Donnerstag, 29. September 2016

EZB stellt höhere Geldflut in Aussicht Draghi: Ölpreisverfall gefährdet Konjunktur

EZB-Präsident Mario Draghi: Der Ölpreisverfall spricht gegen rasch steigende Verbraucherpreise - und nährt am Markt die Hoffnung, dass die Zentralbank noch einmal nachlegt

Der anhaltende Ölpreisverfall gibt laut EZB-Chef Mario Draghi Anlass zur Sorge. Der Italiener betonte am Donnerstag in Frankfurt nach dem Zinsentscheid der Europäischen Zentralbank (EZB), der Rohstoffkurs sei bereits seit rund zwei Jahren auf Talfahrt. Dies sei definitiv kein kurzzeitiges Phänomen mehr, über das die Währungshüter hinwegsehen könnten. Allein seit Dezember habe sich Öl um 40 Prozent verbilligt. Es bestehe die Gefahr, dass sich der Preisverfall auch in anderen Gütergruppen festsetze und dadurch eine wirtschaftliche Abwärtsspirale in Gang komme. "Bislang haben wir das nicht. Aber wir müssen sehr wachsam sein", so Draghi.

In einer sogenannten Deflationsspirale fallen Preise auf breiter Front, wobei sich Verbraucher in Erwartung sinkender Kosten mit Käufen zurückhalten, Löhne sinken und Investitionen stocken.

Deutschland gehört nach Einschätzung des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) jedoch zu den Gewinnern des weltweiten Ölpreisverfalls. "Unter dem Strich dürfte das billige Öl für die Bundesrepublik eher positive Auswirkungen haben", sagte der Konjunkturexperte des Instituts, Michael Grömling. Ungetrübt sei die Freude am billigen Öl aber nicht. Die großen Förderländer wie Saudi-Arabien oder Russland hätten in der Vergangenheit ihre üppig fließenden Petrodollars auch benutzt, um im großen Stil Konsum- und Investitionsgüter in Deutschland zu kaufen. Hier sei nun mit mehr Zurückhaltung zu rechnen, sagte Grömling.

Draghi: "Unsere Geldpolitik kennt keine Grenzen"

Die EZB ließ den Leitzins am Donnerstag auf seinem historischen Tief von 0,05 Prozent. Auch die beiden anderen Zinssätze beließen die obersten Währungshüter unverändert.

Die Preise in der Euro-Zone stiegen im Dezember nur um 0,2 Prozent, womit die EZB ihr Ziel einer Jahresteuerung von knapp zwei Prozent weiterhin deutlich verfehlt.

Auch die Prognosen der EZB für den zu erwartenden Preisanstieg stehen auf tönernen Füßen: Sie hatte im Dezember für 2016 noch einen Ölpreis von 52,20 Dollar angenommen und eine Inflationsrate von 1,0 Prozent veranschlagt. Womöglich muss diese Vorhersage im März kassiert werden, womit Befürworter einer noch sehr lockereren Geldpolitik schlagende Argumente an der Hand hätten.

Die EZB dürfte noch für längere Zeit an ihrer lockeren Geldpolitik festhalten oder sogar weitere Lockerungen vornehmen, sagte Draghi. "Unsere Geldpolitik kennt innerhalb unseres Mandats keine technischen Grenzen." Die Abwärtsrisiken für die Konjunktur seien zuletzt weiter gestiegen. Ein Risiko sei die Entwicklung in den Schwellenländern. "Wir beobachten die Entwicklungen in China genau", sagte Draghi. Monatlich kauft die EZB nach derzeitiger Planung bis zum März 2017 Wertpapiere im Volumen von durchschnittlich 60 Milliarden Euro.

Nach Draghis Worten gab der Euro nach und fiel auf sein Tagestief von 1,0778 US-Dollar. Die Kurse deutscher Staatsanleihen legten zu. Der richtungsweisende Euro-Bund-Future kletterte auf ein neues Rekordhoch von 161,84 Punkten. Auch den Börsen gaben Draghis Worte Auftrieb. Der deutsche Leitindex Dax erholte sich von jüngsten Verlusten.

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