Dienstag, 26. Juli 2016

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Bundesnetzagentur-Chef Matthias Kurth "Netzentgelte könnten bis zu 22 Prozent steigen"

Hochspannungsleitung bei Streumen nahe Riesa: Bundesnetzagentur-Chef Matthias Kurth will Freileitungen künftig mit Hilfe privater Investoren finanzieren - und warnt vor Hysterie vor den Kosten der Energiewende.

Der Umstieg von Atomstrom auf erneuerbare Energien erfordert Investitionen in das Stromnetz. Bundesnetzagentur-Chef Matthias Kurth spricht mit dem manager magazin über Kosten der Energiewende, steigende Netzentgelte und über Netzinvestitionen als Geldanlage für Private-Equity-Investoren.

mm: Herr Kurth, vor sieben Monaten hat die Bundesregierung die Laufzeiten älterer Atomkraftwerke um acht Jahre verlängert. Nun sind die alten Atommeiler mindestens drei Monate lang stillgelegt. Erstaunt Sie diese plötzliche politische Kehrtwende?

Kurth: Wir beschäftigen uns vor allem mit Technik und Netzfragen. Die Hintergründe für die Energiewende sind ja hinreichend klar. Politische Vorgaben des Bundestags in Richtung Atomausstieg und erneuerbare Energien sind Rahmenbedingungen, die man zu akzeptieren hat.

mm: Billig werden diese neuen Vorgaben nicht. Damit der Ökostrom auch bei den Verbrauchern ankommt, müssen die Stromnetze erneuert werden. Laut einer Studie benötigt Deutschland zwischen 3600 und 4500 Kilometer neuer Hochspannungsleitungen. Lässt sich abschätzen, was das kosten wird?

Kurth: Es gibt Schätzungen, dass in das Leitungsnetz 26 Milliarden Euro investiert werden müssen. Das gilt aber weitestgehend unter Nutzung konventioneller Technik. Abhängig von der Verkabelungstechnik sind die Erdkabel, die sich viele Bürger wünschen, 2,4 bis 9 Mal teurer als Freileitungen. Wenn wir aber mehr solcher Kabel verlegen, kommt ein Kostentreiber dazu. Da können auch 60 Milliarden oder 80 Milliarden Euro Investitionsvolumen daraus werden. Dazu kommt auch noch die Anbindung von Offshore-Windparks, die ebenfalls Milliarden kostet. Das sind aber nur Kosten, die im Übertragungsnetz entstehen.

mm: Es kommen also noch weitere Investitionen hinzu?

Kurth: Die Verteilnetze, auf die 90 Prozent der Netzkosten entfallen, müssen ebenfalls ausgebaut werden. Das Verteilnetz war in der Vergangenheit dafür ausgelegt, zentral erzeugten Strom dezentral zu verteilen. Um unter anderem die Stromspitzen etwa von Solarstrom-Anlagen zur Mittagszeit abzufangen, müssten in die Verteilnetze laut Studien 24 bis 30 Milliarden Euro investiert werden.

mm: Das heißt, die Kosten lassen sich nur sehr grob abschätzen?

Kurth: Ich kann hier keine Punktlandung liefern. Wegen der Vielzahl der Faktoren halte ich es auch für wenig seriös, Schätzungen über die Steigerung des Strompreises für Endkunden abzugeben. Doch abhängig von den einzelnen Vorgaben werden auch die Netzentgelte steigen. Wenn wir beispielsweise ein Investitionsvolumen von 30 Milliarden bis 47 Milliarden Euro bis zum Jahr 2020 haben, könnten die Netzentgelte zwischen 14 und 22 Prozent steigen. Das wäre dann eine Steigerung von maximal einem Cent pro Kilowattstunde.

mm: Die Strompreise dürften also doch steigen?

Kurth: Wenn, dann aufgrund des Netzausbaus allenfalls nur sehr moderat. Denn die Netzagentur hat die Netzentgelte in den letzten Jahren deutlich gesenkt. Im Jahr 2006 haben die Menschen 7,3 Cent pro Kilowattstunde für die Netznutzung bezahlt, im vergangenen Jahr waren es 5,8 Cent pro Kilowattstunde. Selbst wenn jetzt also ein Cent dazukäme, wären wir noch auf dem Niveau von 2006. Und da die Netzentgelte zurzeit nur etwa ein Fünftel des Strompreises ausmachen, würde der Strompreis für die Endkunden dadurch gerade mal um rund 3 bis 4 Prozent steigen.

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