Donnerstag, 1. September 2016

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Nordische Energiewende Wie Dänemark die Welt retten will

Wind, Sonne, Stroh: So krempelt Dänemark sein Energiesystem um
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REUTERS

In Sachen Energiewende eilt Dänemark Deutschland weit voraus: Öl- und Gasheizungen sind verboten, Windturbinen erzeugen ein Drittel des Stroms. Sogar Industrie und Energieversorger ziehen mit. Was machen die Nordländer besser?

Laut klingt sie, die dänische Energierevolution - laut und so gar nicht abgestimmt. Holzpellets klackern ins Feuer, ein Motor brummt. Wenige Schritte weiter brüllen die Wärmetauscher einer solarthermischen Großanlage, und aus einem hinteren Winkel quietscht es fürchterlich im nagelneuen Fernwärmekraftwerk Gråsten bei Sønderborg, kurz hinter der Grenze.

Projektleiter Christian Eriksen ist bei all dem Lärm kaum zu verstehen. Gemütlich schlendert der Mittdreißiger mit sportlicher Kurzhaarfrisur in eine Nebenhalle. Er zeigt auf ein Förderband, aufgeständert und von rotem Stahl ummantelt. "Dort rollen im Winter auch noch Strohballen in den Kessel", ruft er und sieht sich in der Halle um. "Wir können hier 1500 Ballen lagern." Dann geht es zurück nach nebenan ins lärmende Energie-Orchester.

In dieser südjütländischen Kakophonie ist viel enthalten von dem, was die Energiewende Made in Denmark ausmacht. So wie dem örtlichen Wärmeversorger an der Flensburger Förde fast jede Energiequelle Recht ist, Erdgas zu ersetzen, so energisch treibt das ganze Land den Umstieg auf Effizienz und erneuerbare Energien voran. Und während Deutschland angesichts steigender Strompreise tief gespalten ist in der Energiepolitik, bringen die Dänen die Bedürfnisse der Industrie und den Klimaschutz vergleichsweise gut unter einen Hut.

In 37 Jahren soll mit Öl, Gas und Kohle ganz Schluss sein

Schon jetzt stammen knapp 50 Prozent des in Dänemark erzeugten Stroms aus erneuerbaren Energien, in Deutschland sind es 23. Allein die Windkraft steuert 30 Prozent bei (Deutschland: 8 Prozent). Bis zum Jahr 2020 sollen die Rotoren beim nördlichen Nachbarn jede zweite Kilowattstunde erzeugen.

Und bereits in 37 Jahren will Dänemark vollständig auf Kohle, Erdgas und Öl verzichten - in Kraftwerken, Heizungen und Autos. Das alles sieht der dänische Energiekonsens vom vergangenen Jahr vor, den das Parlament mit einer breiten Mehrheit verabschiedet hat.

Wie ernst es die Dänen meinen, zeigt sich daran, dass Bau und Erweiterung von Kohlekraftwerken nicht mehr erlaubt sind. Verboten sind seit diesem Jahr auch Öl- und Gasheizung in neuen Privathäusern. Bauherren haben die Wahl zwischen Fernwärme, Wärmepumpen und Holzpellets, oder sie entscheiden sich gleich für ein Passivhaus. Ab dem Jahr 2016 sind Öl- und Gasheizungen auch in bestehenden Gebäuden verboten, sofern sie in Gemeinden mit Fernwärmenetz stehen.

Derart radikale Maßnahmen wären in Deutschland kaum vorstellbar. Doch in Dänemark läuft manches anders in der Energiepolitik. Das hat nicht zuletzt mit der traditionell überragenden Rolle des Staates zu tun. Die Übertragungsnetze sowie der Großversorger Dong sind in seinen Händen, seit jeher erhebt Kopenhagen drastische Steuern auf Energie.

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