Sonntag, 28. Mai 2017

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Welthandelsindex So sehr lässt der Brexit die deutschen Exporte schrumpfen

Containerschiff im Hafen von Felixstowe, Südost-England: Der Handel zwischen EU und Großbritannien dürfte nach dem Brexit schrumpfen

Getty Images

"Egal wie, der Brexit wird ein schlechtes Ergebnis für alle Beteiligten sein, ich denke das steht fest", sagt Björn Kising. Auch wenn das Vereinigte Königreich am Ende eine mit Norwegen vergleichbare Vereinbarung mit der EU treffen sollte, werde der Verlust des garantierten Zugangs zum EU-Markt die Investitionsentscheidungen von Unternehmen beeinflussen und Handelsströme hemmen, so der Ökonom und Chef des Institut für Kapitalmarktanalyse (IfK) in Köln. Kising ist sich sicher: "Dieser Handelsrückgang wird die britische Wirtschaft weniger produktiv und ärmer machen."

Allerdings wird der Brexit nicht nur Folgen für die britische Wirtschaft haben, sondern auch für die deutsche. Die Frage ist nur: Welche Folgen werden das sein?

Für manager magazin online hat das IfK zwei Szenarien kalkuliert, in denen sich der Austritt der Briten aus der Europäischen Union abspielen könnte: den sogenannten harten und den sogenannten weichen Brexit.

Möglichkeit eins: Den Briten gelingt es in den kommenden zwei Jahren nicht, zufriedenstellende Handelsbedingungen mit der EU auszuhandeln. In dem (harten) Fall müsste das Vereinigte Königreich künftig allein auf Grundlage der Regeln der Welthandelsorganisation (WTO) agieren oder - eher unwahrscheinlich - versuchen, mit jedem einzelnen EU-Staat Verträge zu schließen, so das IfK.

Die Folge wären wohl: Heftige Wechselkurseffekte, rechtliche oder marktbedingte Handelshemmnisse, möglicherweise neue Zollbestimmungen. So würde laut IfK auch die Wettbewerbsfähigkeit von Produkten und Dienstleistungen aus Deutschland sowie der EU in Großbritannien leiden, was sich wiederum direkt in der jeweiligen Handelsbilanz niederschlagen würde.

Wie die Ökonomen berechnet haben, könnten die deutschen Exportüberschüsse in diesem Extremszenario um bis zu 17 Milliarden Euro jährlich zurückgehen. Ein Minus von beinahe 7 Prozent also gemessen am jüngsten Exportüberschuss Deutschlands im Jahr 2016 in Höhe von 252,9 Milliarden Euro. Die Einbußen bei den Exportüberschüsse der gesamten EU in Richtung Großbritannien beziffert das IfK in seiner Kalkulation auf bis zu 30 Milliarden Euro pro Jahr.

Der Welt-Handelsindex des IfK für Februar: Die Geschäftslage im Handel konnte im Vergleich zum Vormonat nochmals zulegen, sodass der Welt-Handelsindex aktuell auf einem Niveau von 77,5 Punkten steht. Auch die vorausschauenden Daten wie beispielsweise die Auftragseingänge für Investitionsgüter in den USA, Japan und Deutschland haben jüngst einen merklichen Sprung nach oben gemacht, so das IfK. Das spreche für eine weitere Erholung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage.
Der Welt-Handelsindex ...
  • ... fasst alle relevanten Daten aus den vier Logistikwegen Schifffahrt, Schiene, Straße und Lufttransport zusammen und bietet ein Gesamtbild des Welthandels in einer Zahl.
    Je höher oder tiefer der Index steht, desto besser respektive schlechter steht es um den Welthandel. Weißt der Welt-Handelsindex einen Stand zwischen 85 und 100 Punkten aus, befindet sich der Welthandel im Expansionsmodus. Bei Indexständen zwischen 55 und 0 Punkten schrumpft der Warenverkehr.
    Der Welt-Handelsindex wird vom Institut für Kapitalmarktanalyse, einer Tochter der Vermögensverwaltungsgesellschaft Dr. Markus C. Zschaber, herausgegeben und monatlich exklusiv auf manager magazin online veröffentlicht. Informationen zum Index gibt es auch unter www.kapitalmarktanalyse.com.

Für wahrscheinlicher halten die IfK-Volkswirte allerdings einen weniger schroffen Austritt der Briten aus der EU, den sogenannten weichen Brexit also. In dem Fall rechnet das IfK mit einer weiteren Abwertung des britischen Pfundes, so dass es am Ende bis zu 20 Prozent unter dem Niveau von vor dem Brexit-Votum im Sommer vergangenen Jahres stünde. Auch dies würde Exportverluste der EU sowie Deutschlands nach sich ziehen, so die Experten. Während sich der Exportüberschuss der Europäischen Union in dem Fall um bis zu gut 20 Milliarden Euro reduzieren könnte, betrüge das Minus im deutschen Außenhandel möglicherweise bis zu zehn Milliarden Euro, so die Analyse.

"Großbritannien ist ein Schwergewicht für den europäischen und natürlich den deutschen Handel", resümiert Markus Zschaber, Chef der Kölner Vermögensverwaltung VMZ, deren Tochtergesellschaft das IfK ist. "Das Land steht an fünfter Stelle unserer wichtigsten Handelspartner und ist der Markt, mit dem wir nach den USA unseren zweithöchsten Außenwirtschaftsüberschuss erwirtschaften." Das gelte übrigens auch andersherum, so Zschaber: "45 Prozent des britischen Außenhandels gehen in die EU."

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