Samstag, 18. August 2018

Die wahren Kräfteverhältnisse in Europa Transferunion - wird Frankreich bald für Deutschland zahlen?

Frankreichs Präsident Macron mit Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin: Wer ist wirklich der kranke Mann Europas?
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Frankreichs Präsident Macron mit Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin: Wer ist wirklich der kranke Mann Europas?

Deutschland, nicht Frankreich ist der kranke Mann Europas. Zeit für einen Kurswechsel bei uns, denn auf Hilfe aus Frankreich dürfen wir in Zukunft nicht hoffen.

Daniel Stelter

Große Hoffnungen setzt Europa in den neuen französischen Präsidenten Emanuel Macron. Dem 39-Jährigen soll mit seiner neuen politischen Bewegung gelingen, was seinen Vorgängern Sarkozy und Hollande, trotz stabiler Verankerung im politischen System Frankreichs nicht gelungen ist: die Sanierung der französischen Volkswirtschaft. Flexiblere Arbeitsmärkte, längere Arbeitszeiten, späterer Renteneintritt und ein geringerer Staatsanteil sind die Rezepte, die Frankreich wieder auf Kurs bringen sollen.

Frankreich ist gar nicht so krank

Schnell wird Frankreich mit den Krisenländern Spanien, Portugal und Italien in einen Topf geworfen. Kulturell und auch mit Blick auf die Philosophie der Wirtschaftspolitik sicherlich zu Recht. In allen diesen Ländern ist der Glaube an die Fähigkeit des Staates, die Wirtschaft zu steuern, (noch) ausgeprägter als bei uns. Doch in anderer Hinsicht ist Frankreich nicht vergleichbar. Weder gab es eine schuldenfinanzierte Scheinblüte wie in den anderen Ländern, noch sind die Wettbewerbsunterschiede zu Deutschland so eklatant.

So ist die Produktivität seit 1998 genauso wenig gewachsen wie in Deutschland. Allerdings stiegen im Unterschied zu uns die Löhne entsprechend mit, was die heute bestehende Lücke bei den Lohnstückkosten erklärt. Nicht Frankreich hat hier eine komische Politik betrieben, sondern wir.

Frankreich hat viele Unternehmen mit starker Weltmarktstellung und nimmt besonders im Bereich der hochwertigen Konsumgüter eine führende Stellung ein. Auch ist der Euro für die französische Wirtschaft keineswegs zu stark, wie Ökonomen der Deutschen Bank kürzlich vorrechneten.

Derweil investiert der Staat seit Jahren in die Infrastruktur des Landes und zwar deutlich mehr als Deutschland. Der Staatsanteil ist dabei zweifellos zu groß geworden und die Staatsschuld stellt zusammen mit dem verkrusteten Arbeitsmarkt ein Problem dar. Mit Reformen lässt sich das Wachstumspotenzial des Landes jedoch freisetzen. Die wirtschaftliche Grundlage Frankreichs ist also bei weitem nicht so schlecht, wie es hierzulande in den Medien anlässlich der Machtübernahme von Macron gerne kolportiert wird.

Gerade mit Blick auf die demografische Entwicklung, die bekanntlich zusammen mit den Zuwächsen der Produktivität über das langfristige Wachstum einer Volkswirtschaft entscheidet, stehen Frankreich und auch Großbritannien gut da - und zwar deutlich besser als die deutsche. Bereits in der Mitte dieses Jahrhunderts dürften beide Länder uns in der Bevölkerungszahl überholt haben. Zwar altern auch in Frankreich und Großbritannien die Bevölkerungen, jedoch mit weiter positiven Wachstumsraten.

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