibt als Meinungsmacher für manager-magazin.de. Wie bei den anderen Meinungsmachern auch, gibt seine Meinung nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

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