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22.03.2012
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Auswanderungswelle
Massenflucht aus Portugal

Lissabon: Wirtschaftskrise treibt junge Leute aus ihrer Heimat
REUTERS

Lissabon: Wirtschaftskrise treibt junge Leute aus ihrer Heimat

Weil die wirtschaftliche Lage vieler Portugiesen aussichtslos erscheint, verlassen vor allem junge Menschen ihre Heimat. Jetzt warnen Soziologen vor den Folgen. Denn nicht alle, die gehen, sind überhaupt auf die neue Kultur vorbereitet - und wandern in ein Paradies aus.

Lissabon - Die 27-jährige Ana sitzt auf gepackten Koffern. "Heute protestiere ich noch, Hoffnung habe ich aber keine mehr. Mein Portugal hat keine Zukunft", erzählt die junge Kommunikations-Wissenschaftlerin, bevor sie am Donnerstag in Lissabon an einer Demo anlässlich des dritten Generalstreiks seit Ende 2010 teilnimmt. "In vier Wochen wandere ich nach Brasilien aus, eine Freundin ist nun zehn Monate dort und sagt, dort boomt es und es gibt gute Arbeit für jeden."

Im hoch verschuldeten Euro-Land treiben zunehmende Armut und Rekord-Arbeitslosigkeit sowie der Sparkurs der liberal-konservativen Regierung die Menschen wie sonst nirgendwo in Europa en masse ins Ausland. Diese Erfahrung machte auch die Stadt Schwäbisch Hall, die jüngst nach einem Besuch ausländischer Journalisten vor allem von Tausenden Bewerbungen aus Portugal überflutet wurde.

Anders als etwa in Spanien oder im Haupt-Krisenherd Griechenland, wo die Gewalt bei Protesten häufig eskaliert, herrscht im ärmsten Land Westeuropas oberflächlich Ruhe. "Wir sind nun einmal friedliebend, vielleicht ist das negativ", meint Ana, die zuletzt als Sekretärin 600 Euro im Monat verdiente, bevor sie ihren Job verlor.

Angesichts der Hoffnungslosigkeit suchen die Portugiesen ihr Glück nicht auf den Kundgebungs-Barrikaden, sondern in den früheren Kolonien Brasilien und Angola. Sie wandern aber auch nach Kanada und in viele europäische Länder aus. Medien und Experten sprechen von der "größten Auswanderungswelle aller Zeiten", und das will in dem von Auswanderungen historisch stark geprägten Portugal viel heißen.

Mehrheitlich sehr gut ausgebildet

Dass sogar Regierungschef Pedro Passos Coelho vor ein paar Monaten unumwunden zum Auswandern aufmunterte, sorgte nicht nur in Portugal für Empörung. Die Regierung müsse "sehr verzweifelt sein", das Land erleide wegen der fliehenden Menschen "einen großen Verlust", sagte auch die Generalsekretärin des Europäischen Gewerkschaftsbunds, Bernadette Ségol diese Woche der Nachrichtenagentur Lusa.

Der Verlust eines großen Teils der in Portugal mehrheitlich sehr gut ausgebildeten jungen Leute ist aber nicht das einzige Problem. Immer mehr Politiker, Gewerkschaftler und Wissenschaftler warnen vor einer "sozialen Tragödie" vieler, die sich ohne jede Vorbereitung und ohne Job ins Ausland wagen. Die portugiesische Baugewerkschaft SCP warnte jüngst, die Krise treibe zahlreiche Portugiesen im Ausland in sklavenähnliche Arbeitsverhältnisse. Portugiesen würden unter anderem auch in Ländern wie Frankreich oder Deutschland "dreist ausgebeutet".

In Spanien würden Portugiesen, die auf Plantagen arbeiteten, sogar verprügelt, versichert SCP-Boss Albano Ribeiro. In Deutschland habe er gesehen, wie Portugiesen zwölf Stunden am Tag arbeiten und zu 15 in kleinen Räumen wohnen müssten. Der sozialistische Oppositions-Abgeordnete Paulo Pisco besuchte Luxemburg und erschrak: "Aufgrund der Zunahme der Einwanderung arbeiten dort viele Portugiesen inzwischen ohne jegliche Rechte." Die Behörden in Luxemburg seien sehr besorgt. Die Zeitung "Público" berichtete von Schlepperbanden.

Dass die Portugiesen ihrem Land den Rücken kehren, ist schon angesichts weniger Zahlen verständlich. Die Arbeitslosigkeit kletterte zuletzt auf den Rekord von 14,6 Prozent. "Público" berichtete am Donnerstag unter Berufung auf amtliche Quellen, dass 60 Prozent der arbeitenden Menschen mit einem Nettogehalt zwischen 310 und 900 Euro auskommen müssen. Die Wirtschaft schrumpft - 2012 sollen es minus 3,3 Prozent sein. Das Leben wird aber derweil aufgrund höherer Steuern und Preise immer teurer.

Cáritas teilte diese Woche mit, die Zahl der vom Wohlfahrtsverband in Portugal behandelten Armutsfälle sei 2011 im Vergleich zu 2010 um 91 Prozent auf über 95 000 gestiegen. "Das ist enorm und besorgniserregend", klagte der Cáritas-Chef Eugénio Fonseca

Emilio Rappold, dpa

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