Samstag, 26. Mai 2018

Zentralbank EZB senkt Leitzins auf Rekordtief - erstmals Minuszinsen für Bankeinlagen

Mario Draghi: Der EZB-Chef will noch nachlegen. Neben der Zinssenkung und der Strafgebühr für Banken hat er weitere "unkonventionelle Maßnahmen" angekündigt

Die EZB hat den Leitzins für Euroland auf das Rekordtief von 0,15 Prozent gesenkt. Zudem müssen Banken, die ihr Geld bei der Notenbank parken, künftig eine Strafgebühr zahlen.

Frankfurt - Banken in den 18 Euro-Ländern müssen künftig eine Strafe zahlen, wenn sie Geld bei der EZB parken. Die Europäische Zentralbank kappte am Donnerstag den Einlagesatz auf minus 0,10 Prozent. Er liegt damit zum ersten Mal unter der Nulllinie. Die Institute müssen somit draufzahlen, wenn sie überschüssiges Geld bei der EZB horten - erstmalig gibt es Minuszinsen in Europa.

Auch der eigentliche Leitzins sinkt. Ihn reduzierten die Währungshüter von 0,25 auf nur noch 0,15 Prozent. Der Zins für kurzfristige Ausleihungen bei der Notenbank vermindert sich von 0,75 auf 0,40 Prozent.

Zudem kündigte die EZB weitere Maßnahmen an, die im Verlaufe des Nachmittags veröffentlicht werden sollen. Damit könnte die Zentralbank die zuletzt stockende Kreditvergabe ankurbeln und ein Abrutschen der Wirtschaft in eine ruinöse Abwärtsspirale mit sinkenden Preisen und nachlassenden Investitionen verhindern.

Mario Draghi: "Wir sind noch nicht am Ende"

"Das ist ein bedeutendes Maßnahmenpaket. Sind wir schon am Ende? Nein. Wir sind hiermit nicht am Ende, solange wir uns im Rahmen unseres Mandates bewegen", sagte Draghi zu Beginn der Pressekonferenz in Frankfurt.

Der Dax Börsen-Chart zeigen reagierte mit wilden Ausschlägen auf die Ankündigungen der EZB. Zuletzt drehte der deutsche Leitindex 0,7 Prozent ins Plus und kletterte damit erstmals in seiner Geschichte über diemagische Marke von 10.000 Punkten.

EZB betritt Neuland - erstmals Minuszinsen in Europa

Die EZB hat mit ihrer Entscheidung Neuland betreten. Als erste große Notenbank erhebt sie eine Gebühr auf überschüssiges Geld, das Geschäftsbanken bei ihr parken. Mit diesem Schritt soll Zentralbankgeld in andere, wachstumsfreundlichere Kanäle gelenkt werden.

Auch die sehr niedrige Inflation soll damit angehoben werden. Zudem könnte der aus Sicht der EZB unangenehm hohe Eurokurs, der die Exportwirtschaft im Währungsraum belastet, durch die Maßnahme geschwächt werden.

Der sogenannte Einlagenzins entfällt auf überschüssiges Geld, das Banken über Nacht bei der EZB horten. Er dient als Orientierung für kurzfristige Kreditgeschäfte, an der sich zum Beispiel Geldmarktfonds und Tagesgeldkonten ausrichten. Normalerweise ist der Einlagenzins positiv, im Sommer 2012 fiel er auf null, nun weiter auf minus 0,1 Prozent. Damit liegt die Zinsuntergrenze in der Eurozone tiefer als in den anderen großen Währungsräumen. Das könnte Investoren veranlassen, in großem Stil Mittel umzuschichten, was den Eurokurs drücken würde.

Auswirkungen von Negativzinsen ungewiss

Die konkreten Auswirkungen von Negativzinsen sind allerdings ungewiss, weil es kaum praktische Erfahrungen damit gibt. In Europa haben diesen Schritt bisher nur die schwedische und die dänische Notenbank vollzogen. In Schweden hat der Negativzins von 2009 bis 2010 jedoch kaum eine Rolle gespielt, weil die schwedische Notenbank zugleich überschüssiges Zentralbankgeld abgeschöpft hat, wie es in einer Studie der US-Bank Goldman Sachs heißt.

Das dänische Experiment taugt demgegenüber eher für einen Vergleich: Nach der im Sommer 2012 vollzogenen Zinssenkung unter Null sind dort die Sätze, zu denen Banken kurzfristig Geld handeln (Interbankensätze) ebenfalls unter die Nullgrenze gesunken. Dies hat Anlagen in dänischer Krone weniger attraktiv gemacht und den Aufwertungsdruck auf die Krone gemindert. Allerdings fällt der dänische Negativzins in die Zeit, in der EZB-Chef Draghi seine "Euro-Garantie" ("Whatever it takes") ausgesprochen hat, was den Euro stark aufwerten lies.

Die Commerzbank kommt in einer Studie zu dem Ergebnis, dass ein negativer Einlagezins ein Dilemma mit sich bringen kann: So spreche der Negativzins an sich zwar für eine Schwächung des starken Euro. Allerdings kostet er die Banken auch Geld, was einer Ausweitung der Kreditvergabe im Weg stehen kann. Versucht die Notenbank für Entlastung zu sorgen, etwa indem sie den Geldhäusern erlaubt, überschüssiges Geld anstatt auf dem Einlagenkonto woanders zu parken, kann das zwar die Kreditvergabe stützen. Die Wirkung auf die Marktzinsen und den Euro dürfte dann aber abnehmen.

© manager magazin 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH