Samstag, 18. August 2018

VDI-Studie Ingenieurmangel kostet deutsche Wirtschaft Milliarden

Raumfahrtingenieur bei EADS: Sorge vor Innovationsflaute

Den Unternehmen fehlen Fachkräfte. Laut einer Studie sind mehr als 100.000 Ingenieurstellen in Deutschland unbesetzt. Allein im vergangenen Jahr habe die heimische Wirtschaft dadurch acht Milliarden Euro verloren. Experten sehen die deutsche Innovationskultur in Gefahr.

Hannover - Angesichts der Euro-Krise wirkt Deutschland wie eine Insel der Seligen. Ökonomen sagen der heimischen Wirtschafttrotz flauer Weltkonjunktur ein solides Wachstum voraus. Deutsche Firmen melden gestiegene Exporte und der Arbeitsmarkt ist stabil. Doch laut einer Studie des Ingenieurverbands VDI und des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) ist der Höhenflug der heimischen Wirtschaft wegen eines Mangels an Fachkräften in Gefahr. Die Zahl der Ingenieure hinke der Nachfrage der Firmen weit hinterher.

Demnach entstand in Deutschland allein im vergangenen Jahr ein Wertschöpfungsverlust von knapp acht Milliarden Euro, weil monatlich rund 92.000 offene Ingenieursstellen nicht besetzt werden konnten. "Wenn wir die Ingenieurlücke nicht schließen können, wird der weiter fortschreitende Fachkräfteengpass zu einer Bedrohung des Geschäftsmodells Deutschland führen", sagte IW-Geschäftsführer Hans-Peter Klös.

Laut VDI hat sich die Lage seit 2010 verschärft. Damals fehlten im Schnitt monatlich 61.000 Ingenieure, erklärte VDI-Direktor Willi Fuchs. Das habe die wirtschaftliche Leistung schon damals verringert: 2010 fiel demnach durch Ingenieurmangel ein Wertschöpfungsverlust von 3,3 Milliarden Euro an.

Mit dem Aufschwung in Deutschland ist laut VDI die Nachfrage nach Fachkräften gestiegen. Demnach gab es im März dieses Jahres 110.400 offene Ingenieurstellen in Deutschland. "Das ist der höchste Wert seit Beginn der Erhebung im August 2000", sagte Fuchs. Im Vergleich zum Vorjahresmonat sei die Zahl der offenen Stellen um mehr als 26 Prozent gestiegen. Zugleich seien im März 18.850 Ingenieure arbeitslos gewesen.

Die meisten Fachkräfte fehlen demnach im Maschinen- und Fahrzeugbau mit fast 37.000 offenen Stellen. Bei den Elektroingenieuren werden demnach 23.000 Fachleute benötigt. Die höchste Nachfrage gibt es laut der Studie in Baden-Württemberg, Bayern und Nordrhein-Westfalen.

Hohe Gehälter machen kleinen Firmen Probleme

Vor allem für kleine und mittelständische Unternehmen werde der Engpass zu einem Problem, sagte der VDI-Chef. Sie fänden einerseits kaum noch Bewerber. Andererseits stiegen die Gehälter und kleine Firmen könnten sich die Fachkräfte deshalb nicht mehr leisten. Die Diskussion um den Fachkräftemangel wird allerdings kontrovers geführt. Manche Experten werfen dem VDI Panikmache vor und warnen sogar vor einem Überangebot an Fachkräften.

Mit der aktuellen Studie, die in Zusammenarbeit mit dem arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft entstanden ist, hält der Ingenieurverband nun dagegen. Langfristig rechnet der VDI mit einem jährlichen Bedarf von 80.000 Absolventen. Aktuell gebe es pro Jahr 50.000 Erstabsolventen, sagte Fuchs. "In keinem anderen Land Europas sind so viele ältere Ingenieure am Arbeitsmarkt wie in Deutschland." Jeder fünfte erwerbstätige Ingenieur sei 55 Jahre oder älter. "Folglich werden in den kommenden Jahren in großem Ausmaß Ingenieure aus dem aktiven Erwerbsleben ausscheiden."

Die Autoren der Studie warnen vor einem Innovationsverlust durch den Ingenieurmangel. In den Branchen mit der höchsten Ingenieurdichte würden jährlich rund 73 Milliarden Euro in Innovationen investiert, sagte IW-Geschäftsführer Klös. Dies entspreche 60 Prozent der gesamten Innovationsaufwendungen in Deutschland.

Der VDI fordert, in den Schulen technische Bildung mehr zu fördern, um Jugendliche für Ingenieurberufe zu begeistern. "Ohne diesen Schritt ist die technische und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit unseres Landes dauerhaft nicht mehr zu halten", sagte Fuchs.

mmq

© manager magazin 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH