Mittwoch, 27. Juli 2016

Alle Artikel und Hintergründe

Frauenquote für Aufsichtsräte Mehr Realismus bitte, die Damen!

Mit den Zahlen ist es vergleichsweise einfach: Aufsichtsrätin wird man nicht im Hörsaal

Die staatliche Quote macht viele Frauen ganz nervös: Sie drängen mit Macht in die deutschen Aufsichtsräte. Dabei vergessen sie oft, dass ihnen dazu leider bislang fast immer die Qualifikation fehlt.

Aufsichtsrätin kann man lernen. Drei Tage sowie 1995 Euro geopfert - und der Verband deutscher Unternehmerinnen verwandelt seine Kursteilnehmerinnen in Unternehmenskontrolleurinnen. Bei der BeckAkademie geht die Produktion einer Rätin sogar noch schneller und günstiger: In sechseinhalb Stunden Training für 599 Euro kann die Dame "wirksame Überwachung der Unternehmensführung" einüben. Ganz seriös gibt sich die Deutsche Börse Group. Die offeriert nach einem "Zertifikatslehrgang" gar eine Prüfung zum "Qualifizierten Aufsichtsrat".

Derzeit drängt es die Frauen in derartige Veranstaltungen, gilt doch für die Aufsichtsräte börsennotierter Gesellschaften in Deutschland mit mehr als 2000 Mitarbeitern ab 2016 eine Frauenquote von 30 Prozent. So manch eine will offenbar gut vorbereitet sein, wenn der Ruf in die heiligen Hallen der Geschäftswelt erfolgt. Der feminine Drang zum Wissenserwerb ist natürlich löblich, wirft aber auch Fragen auf: Kann man Aufsichtsrat wirklich lernen? Können sich Frauen tatsächlich in einem Kursus für ein Mandat qualifizieren? Und ist es aus weiblicher Sicht eigentlich überhaupt ein begehrenswerter Karriereschritt, in einen Rat berufen zu werden?

Manuel René Theisen, Herausgeber der Fachzeitschrift "Der Aufsichtsrat" und unter anderem Professor am Institut für Corporate Governance der Privaten Universität Witten / Herdecke, hat recht, wenn er sagt: "Aufsichtsrat ist und wird auch kein Ausbildungsberuf. Man kann das nicht erlernen". Ein Unternehmenskontrolleur braucht vor allem Erfahrung und die erwirbt der Mensch vor allem im Betrieb.

Frau zu sein reicht nicht

Wer nie Führungsverantwortung hatte, nie eine Branche fachlich durchdrungen und auch nie etwas Größeres gesteuert hat als das eigene Auto, kann nicht Leute überwachen, die in einem Unternehmen Strategien entwickeln, führen und entscheiden. Das gilt besonders da, wo das neue Gesetz greifen soll: je größer der Konzern, desto größer auch die Anforderungen an seine Aufsichtsräte. Bisher galt daher: Wer in einem Dax-Unternehmen für die Kapitalseite in den Aufsichtsrat will, muss zumindest schon mal Vorstand in einem Konzern oder Vorstandschef in einer MDAX-Gesellschaft gewesen sein.

Viele Frauen sind der Ansicht, dass sich diese ungeschriebenen Regeln nun zumindest partiell auflösen, denn irgendwo müssen die weiblichen Aufsichtsräte ja herkommen, die das Gesetz ab übernächstem Jahr verlangt. Die Chefin des Lobby-Verbands FidAR oder "Frauen in die Aufsichtsräte", Monika Schulz-Strelow, ermuntert interessierte Frauen ja auch zu eben dieser Annahme mit Sätzen wie: "Das Ende der Monokultur in den Führungsspitzen naht".

Aber ist das wirklich so? Die Novelle betrifft rund 160 Unternehmen und FidARs eigene Zahlen besagen: Bleiben deren Gremien so groß wie heute, brauchen deutsche Unternehmen ganze 258 zusätzliche weibliche Aufsichtsräte. Es werden mit dem neuen Gesetz also keineswegs tausende frisch zertifizierte Damen benötigt, die einen Konzern kontrollieren könnten.

Frau Schulz-Strelow und ihren Freundinnen kann man also nur zurufen: Mehr Realismus, meine Damen! Der derzeit ausgebrochene Run auf die Aufsichtsräte ist nicht nachvollziehbar. Da präparieren sich Frauen zu Dutzenden für Positionen, die ihnen wahrscheinlich niemals angeboten werden, nur, um vorbereitet zu sein. Denn offenbar verwechseln viele ein Aufsichtsratsmandat mit einer Art TÜV-Prüfung für den Vorstand. Tatsächlich aber funktioniert es genau anders herum.

Aufsichtsrat ist der zweite Schritt

Aufsichtsrat und Vorstand sind im deutschen System bekanntlich nicht dasselbe. Das tatsächliche Geschäft, die eigentliche Führung, passiert im Vorstand. Im Aufsichtsrat wird diese Leistung nur kontrolliert. Ein Aufsichtsratsmandat ist daher nur der zweite Schritt, zunächst muss jedoch der erste erfolgen: Frauen müssen sich im Job, im operativen Geschäft - und nicht im Dreitagesseminar! - für eine Kontrolleursrolle qualifizieren. Deswegen ist - für sich alleine genommen - ein Aufsichtsratsmandat irgendwo auch kein Karriereschritt. Niemand mit klarem Verstand wird eine Vorstandsposition mit einer Person besetzen, die nur ein Aufsichtsratsmandat vorzuweisen hat, aber keine Managementerfahrung in verantwortlicher Rolle.

Im Übrigen bedeutet das neue Gesetz keineswegs, dass sich die Situation im operativen Management schnell und dramatisch ändert. Im viel zitierten Paradebeispiel Norwegen war das auch nicht der Fall. Dort sind 40 Prozent weibliche Aufsichtsräte seit 2008 obligatorisch - und diese Quote ist inzwischen sogar übererfüllt. Laut Bloomberg jedoch geht es im operativen Geschäft nach wie vor anders zu: Bisher wird bisher kein einziges der 25 größten Unternehmen des Landes von einer Frau geführt, und auch unter den Finanzchefs der Top 25 ist nur einer weiblich.

So gesehen wären die hierzulande so heiß begehrten norwegischen Verhältnisse ja längst erfüllt: Auch im Dax gibt es keinen weiblichen Vorstandsvorsitzenden und mit Simone Menne bei der Lufthansa auch nur eine Finanzchefin.

Mehr manager magazin
Zur Startseite

© manager magazin 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH