Mittwoch, 22. November 2017

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Wende auf dem Arbeitsmarkt Die Spanier kommen

Stark gesucht: Deutsche Unternehmen steigern die Anwerbung von Hochqualifizierten in den europäischen Krisenstaaten
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Stark gesucht: Deutsche Unternehmen steigern die Anwerbung von Hochqualifizierten in den europäischen Krisenstaaten

2. Teil: Deutschland avanciert zum Einwandererstar der OECD

Die Bundesvereinigung deutscher Arbeitgeber (BDA) macht fehlende Sprachkenntnisse ebenfalls als wichtigste Bremse für die Zuwanderung aus: "Gut qualifizierte Bewerber aus dem europäischen Ausland sind bei den Unternehmen durchaus gefragt", sagt ein Sprecher der Organisation. "Fehlende Sprachkenntnisse sind aber oft ein Hindernis."

Die deutschen Betriebe seien in dieser Hinsicht sehr konservativ, bestätigt auch Herbert Brücker, Experte für Migration beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). "Das ist ein Grund, warum die Zuwanderung in den deutschen Arbeitsmarkt bisher trotz der hohen Arbeitslosenzahlen in den südeuropäischen Ländern überschaubar bleibt."

So seien bis Ende 2011 gerade einmal 30.000 bis 35.000 Menschen aus den Krisenländern Spanien, Griechenland, Irland und Italien nach Deutschland eingewandert. "Die Zuwanderungszahlen aus Südeuropa steigen, aber langsam und von einem niedrigen Niveau aus", sagt Brücker. Deutlich mehr Zuwanderer kämen aus den neuen EU-Mitgliedsstaaten im Osten Europas.

"Insgesamt ist die Nettozuwanderung im Jahr 2011 auf fast 280.000 Menschen gestiegen", berichtet Brücker. "Das ist deutlich mehr als der langjährige Durchschnitt von rund 75.000 Zuwanderern pro Jahr." Deutschland ist damit das OECD-Land, das aktuell das stärkste Wachstum der Migration zu verzeichnen hatte, meldet die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD).

300.000 Zuwanderer benötigt

Schafft es Deutschland, dieses Zuwanderungsniveau in den kommenden Jahren zu halten, könnte das die zu erwartenden Lücken am heimischen Arbeitsmarkt fast schließen: "Wir werden mittelfristig 200.000 bis 300.000 Nettozuwanderer brauchen, damit der Arbeitsmarkt hierzulande nicht austrocknet", rechnet IAB-Experte Brücker vor.

Steigende Zuwanderungszahlen sind also eine gute Nachricht für den deutschen Arbeitsmarkt. Hinzu kommt: Das Qualifikationsniveau der Neu-Zuwanderer ist gestiegen. "Mittlerweile verfügt rund die Hälfte aller Zuwanderer über eine hohe berufliche Qualifikation. Vor wenigen Jahren lag der Anteil der Hochqualifizierten noch bei nur 20 Prozent", sagt Brücker.

Die verstärkte Zuwanderung qualifizierter Arbeitskräfte hat dem deutschen Arbeitsmarkt gut getan, bestätigt Steffen Henzel vom Münchener Ifo-Wirtschaftsforschungsinstitut. "Wir hatten eigentlich für das Jahr 2012 einen Rückgang des Erwerbspersonenpotenzials erwartet", sagt er. Das heißt: Verfügbare Arbeitskräfte wären ohne die vermehrte Zuwanderung dieses Jahr knapp geworden - und das, obwohl die Unternehmen gleichzeitig vergleichsweise viele offene Stellen anbieten.

"Die Beschäftigtenzahl und die Zahl der offenen Stellen stagnieren zwar aktuell, aber auf einem hohen Niveau", sagt Hetzel. In einigen Branchen käme es deshalb weiterhin zu Engpässen, obwohl die Zahl der offenen Stellen im Juni auf den niedrigsten Stand seit gut einem Jahr sank. Doch werde der Rückgang des Erwerbspersonenpotenzials dieses Jahr durch die unerwartet hohe Zuwanderung ausgeglichen, sagt Henzel. "Das sorgt für Entspannung am Arbeitsmarkt."

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