Donnerstag, 21. September 2017

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Schäden durch Hurrikan "Harvey" Stillstand in Amerikas Energiezentrum

Überschwemmte Raffinerie in Texas City

Hurrikan "Harvey" legt in Texas eines der wichtigsten Zentren der Öl- und Gasindustrie weitgehend lahm. Auch andere Branchen sind betroffen. Experten erwarten Milliardenschäden.

Die Raffinerie des Energiekonzerns Exxon Mobil Börsen-Chart zeigenin Baytown ist die zweitgrößte der USA. Knapp 50 Kilometer östlich von Houston werden normalerweise täglich bis zu 560.000 Barrel Öl zu Kraftstoff verarbeitet.

Doch am vergangenen Wochenende war alles anders: Wegen der Überflutungen durch Hurrikan "Harvey" gab Exxon die vorübergehende Schließung der Anlage bekannt. "Sicherheit ist unsere oberste Priorität", sagte eine Sprecherin. Zuvor waren weiter westlich bereits mehrere Raffinerien in Corpus Christi geschlossen worden.

Die Überschwemmungen in Texas treffen nicht nur Hunderttausende von Bürgern, sondern auch eines der wichtigsten Zentren der amerikanischen Öl- und Gasindustrie. In der Region ist fast die Hälfte der US-Raffinerie-Kapazität angesiedelt, aus dem Golf von Mexiko stammt knapp ein Fünftel des in den USA geförderten Öls. Die schwer von "Harvey" getroffene Metropole Houston ist Sitz Tausender Unternehmen der Branche und vermarktet sich häufig als "Energiehauptstadt der Welt".

Durch den Sturm wurden nun laut einer Schätzung der Ratingagentur Standard & Poor's rund 2,2 Millionen Barrel an Raffineriekapazitäten vorübergehend stillgelegt. Aus Sorge vor Nachschubproblemen deckten sich Investoren am Montag mit Benzin ein. Der Wert entsprechender US-Terminkontrakte, mit denen sich Investoren Lieferungen in der Zukunft sichern, stieg um knapp sieben Prozent - mit fast 1,78 Dollar je Gallone (3,8 Liter) lag der Preis für diese Kontrakte so hoch wie zuletzt vor zwei Jahren. Die Folgen könnten amerikanische Autofahrer schon bald an der Zapfsäule spüren. Experten halten einen Preisanstieg von bis zu 25 Cent pro Gallone für möglich.

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Auch die Rohölförderung wurde schwer beeinträchtigt. Nach Angaben des staatlichen Bureau of Safety and Evironmental Enforcement wurden 105 der 737 Ölförderplattformen im Golf von Mexiko vorübergehend evakuiert. Der Behörde zufolge wurden rund 22 Prozent der Ölförderung und 26 Prozent der Gasförderung in den Gewässern gestoppt. Ängste vor Engpässen ließen den Gaspreisauf den höchsten Wert seit vier Monaten steigen.

Die Preise für Rohöl fielen hingegen zunächst leicht. Die Sorte Brent Börsen-Chart zeigenaus der Nordsee verlor 0,3 Prozent auf 52,23 Dollar je Barrel und die US-Sorte WTI gab 1,1 Prozent auf 47,32 Dollar nach. Der Grund: Zum einen bleiben Hersteller ohne die Raffinerien auf ihrem Produkt sitzen. Zum anderen gibt es derzeit weltweit ohnehin ein Überangebot an Öl.

Gesamtschaden könnte bis zu 40 Milliarden Dollar betragen

Genaue Angaben zum Gesamtschaden durch Harvey gibt es bislang nicht, schließlich ist der Kampf gegen die Fluten noch im vollen Gange. Der texanische Gouverneur Greg Abbott prophezeite im TV-Sender Fox News, die Kosten würden "in die Milliarden" gehen. Das Unternehmen Air Worldwide, das auf Risikomodelle spezialisiert ist, schätzt den versicherten Schaden auf 1,2 bis 2,3 Milliarden Dollar.

Die Analysefirma CoreLogic geht in einer früheren Schätzung sogar von Schäden bis zu 40 Milliarden Dollar aus. Die Berechnung beruht unter anderem auf der Annahme, dass sich rund 233.000 Häuser im Pfad von "Harvey" befinden. Bei aller Dramatik wäre "Harvey" damit immerhin deutlich harmloser als "Katrina". Der Hurrikan hatte 2005 große Teile von New Orleans zerstört und Schäden von mehr als 100 Milliarden Dollar verursacht, rund die Hälfte davon war versichert.

Heute bräuchte es laut einem Bericht des "Wall Street Journal" Verluste von 100 Milliarden Dollar über einen Zeitraum von zwölf Monaten, um die Versicherungsbranche in Schwierigkeiten zu bringen. Flutschäden an Wohnhäusern werden in den USA überwiegend nicht von privaten Policen abgedeckt, stattdessen können sich Hausbesitzer aber über das staatliche National Flood Insurance Program absichern. Viele Anbieter verkaufen zudem Versicherungen an Unternehmen.

Größere Ausschläge blieben bei den Aktien von Versicherern bislang aus. Das liegt auch daran, dass die Branche derzeit sehr gut mit Kapital ausgestattet ist. Zum einen musste sie über längere Zeit keine größeren Katastrophen mehr verkraften. Zum anderen konnten Versicherungen in den vergangenen Jahren wegen der Niedrigzinsen große Mengen an Kapital von Investoren einsammeln.

Doch auch andere Wirtschaftszweige könnten empfindlich durch "Harvey" getroffen werden, darunter die Reise- und Verkehrsbranche. Houston, die viertgrößte Stadt der USA, ist normalerweise ein wichtiges Luftdrehkreuz. Derzeit dürfen die beiden Flughäfen aber nur noch für Hilfsflüge angesteuert werden. Allein am Montag wurden dem Informationsdienst FlightAware zufolge 1400 Flüge gestrichen, übers Wochenende waren es mehr als 2000.

An der Golfküste mussten unter anderen die Häfen von Houston, Corpus Christi und Galveston ganz oder teilweise geschlossen werden. Das traf auch Touristen: Vier Kreuzfahrtschiffe der Linien Carnival und Royal Caribbean konnten nicht wie geplant an Land gehen. Davon waren insgesamt rund 20.000 Touristen betroffen.

Verschiedene US-Konzerne bemühten sich, nicht nur als Geschädigte von "Harvey", sondern auch als Helfer aufzutreten. Exxon Mobil kündigte laut "CNN" ebenso wie die Heimwerkerkette Lowe's eine Spende von 500.000 Dollar an. Google und die Versicherer Humana versprachen jeweils 250.000 Dollar. Der Einzelhandelsriese Walmart will Hilfsorganisationen mit Produkten und Barmitteln im Wert von insgesamt einer Million Dollar unterstützen.

dab/AFP/Reuters/AP/dpa

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