Von Arne Gottschalck
Hamburg - Die Deutschen haben Angst vor der Inflation. Mehr als die Hälfte von ihnen geht davon aus, dass sich die Geldentwertung in Zukunft deutlich beschleunigen wird. Und damit rücken die vermeintlich goldenen Anlagetipps wieder in den Vordergrund. Doch von Anfang an.
Die Europäische Zentralbank (EZB) versucht die Krise mit lockerer Geldpolitik zu bekämpfen - mit der Folge rekordniedriger Zinsen. Ändern dürfte sich an diesem Kurs erstmal nichts, zu schwach sind die wirtschaftlichen Kennzahlen aus dem Süden Europas. Die Schlussfolgerung, die Staaten Europas würden eine steigende Geldentwertung mit offenen Armen begrüßen, um die eigenen Schulden weg zu inflationieren, liegt daher nahe.
Ein Gedanke, der gerade die Deutschen skeptisch macht. Entsprechend erwarten mehr als die Hälfte von ihnen steigende Inflationszahlen, wie eine Umfrage der Boerse Stuttgart zeigt.
Politiker könnten zur Beruhigung beitragen. Finanzexperten versprechen sich einiges davon. Beispiel Aktien: Im vergangenen Jahr gab es einen Sturmlauf auf US-Werte, Aktien oder auch Dollar. Nicht, weil die US-Wirtschaft so viel besser dasteht als die in Europa, meint Greg Aldridge, der für M&G den Global Growth Fund verwaltet. "Nein, weil der Glaube an die Fähigkeit der Politiker, die Probleme in der Euro-Zone zu lösen, geschwunden ist."
Der Umkehrschluss ist nicht so leicht zu ziehen. "Vertrauen wird schnell zerstört aber baut sich nicht leicht wieder auf", sagt Aldridge. Noch sind die Menschen stark verunsichert, entsprechend dümpeln die Aktienkurse, entsprechend keimt die Angst vor der Inflation.
Und entsprechend werden Standardrezepte für dieses Umfeld ausgestellt. Es sind jedoch Standardrezepte, die längst nicht jedem schmecken.
Rezept I: Immobilien - dem Steuerzugriff ausgesetzt
Mit Immobilien hat man etwas Handfestes und Bleibendes, das ist es, was vielen Häuslekäufern vorschwebt. Vier Mauern quasi für die Rente. Doch ganz so einfach ist es nicht. Denn der Immobilienmarkt besteht längst nicht nur aus Wohnimmobilien, auch Büros oder Lagerhallen gehören dazu. Wohnimmobilien gehören zu den gefragtesten Wertanlagen. Doch gerade in deutschen Großstädten sind sie teuer geworden.
So teuer, dass der Kapitalmarktvorstand der Allianz, Maximilian Zimmerer, jüngst warnte: "Ich fürchte, es könnte zu einer Blase kommen." Einer Blase, die nicht von Großanlegern, sondern eher von Privatanlegern, getrieben wäre, "die Inflation und einen Kollaps des Euro fürchten und in Sachwerte flüchten."
Und noch ein weiteres spricht dagegen, sich ohne weiteres auf das Abenteuer Hauskauf einzulassen. "Da Immobilien nicht außer Landes gebracht werden können, sind Grundeigentümer Steuererhöhungen schutzlos ausgeliefert", sagt Thomas Beyerle, Chefanalyst der Immobiliengesellschaft IVG. Sollte der Staat an der Steuerschraube drehen, können die oft vernachlässigten Grundkosten, die Immobilien mit sich bringen, deutlich in die Höhe schnellen.
Rezept II : Anleihen - Renditeloses Risiko?
Die deutsche Bundesschuldenagentur ist in einer komfortablen Situation - sie kann sich zu Mini-Zinsen verschulden, bekommt Geld von schutzuchenden Anlegern fast geschenkt. Leiht sie für die Republik frisches Geld zum Beispiel auf zehn Jahre, zahlte sie dafür zuletzt etwas über 1,5 Prozent. Nach Inflation bleibt also keine Rendite für deren Anleger übrig.
Und was ist mit der Sicherheit? Laut AAA-Rating ist für Deutschland alles in Ordnung. Doch in Stein gemeißelt ist das Urteil längst nicht. Jüngst wischte Moody's das Triple-A von Frankreich aus. Das könnte auch Deutschland blühen, zum Beispiel, wenn die Belastungen aus den Eurorettungspaketen tatsächlich fällig werden. Spötter der Finanzszene höhnen daher bereits, deutsche Staatsanleihen böten "renditeloses Risiko".
Alternativen bieten vor allem Unternehmensanleihen. Doch dann muss das Unternehmen auch adäquate Zinsen zahlen. Davon sind große und finanzstarke Firmen inzwischen weit entfernt - die hohe Nachfrage macht es ihnen leicht, an Geld zu kommen. Und jene mit den hohen Renditeversprechen müssen beweisen, dass sie auch in der Lage sind, diese Zusagen zu erwirtschaften.
Gleichviel, Anleihen sind hierzulande beliebt. 1,7 Milliarden Euro steckten Deutschlands Anleger allein in entsprechende Fonds, notiert der Bundesverband Investment und Asset Management (BVI).
Rezept III: Gold - Krisenwährung ohne Dividende
Goldener Glanz betört die meisten. Kein Wunder, seit 2008 ist der Goldpreis von 800 auf gut 1700 Dollar geklettert. Entsprechend beliebt sind vor allem Exchange Traded Commodities (ETC), die auf Gold setzen. Auch Goldmünzen oder Goldbarren klimpern in einem steten Strom in die Schließfächer der Anleger. "Das Edelmetall profitiert von den Ängsten der Investoren", sagt Wirtschaftspsychologe Nicolaus Thiele-Dohrmann. Doch ein Selbstgänger sind diese Anlagen auch nicht.
Das liegt zum einen daran, dass Gold in Dollar gehandelt wird. Fällt der Dollar also gegenüber dem Euro, so würde trotz steigender Goldnotierungen der Wert der Anlage fallen oder zumindest stagnieren. Viel schwerer wiegt allerdings genau der Effekt, der die Menschen auf Gold aufmerksam macht - der jahrelange Preisanstieg.
Gibt es trotzdem noch Luft nach oben? Nur wenn diese Frage bejaht werden kann, könnte Gold auch als Bollwerk gegen Inflation gelten. Denn es zahlt keine Zinsen, schüttet keine Dividenden aus - im Gegensatz zu Aktien oder Anleihen.
Rezept IV: Aktien - Unternehmen müssen höhere Preise durchdrücken können
Aktien sind Wertpapiere, die den Eigner an den Gewinnen eines Unternehmens beteiligen - und damit per se ein guter Inflationsschutz, heißt es oft. Ganz so einfach ist es jedoch nicht.Denn genau wie bei den Unternehmensanleihen muss eine Firma auch künftig Gewinne erzielen, um Dividenden ausschütten zu können oder Kurssteigerungen zu begründen - und das auch inmitten der befürchteten Inflation. Dazu muss eine Unternehmen eine gewisse Marktmacht mitbringen, um zum Beispiel Preiserhöhungen an seine Kunden weiterreichen zu können. Große Konzerne können das, so der Tenor der Experten. Allerdings macht diese Eigenschaft deren Aktien noch lange zu keinem guten Kauf.
Der Investor muss sie auch günstig einkaufen können. Schlägt er bei einem überhöhten Preis zu, muss das Unternehmen lange dagegen anverdienen. Ein Lieblings-Dividendentitel vieler institutioneller Investoren wie Nestlé ist inzwischen recht hoch bewertet.
Derzeit wähnen viele Experten Europa besonders gebeutelt und damit günstig. "Im Vergleich zu den US-amerikanischen und asiatischen Small Caps und mit Blick auf ihre eigene Historie sind europäische Aktien günstig bewertet", sagt zum Beispiel Ken Nicholson, Fondsmanager des European Smaller Companies von Standard Life Investments. Eine Frage der Einstellung, ergänzt Greg Aldridge: "Die Deutschen leben inzwischen auf einer Insel der Seligen, nachdem sie lange dafür gearbeitet haben - und nun glauben sie auch an sich und diese Erfolgsgeschichte. Das schafft eine eigene Dynamik."
Die Alternative
Was bleibt also für den Anleger zu tun? Er kann das Geld auch ausgeben, in der Vorweihnachtszeit eine verlockende Variante. Und eine, der in Deutschland zuletzt mehr Menschen folgen. Wirklich robust ist der Trend allerdings nicht.
Und so erklärte Kanzlerin Angela Merkel zuletzt auch: Deutschand müsse "alles tun, um den Binnenkonsum anzukurbeln, um damit einen Beitrag zu leisten, dass auch innerhalb der Eurozone Importe aus anderen Ländern möglich sind."
Abgesehen davon - einen Ansparprozess ersetzen kann das Shoppingerlebnis nicht. Und so bleibt dem Anleger nur die Qual der Wahl über die Mittel, mit denen er seine persönliche Inflation stoppen will. Mit gezielter Einzeltitelauswahl, bestimmten Aktien hier, ausgewählten Anleihen da? Oder mit Fonds, die eine solche Mischung für ihn vornehmen? Das entsprechende Angebot entsprechender Produkte, heute multi-asset genannt, steigt stetig. Der Anleger hat die Wahl. Und wer Inflation fürchtet, muss wählen.
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