Samstag, 22. Juli 2017

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US-Defizit Angst vor dem Aufprall auf die Schuldenmauer

National Debt Clock in New York: Den USA läuft die Zeit davon

Die Supermacht USA, in deren Orbit sich in der Not stets alle flüchteten, ist nach Meinung von Finanzwächtern selbst zum Wackelkandidat geworden. Das weisen die Beamten um US-Präsident Barack Obama brüsk zurück. Doch viele Amerikaner merken: Die Schuldenuhr hat gegen sie zu ticken begonnen.

Vancouver - Es ist ein Schlag gegen das US-Selbstbewusstsein: Die Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) hat den Ausblick für die Kreditwürdigkeit der USA von "stabil" auf "negativ" zurückgesetzt. Bis zum Jahr 2013 droht der Verlust der Topbonität, wenn die rasende Verschuldung nicht drastisch gebremst oder umgekehrt wird. Damit hat auch in Washington zu Wochenbeginn die Realität wie ein Blitz eingeschlagen.

Die Begründung für das Votum der S&P-Analysten zeigt, wie brisant auch in Amerika das Schuldendrama geworden ist: "Der Weg aus dem Defizit ist für uns nicht sichtbar", gab S&P zu Protokoll und bescheinigt den USA damit, dass die fiskalische Katastrophe, auf die sie zusteuert, letztlich ein politisches Problem ist: "Mehr als zwei Jahre nach der Krise haben sich die Verantwortlichen noch nicht geeinigt, wie sie die erodierende Budgetsituation umkehren und langfristig lösen wollen", so S&P. Die Reaktion auf das Statement der Finanzwächter folgte prompt.

Während Amerikas Aktienleitindex Dow Jones Index 200 Punkte abtauchte, sauste an der Wall Street das Angstbarometer, der VIX-Index, 17 Prozent nach oben, auf einen Messwert von 17,95 Punkten. Das war der höchste Stand in drei Wochen. Doch der Ausschlag blieb deutlich hinter jenen Werten zurück, die das Barometer Mitte März nach dem verheerenden Erdbeben in Japan anzeigte. Mehr noch: Ein richtiger Angstzustand wird an der Wall Street erst konstatiert, wenn der VIX auf 30 Punkte klettert. Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise erklomm er ein Allzeithoch von 90 Indexpunkten. Im Klartext: Die Börsen wollen sich von dem Schreckschuss am Montag zunächst nicht ins Bockshorn jagen lassen.

Trotzdem kam in amerikanischen Medien umgehend der Vergleich mit der Titanic auf. Der Buchautor John Mauldin, der gerade sein neuestes Werk - "Endgame: The End of the Debt Supercycle and How It Changes Everything" - auf den Markt gebracht hat, vergleicht die USA mit dem Katastrophenschiff bei der Hafenausfahrt in unruhiger See. Die meisten Passagiere sehen das Problem schon hinter sich, doch der Eisberg kommt erst noch.

Mehr und mehr US-Bürger in Sorge

Viele Ökonomen waren von dem S&P-Urteil nicht überrascht. Aber die Sorgenfalten sind doch deutlich zu sehen. Das Defizit sei jetzt "die größte und fundamentalste wirtschaftliche Herausforderung" des Landes, findet Ex-Finanzminister Henry Paulson, unter dessen Führung während der Finanzkrise die ersten Rettungsmaßnahmen und Stimuluspakete eingeführt wurden. "Die Uhr tickt jetzt laut und unüberhöhrbar", kommentiert der Ökonom Douglas Porter bei der Investmentbank BMO Capital Markets in Toronto und fügt hinzu: "Jetzt steigt der Einsatz in der Schlacht um die künftigen Budgets".

Die jüngste Umfrage des Meinungsforschers Gallup belegt unterdessen, dass 17 Prozent aller Amerikaner die Budgetdefizite als das größte Problem der USA betrachten. Das klingt nicht nach allzu viel. Doch vor sechs Monaten teilten nur 5 Prozent der Amerikaner diese Einschätzung, vor einem Jahr fast niemand.

Für die USA war dies der bislang schärfste Warnschuss, und er kam vielleicht noch gerade rechtzeitig. Die Obergrenze für die Verschuldung der Administration liegt derzeit bei 14.290 Milliarden Dollar. Bis gestern Abend europäischer Zeit waren laut der nationalen Schuldenuhr, die im Internet unaufhaltsam tickt, 14.236 Milliarden Dollar aufgelaufen. Bis zum möglichen Abgrund verbleiben weniger als 54 Milliarden Dollar. Beide großen Parteien in den USA - die Demokraten von Barack Obama, und die Republikaner, die seit der Zwischenwahl im November die Mehrheit im Repräsentantenhaus stellen - wollen den Aufprall auf diese Schuldenmauer vermeiden. Das beteuern sie zumindest. Doch um eine Einigung ringen sie bislang ohne Resultat.

Das Timing der Warnung von Standard & Poor's ist brisant, nicht nur weil es so kurz vor Erreichen der Schuldengrenze kommt. Es wurde auch am sogenannten Taxday in den USA publiziert, wenn bei den Amerikanern die Frist für die Abgabe der Steuererklärungen abläuft. Das war in diesem Jahr ausnahmsweise der 18. April. Der Weckruf kommt auch weniger als eine Woche nach der Warnung des Internationalen Währungsfonds, die USA würden spätestens 2016 eine Staatsverschuldung von 110 Prozent ihrer jährlichen Wirtschaftsleistung erreichen, gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP). Erfahrungen zeigen: Wird diese Schwelle erst einmal überschritten, wird es oft ungeheuer schwierig, aus dem Schuldenloch wieder heraus zu kommen.

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