Sonntag, 17. Februar 2019

Europäische Ratingagentur "Es geht nicht um Europa gegen Amerika"

Die Macht der Agenturen: Der Kampf um den Ratingmarkt
Corbis

Seit der Abstufung der USA durch S&P stehen Ratingagenturen wieder in der Kritik. Schon 2012 soll eine neue europäische Agentur starten. Initiator Markus Krall verspricht niedrigere Preise, volle Unabhängigkeit und im Internet nachvollziehbare Ratingprozesse - aber keine besseren Noten für Europas Anleihen.

mm: Herr Krall, Sie haben angekündigt, mit Geldgebern aus der Finanzbranche eine neue europäische Ratingagentur ins Leben rufen zu wollen. Wie kommt das Projekt voran?

Krall: Es geht schneller als erwartet. Inzwischen sprechen uns Finanzinstitute von sich aus an. Unser Ziel ist, bis zum Jahresende ein Konsortium aufzustellen, das die Gründungskosten von 300 Millionen Euro trägt. Dann könnte die neue Agentur schon im ersten Halbjahr 2012 mit Länderratings an den Markt gehen, im zweiten Halbjahr auch Banken bewerten. Ab 2013 kämen außerdem Unternehmen, Kreditverbriefungen und andere Finanzinstrumente hinzu.

mm: Derzeit sind Ratingagenturen eher unbeliebt. Was bewegt Sie dazu, eine neue zu gründen?

Krall: Ich bin mit Ratings seit Jahren aus verschiedenen Perspektiven vertraut, habe führende Kreditinstitute in Europa zur Einführung interner Ratings federführend beraten. Auch als Kunde habe ich schon mit Ratingagenturen zu tun gehabt, in meiner Funktion als Risikovorstand einer Rückversicherung in der Schweiz.

Meine Motivation geht zurück auf eine Analyse über die Ursachen der Krise, die wir vor zwei Jahren in meiner damaligen eigenen Beratungsgesellschaft gemacht haben. Wir sind darauf gekommen, dass der Ratingmarkt eine Reihe von institutionellen Problemen aufweist, die man nur mit mehr Wettbewerb lösen kann. Und der beste Weg zu mehr Wettbewerb führt über mehr Marktteilnehmer.

mm: Aber es gibt ja schon viele Marktteilnehmer, auch wenn nur die großen Drei (Standard & Poor's, Moody's und Fitch) wirklich Einfluss haben.

Krall: Den vielen kleinen Marktteilnehmern fehlt die kritische Größe, und deswegen nehmen die Investoren sie in den wichtigen Marktsegmenten, in denen große Volumina bewegt werden, nicht ernst. Wenn man die 95 Prozent Marktanteil der großen Drei auf mehr Schultern verteilen will, braucht man einen großen und globalen Player, der ein konkurrenzfähiges Modell hat.

mm: Wenn Sie die etablierten Agenturen als mitverantwortlich für die Krise sehen, was würde die neue Agentur konkret anders machen?

Krall: Die Kritik bezieht sich vor allem auf die Rolle des Bezahlsystems, dass nämlich die Ratingagenturen von den Emittenten der Kreditpapiere bezahlt werden. Das hat beispielsweise Anreize geschaffen, in der Immobilienblase Unmengen an Verbriefungen zu erzeugen und ihnen Investmentgrade-Noten zu geben, auch wenn die Kredite guter Qualität längst abgegrast waren.

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