Sonntag, 28. Mai 2017

Geldpolitik EZB senkt Leitzins auf 1,25 Prozent

EZB-Zentrale in Frankfurt: Die Zentralbank senkte heute den Leitzins

Überraschung in Frankfurt: Die Europäische Zentralbank hat ihren Leitzins gesenkt. Auf der ersten Ratssitzung unter dem neuen Präsidenten Mario Draghi kappte sie das Zinsniveau auf 1,25 Prozent.

Frankfurt am Main - Paukenschlag unter dem neuen EZB-Präsidenten Mario Draghi: Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) senkte überraschend gleich bei der ersten Sitzung unter Vorsitz des Italieners den Leitzins von 1,5 Prozent auf 1,25 Prozent.

Der konjunkturelle Ausblick sei weiter von hoher Unsicherheit belastet, sagte EZB-Präsident Draghi nach der Ratssitzung. Das Wirtschaftswachstum in der Euro-Zone werde in der zweiten Jahreshälfte sehr moderat bleiben, so Draghi. Die EZB werde ihre Wachstumsprognose für 2012 "sehr wahrscheinlich" senken werde. Börsianer reagierten erfreut auf die Entscheidung: Der Dax Börsen-Chart zeigen baute seine Gewinne am Nachmittag weiter aus.

Die Entwicklung der Inflation stehe mittelfristig im Einklang mit Preisstabilität, sagte Draghi. Die Inflationsrate, die derzeit bei 3 Prozent liegt, dürfte im Laufe des kommenden Jahres unter 2 Prozent fallen. Bei Teuerungsraten von knapp unter 2 Prozent spricht die EZB von stabilen Preisen. Die meisten Ökonomen hatten trotz der drohenden Rezession und der Staatsschuldenkrise zunächst keine Zinssenkung erwartet.

Niedrige Zinsen verbilligen Kredite. Das erhöht die Investitionsneigung von Unternehmen und die Konsumfreude der Verbraucher - und kann so die Konjunktur ankurbeln. Zugleich befeuern niedrige Zinsen aber die Inflation.

Börse reagiert positiv

Die EZB hatte unter Draghis Vorgänger Jean-Claude Trichet wegen gestiegener Risiken für die Preisstabilität den wichtigsten Zins zur Versorgung der Geschäftsbanken im Euro-Raum mit Zentralbankgeld zuletzt zwei Schritten von 1,0 auf 1,5 Prozent angehoben. Als sich die Schuldenkrise verschärfte und am Konjunkturhimmel schwarze Wolken aufzogen, legten die Währungshüter in den vergangenen Monaten eine Zinspause ein.

Nach Einschätzung der Commerzbank ist die überraschende Zinssenkung vor allem auf die zuletzt deutlich gestiegene Unsicherheit zurückzuführen. "Die EZB will vor allem einen Unsicherheits-Schock der Marke Lehman vermeiden", so Commerzbank-Experte Michael Schubert. "Angesichts der zuletzt turbulenten Entwicklung ist der Zinsschritt durchaus nachvollziehbar, obwohl wir erst für Dezember damit gerechnet hatten." Unlängst hatte vor allem das geplante Referendum in Griechenland zu den neuen Finanzhilfen für Verwerfungen an den Finanzmärkten gesorgt.

"Das ist eine sehr positive Überraschung", sagte Christian Schulz, Volkswirt der Berenberg Bank. "Die Zinssenkung ist mehr als gerechtfertigt. Alle wichtigen Indikatoren sind in den letzten Wochen eingebrochen. Aufgrund der Schuldenkrise schwindet das Vertrauen."

Die Bankenkrise führt laut Schulz zu verschärften Kreditbedingungen, da könne eine Zinssenkung nur helfen. Das Timing komme aber überraschend. "Wir hatten nicht erwartet, dass Draghi schon bei seiner ersten Sitzung als EZB-Präsident die Zinsen senkt", sagt der Ökonom. "Das könnte ein Signal sein, dass die EZB unter Draghi pragmatischer sein wird als unter seinem Vorgänger Trichet."

Es gibt allerdings auch kritische Stimmen. Dorothea Huttanus, Devisen-Analystin von der DZ Bank, etwa glaubt, dass EZB-Präsident Draghi einen schlechten Einstand gegeben hat. "Mit der Zinssenkung hat er die Märkte völlig auf dem falschen Fuß erwischt", so Huttanus. "Das ist in so unsicheren Zeiten keine Hilfe. Das letzte, was die Märkte jetzt noch gebrauchen können, ist eine EZB, die nicht kalkulierbar ist."

An der Börse wurde der Schritt der EZB allerdings positiv aufgenommen. Der Dax Börsen-Chart zeigen baute seine Tagesgewinne daraufhin zusätzlich aus.

cr/rtr/dpa/dpa-afx

Nachrichtenticker

© manager magazin 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH