Mittwoch, 20. Februar 2019

75-Prozent-Hürde genommen Griechen erreichen Schuldenschnitt

Griechenland: Bürger zählen die Stunden bis zum Schuldenschnitt

Es ist ein Zeichen der Hoffnung: Wenige Stunden vor Ablauf der Frist, bis zu der die Gläubiger Griechenlands dem ausgehandelten Schuldenschnitt zustimmen müssen, scheint die nötige Mehrheit dafür sicher. Mehr als 75 Prozent der privaten Geldgeber der Griechen machen nach Regierungsangaben mit.

Athen - Wieder einmal muss in letzter Minute ein Staatsbankrott abgewendet werden. Diesmal geht es um die Frage, ob der dringend benötigte Schuldenschnitt zustande kommt. Die Mehrheit der Gläubiger Griechenlands muss zustimmen. Und es sieht gut aus für die Griechen: "Wir haben gerade die 75 Prozent übertroffen und es geht weiter nach oben", sagte ein Mitarbeiter des griechischen Finanzministers Evangelos Venizelos.

Griechische Medien berichteten, um die Mittagszeit habe die Beteiligung bereits bei 70 Prozent gelegen. Immer mehr Banken meldeten sich, berichtete das Online-Nachrichtenportal "in.gr". Die Erklärungsfrist über die Annahme des griechischen Angebots zum Anleihetausch sollte am späten Donnerstagabend ablaufen.

Klar war bereits im Vorfeld dass deutsche Banken und französische Geldinstitute mitziehen würden. Mittlerweile ist auch klar, dass Österreichs Banken den Schuldenschnitt unterstützen, und zwar im Volumen von rund 1,2 Milliarden Euro. Der größte Teil davon entfällt auf die Unicredit -Tochter Bank Austria, die Papiere im Nominalwert von 509 Millionen Euro zum Tausch einreicht.

Mit einer Zustimmung von mehr als 75 Prozent würde allerdings das ursprüngliche Ziel verfehlt, mehr als 90 Prozent zu einem "freiwilligen" Forderungsverzicht zu bewegen. Jenseits der 75-Prozent-Marke könnte allerdings Athen eine andere Karte ziehen. Per Gesetz wurde bereits die Möglichkeit geschaffen, mit nachträglichen Umschuldungsklauseln ("Collective Action Clauses", CAC) einen Schuldenschnitt auch gegen den Willen von Anlegern zu erzwingen. In Athen wird damit gerechnet, dass die Regierung diese Option nach Rücksprache mit seinen internationalen Geldgebern nutzt.

Börsen feiern Erfolg vorab

So oder so: Vor dem Fristablauf für den griechischen Schuldentausch sind die wichtigsten europäischen Aktienindizes bereits mit deutlichen Gewinnen aus dem Handel gegangen. Der EuroStoxx 50 Börsen-Chart zeigen verzeichnete ein Plus von 2,13 Prozent und damit den größten Zuwachs seit Anfang Februar; er schloss mit 2513,22 Punkten. Für den CAC 40 Börsen-Chart zeigen ging es in Paris um noch deutlichere 2,54 Prozent nach oben. Der Londoner FTSE 100 Börsen-Chart zeigen komplettierte das positive Bild mit plus 1,18 Prozent.

Das Finanzministerium in Athen plant, erste Ergebnisse am Freitagmorgen offiziell zu veröffentlichen. Wie es dann konkret weitergeht, dürfte erst nach den Beratungen von Finanzminister Evangelos Venizelos mit seinen Amtskollegen aus den anderen 16 Euro-Ländern bekanntwerden.

Die Euro-Finanzminister wollen sich in einer Telefonkonferenz mit den Ergebnissen des griechischen Anleihetausch-Angebots beschäftigen. Auf der Tagesordnung steht auch die endgültige Freigabe des Anfang März grundsätzlich beschlossenen 130-Milliarden-Hilfspakets für Griechenland. Voraussetzung dafür ist aber, dass der Schuldenschnitt zustande kommt.

Das Land hängt bereits seit 2010 am internationalen Finanztropf und hatte damals Hilfszusagen von 110 Milliarden Euro bekommen. Bald danach zeigte sich aber, dass diese Kredite nicht ausreichen, um Griechenland dauerhaft vor der Pleite zu bewahren.

Ausgangspunkt für den im Detail äußerst komplizierten Schuldenschnitt ist ein Anleihevolumen von 206 Milliarden Euro. Die Grundsatzvereinbarung mit den Banken sieht einen Forderungsverzicht von 53,5 Prozent vor. Der griechische Schuldenberg würde also im Optimalfall um mehr als 100 Milliarden Euro gestutzt. Anleger sollen, so das Angebot, im Tausch für ihre alten Anleihen neue Bonds mit längerer Laufzeit und niedrigerer Verzinsung bekommen.

Unter den Haltern griechischer Anleihen sind allerdings auch Investoren wie Hedgefonds, die sich noch nicht in die Karten schauen lassen wollen. Bestimmten Hedgefonds wird nachgesagt, dass sie auf ein Scheitern der freiwilligen Umschuldung setzen, um dann bei Zwangsmaßnahmen der Athener Regierung Entschädigungen aus Kreditausfallversicherungen zu kassieren.

kst/apd/dpa-afx/rtr

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