Dienstag, 24. Mai 2016

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Bundesarbeitsministerin Nahles zur Digitalisierung "Die Arbeit wird uns nicht ausgehen"

"Wir werden noch viel stärker neue Technologien einsetzen müssen": Bundesarbeitsministerin Nahles

Die Digitalisierung verändert die Arbeitswelt. Unternehmen werden flexibler, Hierarchien verlieren an Bedeutung, Roboter übernehmen. Wie werden wir künftig arbeiten? Drei Fragen an Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD).

mm.de: Die Wirtschaft digitalisiert sich in rasantem Tempo. Viele Studien prophezeien einen Umbau der Unternehmens- und Arbeitsstrukturen, der zum Verlust von Hunderttausenden Arbeitsplätzen führen könnte. Nehmen uns die Roboter die Jobs weg?

Nahles: In einigen Bereichen werden Arbeitsplätze wegfallen, aber dafür werden auch viele neue Arbeitsplätze entstehen, wenn wir die Digitalisierung richtig anpacken. Die aktuelle Arbeitsmarktprognose des Bundesinstituts für Berufsbildung und des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung erwartet auch unter Berücksichtigung der Digitalisierung bis 2030 kaum Veränderung in der Gesamtbeschäftigung. Klar ist aber, dass sich konkrete Arbeitstätigkeiten und die Anforderungen in der Arbeitswelt für praktisch alle Beschäftigten durch die Digitalisierung verändern werden. Wir werden noch viel stärker neue Technologien einsetzen müssen und neuen, komplexeren Aufgaben nachgehen, weil Routinetätigkeiten automatisiert werden. Ich sehe das nicht als Horrorszenario, sondern als Chance und damit als Aufforderung zum Handeln.

mm.de: Beratungsfirmen wie McKinsey sagen, der größte Teil der "gefährdeten" Jobs werde nicht verschwinden, sondern sich wandeln. Weiterbildung ist demnach das Schlüsselwort. Wie kann die Politik dabei unterstützen?

Nahles: Qualifizierung und lebensbegleitendes Lernen werden noch mehr als heute der Schlüssel für einen funktionierenden Arbeitsmarkt sein. Sie sind die beste Arbeitslosenversicherung. Die Fort- und Weiterbildung gleicht in Deutschland aber noch einem Flickenteppich. Und gerade die, die Weiterbildung besonders brauchen, profitieren noch nicht genug: So lag die Beteiligung an Weiterbildung 2014 bei hohem Schulabschluss, also Fachabitur und darüber, bei 62 Prozent. Bei einem niedrigeren Abschluss reduzierte sie sich auf 36 Prozent. Wir müssen den Zugang von Niedrigqualifizierten zu Weiterbildung verbessern, Beschäftigte bei der Qualifizierung besser beraten und Weiterbildung in der Breite stärken. Dazu gehört auch, die Bundesagentur für Arbeit zu einer Bundesagentur für Arbeit und Qualifizierung weiterzuentwickeln.

mm: Im Zuge der Digital-Diskussion hat auch die Debatte über das Grundeinkommen wieder Fahrt aufgenommen. Zuletzt brachte es Timotheus Höttges, Chef der Telekom, ins Gespräch, mit dem Argument, es gebe künftig eben schlicht nicht mehr genug Jobs für Geringqualifizierte. Halten Sie ein Grundeinkommen für sinnvoll - oder gar notwendig?

Nahles: Wir müssen für die zukünftige Arbeitswelt auch an unkonventionelle Lösungen denken. Das bedingungslose Grundeinkommen wird uns aber nicht weiterbringen. Es steht im Widerspruch zu unserem solidarischen Sozialstaat, in dem Bürgerinnen und Bürger füreinander einstehen. Hinter unserem Modell der Sozialversicherung steht der Gedanke von Geben und Nehmen, dass man sich mit eigenem solidarischem Handeln den Anspruch erwirbt, Unterstützung einzufordern. Zudem ist meine Überzeugung: Die Arbeit wird uns nicht ausgehen, wenn wir die Digitalisierung richtig anpacken und die Menschen bei der Weiterbildung besser unterstützen.

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