Mittwoch, 28. Juni 2017

Alle Artikel und Hintergründe

Banker-Aufruhr "Zur Hölle mit dem IWF"

Evitas Erben: "Zur Hölle mit dem IWF"
Fotos
AP

Wall Street 2011? Nein, die Mutter aller Finanzrevolten war Buenos Aires 2001. Seitdem sind in Argentinien die Wütenden an der Macht, Präsidentin Cristina Kirchner steht vor der Wiederwahl. Sie mobilisiert mehr denn je die Massen gegen den Neoliberalismus. Das Psychogramm einer Bewegung.

Buenos Aires - Sein Hemd ist verschwitzt, das Kinn schnellt nach vorn, die Stimme bricht brüllend durchs Mikro: "Jedes Mal, wenn wir nach Washington fliegen, werden wir denen ins Gesicht sagen: zur Hölle mit dem Internationalen Währungsfonds"(IWF). Ausrufezeichen. Jubel.

Amado Boudou ist Finanzminister, Frauenschwarm und Argentiniens Antwort auf Robert Redford. Sein Auftritt ist filmreif. In deutschen Kinos gespielt bräuchte er die Synchronstimme Herbert Wehners, auf doppelte Lautstärke gedreht. Das Wort "Währungsfonds" spuckt er so angewidert aus, als ob er die "Internationale Verwesungsfront" in den Mund genommen hätte.

"Alles für Argentinien!" Luftholen, Reaktion checken: Schweigen.

Den IWF hat Argentinien nach dem Staatsbankrott von 2001 zwar früh ausgezahlt. Aber er ist immer noch Buchprüfer der verbliebenen Gläubiger, darunter mit mehr als zwei Milliarden Dollar plus Zinsen auch Deutschland. Das Ansinnen des Fonds, einen Blick in die Statistiken zu werfen, ist für Argentinier ein Affront. In Regierungskreisen heißt es, die Schulden würden binnen zwei Jahren beglichen - aber nur, wenn der IWF draußen bleibt.

"Seid stark, Arbeiter!" Abchecken: noch null Reaktion. Beim Auftritt vor den unlängst zum Jahreskongress versammelten Mitgliedern der argentinischen Automobilgewerkschaft präsentiert sich Boudou auch als designierter Vizepräsident. Staatschefin Cristina Fernandez de Kirchner ist der Sieg bei den Präsidentschaftswahlen am 23. Oktober kaum noch zu nehmen; das gestehen selbst Gegenkandidaten öffentlich ein. Der Wahlkampf ist klinisch tot.

Trommeln donnern zur Nationalhymne

Im Endstadium ist auch Boudous Rede. Er umfasst das Stehpult, dreht sein Gesicht ins Profil, und schießt seitlich "Sei stark, Cristina!" durchs Mikro in die Menge. Gekonnt. Endlich: Jubel und Trampeln. Das Fahnenmeer wogt. Papierschnipsel schneien. Draußen auf der Straße gehen Raketen in Luft, Böller kreischen und knallen. Trommeln donnern. Noch zehn Blocks weiter hallt die nun vieltausendkehlig gegröhlte Nationalhymne durch den Lärm der Hauptstadt Buenos Aires.

In den USA besetzt die Finanzrevolte die Wall Street, in Griechenland wundern sich Funktionäre der Experten-Troika von IWF, Europäischer Zentralbank ( EZB) und Europäische Union ( EU) über die "unerfreuliche" Reaktion der Bürger. Aber sie waren auch nicht bei Boudous Auftritt. Und gut, dass sie vor zehn Jahren auch nicht in Argentinien waren.

Buenos Aires im Dezember 2001, das war die Mutter aller Finanzrevolten. Sie legte das Fundament für eine Massenbewegung, die bei den Vorwahlen Mitte August auf 51 Prozent der Stimmen kam; die nächsten Verfolger landeten bei 12 Prozent. Die Bewegung ist zur Verzweiflung der Opposition praktisch immun gegen eine Vielzahl von Affären, die Gerichte beschäftigen: Ein ehemaliger Wahlkampfmanager Kirchners ist in organisierten Medikamentenschmuggel verwickelt. Der Ex-Justiziar einer Stiftung hat mutmaßlich Millionen aus der Staatskasse veruntreut: Der Skandal um die berühmten Madres de la Plaza de Mayo, den Müttern der von der Diktatur der 80er Jahre verschleppten Kinder, erschüttert seit Monaten Argentinien. Aber nicht das Vertrauen der Anhänger.

"Crispasión" steht auf Fan-T-Shirts für Präsidentin Kirchner. "Crispasión" wäre auch der passende Titel für einen Film mit Boudou in der männlichen Hauptrolle. Allerdings ist für Argentinier der Hass auf den IWF und allen Neoliberalismus keine Show, es ist ihnen bitterernst damit.

Nachrichtenticker

© manager magazin 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH