Donnerstag, 22. Februar 2018

Einwanderung schwillt an Junge Griechen zieht es nach Deutschland

Griechenlands Jugend: Perspektiven auch außerhalb des eigenen Landes gesucht

Erst trieb die Krise junge Spanier ins Ausland, auch nach Deutschland. Jetzt machen sich offenbar vermehrt junge Griechen auf den Weg. Doch anders als in der ersten Einwanderungswelle vor Jahrzehnten zieht es die gut Ausgebildeten in die Bundesrepublik - und es sind nur wenige.

Athen - Arbeitslos in der Heimat oder einen Job in der Fremde? Viele junge Griechen stehen genau vor dieser Wahl. In dem krisengeplagten Euro-Land ist die Arbeitslosigkeit auf einem Rekordniveau, wer einen Job hat, verdient oft nur einen Hungerlohn. Auch Ioanna Sarri - 30 Jahre alt, ausgebildete Erzieherin mit Germanistik-Studium - sieht in ihrer Heimat keine Perspektive. In Athen ist sie arbeitslos. Im Dezember geht sie nach München, um in einer Kindertagesstätte zu arbeiten.

"Die Situation in Griechenland macht einen auf Dauer total kaputt", sagt Sarri. "Ich habe das Gefühl, dass ich mich nicht entfalten kann und dass es keine Hoffnung gibt." Die findet sie in Deutschland - denn dort, so hatte sie gehört, mangelt es just an Erziehern: Von August 2013 an steht Kleinkindern per Gesetz ein Betreuungsplatz zu. "Für mich ist Europa mehr als ein geografischer Begriff", sagt Sarri.

Den Job hat ihr Vasilios Tsokos vermittelt. Er hat es in der Krise zu seinem Beruf gemacht, qualifizierte Arbeitskräfte aus Griechenland mit deutschen Unternehmen zusammenzubringen, die in Deutschland keine geeigneten Kräfte finden. Seine Agentur hat seit 2010 nach seinen Angaben mehr als 200 junge Lehrer, Maschinenbauer, Ingenieure, Ärzte und Krankenschwestern nach Deutschland gebracht.

Einige gingen voller Vorfreude, sagt Tsokos, doch viele sähen die Krise weniger als Chance. Sie gingen schließlich nicht freiwillig. Einige machten noch in letzter Minute einen Rückzieher, sogar mit unterschriebenem Arbeitsvertrag. "Aus Angst vor Einsamkeit", sagt Tsokos. Sarri kennt niemanden in München. Sie kennt niemanden in Deutschland. Zwei Tage lang hat sie einmal Dresden besucht.

Gut ausgebildet gekommen um zu bleiben

Vielleicht würde sie auch in Griechenland einen Job finden. Aber sie würde lange suchen und maximal wohl 860 Euro im Monat verdienen. In Deutschland bekommt sie das Doppelte. "Meine Familie hofft, dass ich nur für ein paar Jahre bleibe", sagt Sarri. In den 1960er Jahren gingen griechische Arbeiter ohne Ausbildung nach Deutschland, nur für zwei, drei Jahre, um Geld für die Familie zu verdienen. "Die Auswanderer heute sind dagegen gut ausgebildet und wollen endgültig nach Deutschland, um dort Karriere zu machen", sagt Tsokos.

In seiner Agentur treffen täglich 20 bis 30 Lebensläufe von jungen Menschen ein, die in Deutschland arbeiten möchten. "Es ist die Stabilität, die Deutschland verspricht", sagt er. "Durch die Medien wird das Bild vermittelt, dass es dort kaum Arbeitslose gibt, die Löhne gut sind und das System nicht so korrupt ist wie in Griechenland." Etwa 15 Prozent der Bewerber könne er mit deutschen Arbeitgebern zusammenbringen, berichtet Tsokos.

Die Arbeitgeber interviewen die Bewerber je nach Branche über Skype, holen sie für ein Gespräch nach Deutschland oder kommen selbst nach Athen. "Deutsche Firmen mögen griechische Kräfte", sagt Tsokos. "Sie sehen, dass die Griechen gut ausgebildet sind. Und da wir auch Europäer sind, sind die kulturellen Unterschiede nicht zu groß."

Laut dem Statistischen Bundesamt lebten im September 2012 mit rund 314.000 etwa 11 Prozent mehr Griechen in Deutschland als im Vorjahr. 119.600 von ihnen sind laut Bundesagentur für Arbeit (BA) beschäftigt, weniger als ein Fünftel davon in 400-Euro-Jobs.

Ein Sprecher der BA vermutet: In den kommenden Monaten werden noch mehr Südeuropäer nach Deutschland kommen. "Wegen der Engpässe an Fachkräften sind qualifizierte Bewerber gefragt", bestätigt ein Sprecher der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Von einem Ansturm könne aber keine Rede sein. "Der Großteil wird in Deutschland bleiben", meint Tsokos. "Ich glaube nicht, dass sich die Lage in Griechenland so stark verändern wird, dass viele zurückkehren werden."

Einige Wochen bleiben Ioanna Sarri noch, um ihr Leben in Deutschland vorzubereiten. Ihr Diplom ist übersetzt, der meiste Papierkram erledigt. 28 Tage Urlaub hat sie in ihrem neuen Job in Deutschland künftig im Jahr, da geht es sicher auch mal nach Griechenland. Allein schon wegen der Sonne.

von Jenny Kallenbrunnen, dpa

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