Freitag, 22. September 2017

AfD-Frontfrau im Körpersprache-Check Alice Weidel, die Reißbrett-Kandidatin

Der Erfolg einer Partei bei der Bundestagswahl hängt auch von der Körpersprache ihrer Spitzenkandidaten ab. Im folgenden Text geht es ausschließlich um eine Analyse der non-verbalen Kommunikation - also der Körpersprache. Auf politische Inhalte wird kein Bezug genommen, dieser Text ist keine politische Meinungsäußerung des Autors.

Politikerinnen und Politiker müssen uns das Gefühl vermitteln, unsere Emotionen zu verstehen. Erst in der Folge hören wir ihren Inhalten wohlwollend zu. Sicherheit, Aufgebrachtheit, Stabilität oder Aufbruch: Wer das nicht "verkörpert", bleibt ein Phrasendrescher.

Inhaltlich sorgte Alice Weidel, die Spitzenkandidatin der AfD, erst an diesem Wochenende wieder durch eine mutmaßlich von ihr stammende rassistische E-Mail für Entrüstung.

Körpersprachlich dagegen scheint Weigel auf den ersten Blick als Politikern sehr geeignet. Die blonde Frontfrau der AfD erfüllt viele Merkmale, die wir bei Alphatieren erwarten. Sie ist groß, das vermittelt den Menschen ein Gefühl von Sicherheit. Sie wirkt jung und weiß gleichzeitig, dass sie nicht zu jugendlich wirken darf. Ihr schwarz-weißer Kleidungsstil macht es unserem Auge leicht, die Konturen ihrer Körpersprache wahrzunehmen. Auch das vermittelt Sicherheit. Dass die promovierte Volks-und Betriebswirtin darüber hinaus auch noch homosexuell ist, macht die AfD weniger angreifbar von bestimmten Seiten. Am Reißbrett also, so scheint es, hat die AfD mit ihrer Nominierung alles richtig gemacht.

Wahlen werden nicht im Bierzelt gewonnen

Die Person Alice Weidel zeigt aber auch das Problem der AfD: Seit Jahren schaffen es in der Partei nur jene nach oben, die sich intern in den Grabenkämpfen am besten durchsetzen konnten. Und das sind nicht die, die die besten Fähigkeiten haben, Inhalte vielfältig und für verschiedene Zielgruppen glaubhaft nach außen zu kommunizieren. In diesem Punkt unterscheidet sich Weidel nicht von einem Bernd Lucke, einer Frauke Petry oder einem Alexander Gauland. Sie alle mögen wissen, wie man es schafft, in der AfD an die Spitze zu kommen. Doch ihnen allen fehlt das natürliche Talent, die Massen zu begeistern.

Als Beobachter darf man sich dabei nicht von tobenden Sälen und dem rauschenden Applaus der eigenen Anhänger blenden lassen. Eine aufgeheizte Fangemeinschaft braucht nur wenig, um in einen Freudentaumel zu verfallen. (Beim HSV reicht dazu schon ein 0:0.) Eine starke Aussage, ein provokantes Wort, eines, das man zwar hinter vorgehaltener Hand sagen würde, aber niemals in der Öffentlichkeit. Wenn dies nun jemand laut auf einer Bühne ausspricht, ja, dann ist diese Menge nicht mehr zu halten. Doch ein Tabubruch ersetzt kein Talent. Und nur ein großes Talent könnte auch diejenigen für die Partei einnehmen, die (noch) nicht in diesem tobenden Saal stehen. Und das sind deutlich mehr als die euphorisierte eigene Anhängerschaft.

Guck mal, wer da spricht

Ich weiß nicht, ob Alice Weidel ihre Reden selbst schreibt. Doch selbst wenn sie es tut, versteht sie es nicht, die Worte wie ihre eigenen klingen zu lassen. Es wirkt immer ein wenig, als trüge sie ein Referat vor. Ihr Blick klebt viel zu sehr an den Unterlagen. Gute Redner reden mit den Unterlagen. Große Redner reden mit den Menschen.

Sie scheint viel Energie in sich zu haben. Erkennbar ist das an den vielen kleinen unbewussten Bewegungen. Diese resultieren meist aus einem hohen Cortisolspiegel. Das Stresshormon, das in der Nebenniere synthetisiert wird, zeigt seine Wirkung in Form ebensolcher kleinen Bewegungen. So streichelt sie das Rednerpult sanft auf und ab. Und obwohl sie das Pult nur sehr zart berührt: So würde man kein Kind oder Haustier beruhigen. Es wiegelt eher auf. Dafür sind die sanften Bewegungen viel zu schnell und unstet. Diese Art der Bewegung wiegelt eher auf. (Quelle: SPIEGEL TV)

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Bild: Spiegel TV

Weidel verfällt gerne in sehr abgehackte, äußerst kurze Bewegungen. Ob aus Nervosität, Anspannung oder Zorn, ist nur schwer zu beurteilen. Ihr Auftritt wirkt dadurch aber instabil, als ob sie mit sich selbst zu kämpfen hätte und wenig freie Ressourcen hat, um mit dem Publikum zu sprechen. (Quelle: SPIEGEL TV)

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Bild: Spiegel TV

Kopf hoch!

In einem Punkt ähnelt sie Katrin Göring-Eckardt von den Grünen: Beide tendieren mit ihrem Blick Richtung Boden. Ob beim Zuhören oder beim Reden, immer wieder senkt Weidel den Blick. Das lässt Vision und Weitblick missen.

An und für sich sind ihre Bewegungen nicht schlecht, auf alle Fälle besser als ein unbewegtes Vorlesen des Textes. Sie wirken aber nur, wenn sie in Abwechslung mit Ruhe stehen. Erst dann könnte man erkennen, dass bestimmte Textteile wichtiger sind als andere. Wenn aber alles gleich ist, erkennt unser Gehirn alle Aussagen als gleich an - als gleich irrelevant. Der Opa begeistert seine Enkel auch nur dann, wenn er jeder Szene des Märchens mit Stimme und Blick eine bestimmte Aura verleiht.

Unabhängig von den politischen Inhalten stünde es jeder Partei gut an, nicht die Leute an die Spitze zu stellen, die intern am wenigsten anecken, sondern jene, die dem Volk am meisten zugewandt sind. Für die AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel gilt dies in besonderem Maße.


Unser Gastkommentator Stefan Verraist einer der gefragtesten Experten für Körpersprache, Dozent und Autor zahlreicher Bücher. Der Autor ist Österreicher - von Deutschland kennt er Weißwurst, Schietwetter und den Stau auf der A8 Richtung Salzburg. Er lebt seit einigen Jahren in München und hat mittlerweile so gut Deutsch gelernt, dass er sich hierzulande einigermaßen durchschlagen kann. Politisch hat er überhaupt keine Meinung zu den einzelnen Kandidaten.
Verra ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Dennoch gibt sein Beitrag nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wider. Wir bedanken uns an dieser Stelle bei SPIEGEL TV für die Genehmigung zur Verwendung der oben zitierten Video-Passagen Weidels.

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