Sonntag, 4. Dezember 2016

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Höhenflug Deutschland nimmt Kurs auf die Vollbeschäftigung

Gespaltener Arbeitsmarkt: Wo schon Vollbeschäftigung herrscht - und wo nicht
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DPA

Auch wenn die Arbeitslosenquote heute nur wenig gefallen ist - Prognosen zufolge wird es in Deutschland noch in dieser Dekade Jobs für alle geben. Die Probleme für Arbeitnehmer und -geber lösen sich dadurch aber nicht in Luft auf.

Hamburg - "Müssen Sie sich jetzt einen neuen Job suchen?" Viele Menschen reagieren pikiert auf diese Frage. Doch für Barbara Ossyra ist es ein Kompliment. Sie hat ihren Job offensichtlich gut gemacht. So gut, dass man glatt meinen könnte, auf sie verzichten zu können. Barbara Ossyra ist Chefin der Agentur für Arbeit in Coesfeld. Nur gibt es dort kaum noch Arbeitslose.

In Coesfeld herrscht das, was einige Ökonomen als Vollbeschäftigung bezeichnen. Arbeit für alle. Ein Ziel der sozialen Marktwirtschaft, das über die Jahrzehnte zur Utopie zu zerfallen schien - hier wird es Realität. Dabei liegt der Landkreis nicht einmal in den Vorzeigeregionen wie Schwaben oder Franken, sondern in Nordrhein-Westfalen, wo die Schwerindustrie Lücken gerissen hat.

Coesfeld, geschrieben mit dem westfälischen Dehnungs-E, gehört zum beschaulichen Münsterland. Im Jahr 2005 lag die Arbeitslosigkeit noch bei 8 Prozent. Heute beträgt die Quote im Bermudadreieck an den Autobahnen A1, A43 und A31 nur noch 3,3 Prozent. "Wir haben nicht weniger Arbeit als andere Arbeitsagenturen", sagt Ossyra. "Aber wir dürfen das machen, was mehr Spaß macht: die Suche nach Fachkräften."

OECD sagt Vollbeschäftigung voraus

Ökonomen zufolge wird das Beispiel Coesfeld Schule machen. Denn Deutschlands Arbeitsmarkt zeigt sich vergleichsweise stark, die Arbeitslosenquote ist aktuell auf 6,6 Prozent gesunken, wie heute die Bundesagentur für Arbeit mitgeteilt hat. Besser noch: Deutschland ist auf dem Weg in die Vollbeschäftigung, sagen Experten. So prognostiziert etwa die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) der Bundesrepublik bereits für 2014 eine nach internationalen Standards gemessene Arbeitslosenquote von nur noch 5 Prozent. "Ich würde das durchaus als Vollbeschäftigungsniveau bezeichnen", sagte OECD-Deutschland-Experte Andreas Wörgötter.

Auch Joachim Möller, Direktor des Forschungsinstituts IAB der Bundesagentur für Arbeit sieht einen Trend zur Vollbeschäftigung - wenn auch eher langfristig. "Die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage am Arbeitsmarkt wird in dieser Dekade deutlich abgebaut", sagt Möller im Gespräch mit manager magazin online. In vielen Regionen Süddeutschlands liegt die Arbeitslosenquote bereits heute deutlich unter der 5-Prozent-Marke. Spitzenreiter ist Eichstätt in Oberbayern mit einer Quote von 1,2 Prozent.

Auch wenn der deutsche Arbeitsmarkt derzeit keine Vielzahl neuer Jobs bereithält und die Zahl der Arbeitslosen auch in Deutschland bis Jahresende aufgrund der schwachen Konjunktur in der Euro-Zone noch steigen könnte - an der Prognose ändert das nach Meinung vieler Ökonomen nichts. Schuld ist die Demografie. Die Generation der Baby-Boomer, also der geburtenstarken Jahrgänge nach dem Zweiten Weltkrieg, geht hierzulande in den kommenden Jahren in Rente. Gleichzeitig kommen nur vergleichsweise geburtenschwache Jahrgänge auf den Jobmarkt, und selbst die derzeit verstärkte Einwanderung gut qualifizierter Migranten funktioniert nicht ausreichend gut genug, um die Lücke zu schließen.

Das hat dramatische Folgen.

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