Sonntag, 22. Oktober 2017

Bundestagswahl: Martin Schulz im Rhetorik-Check Der Herausforderer macht fast alles richtig. Fast.

Kaum eine Bundestagswahl war je so sehr rhetorisch getrieben wie diese. Die Köpfe entscheiden. Merkel oder Schulz? Eine Wirkungsanalyse ihres Auftretens zeigt, wie sie gegenüber dem Wähler wirken - und warum.

Um rhetorische Wirkung zu untersuchen, gibt es Kriterien - ähnlich den Hebeln, die man bewegt, um Reden und Antworten zu trainieren. Ich lege die an, die ich auch in Wirkungsanalysen mit Klienten benutze: Modus, Argument-Struktur, Sprachstil, Sprechstil und Staging.

Stefan Wachtel
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    Etienne Fuchs
    Stefan Wachtel ist Executive Coach und bereitet beispielsweise Spitzenmanager auf öffentliche Auftritte vor. Er ist Autor von fünf Büchern, zuletzt "Executive Modus" bei Hanser. Außerdem ist der promovierte Sprechwissenschaftler gefragter TV-Experte, u.a. bei Bundestagswahlen.
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An einer Kreuzung stehen zwei Polizisten. Als ein Passant sie nach dem Weg fragt, bekommt er keine Antwort. Er versucht es ein zweites Mal - wieder nichts. Er wiederholt die Frage auf Englisch, schließlich auf Spanisch. Keine Reaktion. Kopfschüttelnd geht der Mann davon. Da sagt der eine Polizist zum anderen: "Hast du gehört? Der konnte drei Sprachen." Antwortet der andere: "Und? Was hat's ihm genützt?"

Wie ist es möglich, dass einer, der fast alles kann, die beste Eignung hat, fast alles richtig macht, dennoch so chancenlos erscheint? Richtig, wir reden über Martin Schulz, den Kanzlerkandidaten der SPD. Einer, der nicht nur viele Sprachen spricht, sondern auch international reüssiert hat und dazu noch Bürgermeister war und die Alltagsprobleme der Menschen kennt. Der diese Sorgen auch anspricht, gute Sprüche klopft und sie sogar mit Substanz füllen kann. Einer, der auch noch originell ist und gut zuspitzten kann: "Die AfD ist keine Alternative für Deutschland, sie ist eine Schande für die Bundesrepublik." So was sitzt.

Und was richtig phänomenal ist: Schulz hat oft die nötige Flughöhe. Er ist mit ganz großen Themen gestartet, mit denen vor ihm auch Sigmar Gabriel schon Flugversuche unternommen hatte: Gerechtigkeit. In Deutschland geht es ungerecht zu. Und: Respekt. "Die Gesellschaft insgesamt hat Respekt zu zollen, wenn Menschen, die hart arbeiten, über sich reden. Es kommt nicht auf Abitur oder akademischen Titel an, sondern darauf, den Menschen jenen Respekt zu geben, den sie für ihre Lebensleistung verdient haben. Die SPD muss den Menschen diesen Respekt geben."

Respekt und Gerechtigkeit, Themen mit ethischer Kraft, Massenrelevanz und großer Fallhöhe, alle geeignet für ein Dach, das man über alles legen kann, was einen guten Wahlkampf so ausmacht. Aus dem ein Spindoktor oder der Kandidat selber ausreichend viele Derivate herstellen kann, jede Menge gute Soundbites. "Ich nenne das einen Anschlag auf die Demokratie", sagt Schulz über den Schlaftabletten-Wahlkampf der Union. Ganz groß, manche sagen, zu groß. Richtig super. Alles so, wie es sein muss. Aber wenn das alles nicht zündet, liegt es dann am Hauptdarsteller selber? Leider ja.

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