Mittwoch, 20. Februar 2019

Neuer Anlauf EZB vor Paukenschlag in der Euro-Rettung

EZB-Präsident Mario Draghi: Experten erwarten neue Mittel im Kampf gegen die Euro-Krise

Das kann umwälzende Folgen haben: Die Europäische Zentralbank steht womöglich kurz davor, zusätzliches Löschwasser für die Krisenherde in der Euro-Zone bereitzustellen. Der Teufelskreis der Euro-Krise könnte endlich durchbrochen werden. Anleger sollten ihren Blick jetzt auf die EZB richten.

Frankfurt am Main - Es kann ein Tag werden, der Europa noch eine gute Zeit lang im Gedächtnis bleiben wird. Denn für den morgigen Donnerstag hat die Europäische Zentralbank (EZB) zur Pressekonferenz geladen, und nicht wenige erwarten die Bekanntgabe eines neuen Maßnahmenbündels gegen die Euro-Krise. Eines mit weitreichenden Folgen. Eines, das jeden Anleger treffen kann.

Schon in den vergangenen sechs Wochen haben Europas Notenbanker in aller Stille zuvor Undenkbares gewagt, um die Abwärtsspirale Euro-Lands zu stoppen, die sich insbesondere um Deutschland herum immer deutlicher bemerkbar macht. Die Strategie der EZB war dabei, die Kapitalmärkte aus ihrem Euro-Teufelskreis zu befreien, indem sie die Verbindungen der Euro-Staaten mit den Banken kappt. Dazu hat sie beispielsweise die Palette von diskontfähigen Sicherheiten erweitert. Die Gefahr einer Liquiditätsklemme durch fortwährende Ratingsenkungen wurde so kräftig reduziert.

Darüber hinaus hält sie die Zinsen durch den sporadische Ankauf von Staatsanleihen auf einem so niedrigen Niveau, das die Verschuldung auf einem nachhaltigen Pfad hält. Und die neuen, schärferen Eigenkapitalvorschriften für Banken macht die Institute stabiler. Bankenrettungen sollten seltener werden.

Der vierte und wohl auch wichtigste Politikschritt der EZB jedoch war die Bereitstellung langfristiger Liquidität an die Banken. Im Rahmen der sogenannten LTRO-Geschäfte (long-term refianciang operation) wurde den Banken für drei Jahre unbegrenzte Summen an Liquidität bereitgestellt. Auf diese Weise wurden nicht nur die Sorgen vor einer Insolvenz im Bankensystem gemildert. Die Banken haben die Mittel auch verwendet, um Staatsanleihen mit einer Laufzeit von bis zu drei Jahren zu kaufen. Dies hat wiederum die Sorgen vor einer potenziellen Liquiditätskrise der Euro-Staaten gelindert. Gleichzeitig ist dadurch die Verzinsung der Staatsanleihen gefallen, was wiederum die Schuldendynamik entschärft. Ende Februar steht nun das nächste LTRO-Geschäft an. Das könnte die positive Dynamik noch beschleunigen.

Nötige Zeit erkauft

Puristen mögen die Vergabe der LTRO als Irrweg verurteilen. Es heisst, dass es sich aufgrund der langen Laufzeit von drei Jahren gar nicht mehr um Geldpolitik im engeren Sinne handelt. Dass die LTRO nur eine weitere Variante der Staatsfinanzierung durch die Notenpresse sei und dass die EZB mit diesen Geschäften lediglich Zeit kaufe. Die eigentlichen Probleme blieben ungelöst.

Doch gerade an Zeit hat es zuvor gefehlt. Denn die Finanzmärkte geben weder den Regierungen noch den Banken den Vertrauensvorschuss, den sie brauchen, um ihre Bilanzen in Ordnung zu bringen. Daher ist eine unorthodoxe Geldpolitik gerechtfertigt. Diese ist auch nicht inflationär, weil erstens die Banken - wie die Statistik zeigt - die Liquidität bei der EZB parken und zweitens der restriktive Effekt der Sparprogramme den expansiven Effekt der Geldpolitik überschreitet. Wie inzwischen erste Konjunktursignale zeigen, wie beispielsweise der Einkaufsmanagerindex, rechtfertigt der Zweck die Mittel. Der Euro-Teufelskreis wird gestoppt, der Aufschwung nicht lange auf sich warten lassen.

Bisher nämlich musste Europa gleich aus zwei Teufelskreise einen Ausweg finden.

  • Die Wirkungskette der Teufelskreise laufen über den Staat, die Wirtschaft, die Banken und die Kapitalmärkte. Der erste Teufelskreis hat mit dem Anstieg der Staatsverschuldung im Zuge der Lehman-Krise im Jahr 2008 begonnen. Der Anstieg der Staatsverschuldung führt zu einer Herabstufung der Bonität der verschuldeten Euroländer. Dadurch steigen an den Kapitalmärkten die Risikoprämien auf deren Anleihen an.

    Da viele Banken stark in Peripherie-Anleihen exponiert sind, steigt die Sorge vor einer Insolvenz unter den Banken an. Sie beginnen daher ihren Leverage abzubauen und reduzieren dabei die Kreditvergabe, was die Wirtschaft weiter dämpft. Die Wirtschaftsverlangsamung liess die Steuereinnahmen versiegen, was wiederum zu einem Anstieg des staatlichen Verschuldungsgrades führte. Steigende Schulden führen zu weiteren Herabstufungen der Bonität und beschleunigen die Abwärtsspirale weiter.

  • Auch der zweite Teufelskreis nimmt seinen Ursprung in dem Anstieg der Staatsverschuldung. Er verläuft jedoch in umgekehrter Richtung. Die Staatsverschuldung zwingt die Regierungen zu Sparprogrammen, die die Wirtschaft dämpfen. Mit der Wirtschaftsverlangsamung kommt es vermehrt zu faulen Krediten, welche wiederum die Sorgen vor einem Bankenkollaps erhöhen. Je mehr Banken jedoch ins Schlingern geraten, desto grösser die Sorge, dass die Banken vom Staat gerettet werden müssen. Da ein Bail-out der Banken teuer ist, steigen die Zinsen an den Kapitalmärkten an.

    Der Zinsanstieg selbst erhöht jedoch wiederum die Last der Staatsverschuldung und erhöht die Schulden, was neue Sparprogramme notwendig macht. Die Spiralen von steigenden Schulden über sinkendes Wachstum zu Insolvenzsorgen im Bankensystem und schliesslich steigenden Zinsen dreht sich in beide Richtungen unermüdlich weiter.

© manager magazin 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung