Montag, 27. Juni 2016

Alle Artikel und Hintergründe

Pflegenotstand Toyota baut Pflegeroboter für Japans Rentner

Altenpflege in Japan: Rentnerroboter im Einsatz
Fotos
AFP

Sie sind oftmals wohlhabend, aber zunehmend gebrechlich: Japans Rentner aus der Babyboomzeit brauchen Hilfe im Alltag. Roboter sollen ihnen nun zur Seite stehen. Toyota hat dazu den neuesten Typ vorgestellt - und setzt auf das große Geschäft in der Zukunft.

Tokio - In Tokios Stadtviertel Akihabara, das Mekka aller Elektroartikel, entsteht bisweilen der Eindruck, Japans Technologiekonzerne betrachteten die Welt als Spielplatz. Kreischend und fiepend, dudelnd und tanzend, hüpfend und zuckend fallen einen quietschbunte Geräte an, die niemand vermissen würde, wären sie nicht erfunden worden. Doch fernab dieser kindlichen Technikmeile entstehen in Forschungslabors wegweisende Geräte, die die Welt verändern werden.

Während der Umsatz in der elektronischen Unterhaltungsindustrie zurückgeht, steigt die Nachfrage nach intelligenten Robotern mit hohem Nutzwert. Panasonic Börsen-Chart zeigen stieg 2009 in den Robotermarkt ein und bezifferte den erhofften Umsatz mit Maschinen, die Menschen das Leben erleichtern sollen, sogenannten Partnerrobotern, bis 2016 mit 315 Milliarden US Dollar. Jetzt hat auch der Autohersteller Toyota Börsen-Chart zeigen just eine Dreier-Serie von Pflegerobotern vorgestellt. Und nach etlichen gescheiterten Versuchen, einen wirklich pflege-tauglichen Roboter auf den Markt zu bringen, könnten diese Modelle Hoffnungsträger werden.

Vorgeführt wurde das Modell von Eiicho Saitho, Professor für Rehabilitationsmedizin an der Fujita Health University, die an der Entwicklung beteiligt ist. Saitho, der ein gelähmtes Bein hat, demonstrierte, wie der neue Roboter die Bewegungsfreiheit gelähmter Patienten erhöht. Der Nutzwert, sagte Saitho, werde die hohen Forschungskosten eines Tages relativieren.

"Für mich symbolisiert die relativ schlichte Technik die längst überfällige Zeitenwende in Japans Roboterindustrie. Endlich verabschieden sich die Ingenieure von hochkomplexen menschenähnlichen Robotern, die bisher das Markenzeichen Japans waren und sich durch eine simple Formel auszeichneten: "Sexappeal: Hundert Punkte, Nutzwert null Punkte", kommentierte der Sinologe Martin Kölling ds neue Gerät.

Neuer Roboter soll die Altenpflege revolutionieren

Ob Gehhilfe für gelähmte oder bewegungsbehinderte Menschen, Koordinations-und Bewegungshilfe oder Hebeapparat, ob bettlägerige Menschen umzubetten und zu transportieren - Toyotas neuer Roboter soll die Altenpflege revolutionieren. Bedient hat sich der weltgrößte Autohersteller dazu aus dem eigenen Technikfundus, es wurden Software, Sensoren und Antriebsmodule aus der Autobranche verwendet. Die Elektronik ist in einem Rocksack untergebracht, den noch der Patient tragen muss. Toyota hat versprochen, an einer alltagstauglichen Variante zu arbeiten.

Höchste Zeit, vielleicht. Denn nirgends vollzieht sich der demographische Wandel zu einer überalterten Gesellschaft schneller als in Japan. Mehr als Eindrittel sind mittlerweile über 50 Jahre alt, mehr als ein Viertel über 65. Bis 2050 wird Nippons Silbergeneration 40 Prozent der Gesellschaft ausmachen. Zudem sind die Japaner langlebig. Mit 82,2 Jahren Lebenserwartung stehen sie an weltweit dritter Stelle; Deutsche leben im Durchschnitt 79,8 Jahre.

Schon jetzt sind Japans Rentner ein starker wirtschaftlicher Faktor. Sie sind die Generation der Babyboomer aus den geburtenstarken Jahrgängen 1947 bis 1949 und waren in ihrer Erwerbsphase die reichste Generation, die das Land je hatte - und vielleicht auf lange Zeit haben wird. Wie auch bei den deutschen Senioren ist ihre Kaufkraft stark. Sie reisen, geben viel Geld für Fitness und gute Ernährung aus, wählen bei Kleidung und Technik das teurere Produkt und gönnen sich exklusive Restaurants und Hotels. Der demographische Wandel lässt sich inzwischen in den Frühstücksräumen der Sterne-Hotels ablesen.

Dort sind es die 60-Plusler, die das Büfett abgrasen. Die steigende Arbeitslosigkeit bei gleichzeitig sinkenden Löhnen schließt immer mehr junge Leute von der Teilnahme am Konsum aus, während die Rentner ihr Polster aus den Boom-Jahren nun investieren. Einer Studie des Dai-Ichi Life Research Centers zufolge besitzen die Alten zusammen 10 Prozent des japanischen Gesamtvermögens, konkret heißt das: Sie haben jeder durchschnittlich 90.000 Euro auf dem Konto.

Seite 1 von 3
Mehr manager magazin
Zur Startseite

© manager magazin 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH