Mittwoch, 28. Juni 2017

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Europa Junge Generation in der Jobkrise

Europa: Junge Generation in der Jobkrise
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Corbis

2. Teil: Spaltung der Union in wohlhabende Jobbesitzer und Verlierer

Einzig in Deutschland und Luxemburg entstanden seit 2008 neue Stellen für Berufsanfänger. Auch Österreich und die Niederlande zählen zur kleinen Minderheit der gesegneten EU-Staaten, in denen mehr als 90 Prozent aller jungen Bürger eine Arbeitsstelle finden.

"Wir auf unserer Insel der Glückseligen können nicht einfach die erschreckenden Verhältnisse am Arbeitsmarkt der europäischen Peripherie ignorieren", konstatiert der Niederländer Colijn. Denn die Auswirkungen der Missstände werden auch die Kernländer der EU bald zu spüren bekommen: Gesellschaftliche Verwerfungen drohen Schockwellen über die Grenzen zu jagen, soziale Folgekosten könnten EU-weit vergemeinschaftet werden.

Die Spaltung der Union in wohlhabende Jobbesitzer und abgehängte Verlierer könnte schon bald zur Zerreißprobe für das krisengeplagte Europa werden. "Die Jugendarbeitslosigkeit wird für die EU langfristig zu einer noch größeren Gefahr als die Schuldenkrise", warnt der Ökonom.

Längst schon schwelt die Lunte am sozialen Sprengstoff, den die hoffnungslosen jungen Menschen bilden. Krawalle wie sie im vergangenen Jahr in London ausbrachen, sind ebenso wie die - noch - friedlichen Proteste von Jugendbewegungen wie Occupy, Indignados oder Generation Precaire erste Anzeichen möglicher Aufstände, die das Gesellschaftsgefüge der EU-Nationen in ihren Grundfesten erschüttern könnten.

Zur Passivität verdammt und verarmt

Die rein wirtschaftlichen Konsequenzen einer in weiten Teilen zur Passivität verdammten und verarmten Jugend könnten die Kraft der bereits von der Euro-Rettung überbeanspruchten Gemeinschaft überfordern.

Schon heute betragen allein die fiskalischen Kosten für die sogenannten Neets (not in employment, education or training) in der EU rund 100 Milliarden Euro pro Jahr, berechnete Eurofound, eine EU-Organisation. Dabei bezog die Stiftung für die Verbesserung von Lebens- und Arbeitsbedingungen nur deren entgangene Einkommen und die zusätzlichen Transferleistungen ein. Welch wirtschaftliches Potenzial Europa mit der Untätigkeit einer ganzen Generation verliert und wie dadurch langfristig die Finanzierung der Rentensysteme ins Wanken gerät, versucht die Kalkulation gar nicht erst zu erfassen.

"Investiert in die Jugend, investiert in die Zukunft", appelliert angesichts dieser enormen Risiken OECD-Generalsekretär Angel Gurría eindringlich. Auch andere internationale Organisationen wie die Gruppe der 20 wichtigsten Industriestaaten (G 20) oder die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) sehen in der misslichen Situation der jungen Menschen eines der wichtigsten Themen für 2012. Statt nur auf den Euro zu starren und stur die Budgets zu kürzen, müssten sich die EU-Länder dringend um diese "moralische, politische, soziale und ökonomische Tragödie" kümmern, fordert Gurría. Sonst drohe "der Untergang einer ganzen Generation".

Eine schreckliche Vision. Dabei war der Nachwuchs in Europa nie besser ausgebildet als heute. Nie hatten die jungen Menschen bessere Sprachkenntnisse, wendeten geschickter moderne Technologien an, kannten mehr von der Welt als die "Superjugend", wie sie sich selbstironisch in der Zeitschrift "YO" nennt. Dennoch: Nie seit der Nachkriegszeit hatten Europas Heranwachsende schlechtere Zukunftsaussichten als im Jahr 2012.

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