Dienstag, 22. Januar 2019

Preisschock Amerika lehnt sich gegen US-Notenbank auf

US-Notenbankchef Ben Bernanke: Spagat zwischen Konjunkturstimulierung und Inflation

Amerikas Inflationsschub zehrt an dem Ersparten der US-Bürger, im Staat Georgia wird vor Tankstellen gegen den Benzinpreisanstieg gebetet: Nicht nur in den USA ist der Volkszorn über die lasche Inflationsbekämpfung der US-Notenbank ausgebrochen. Erste asiatische Unternehmen ziehen Konsequenzen.

Vancouver - Der US-Dollar hat Schwindsucht, das Wirtschaftswachstum enttäuscht, in Amerika kehren die Jobs extrem langsam zurück. In den USA herrscht außerhalb des Börsenzirkels um die Wall Street in New York entsprechend miese Stimmung. Und die wird neuerdings zusätzlich von galoppierenden Preisen getrübt: Die Kosten für die Lebenshaltung sind laut Amerikas Arbeitsministerium im März um 2,7 Prozent gestiegen. Das ist keine Hyperinflation, aber es war der kräftigste Anstieg seit 15 Monaten. So sinken die realen Einkommen der Amerikaner, weil die Preise schneller anziehen als ihre Löhne.

Am deutlichsten wird das beim Stopp an der Tankstelle: Benzin ist binnen Jahresfrist 33 Prozent teurer geworden. Allein im März nahm der Umsatz an den Zapfsäulen der USA wegen höherer Benzinpreise um 2,6 Prozent zu. Das war sechs Mal so schnell wie der Umsatz des Einzelhandels insgesamt. Ohne den Benzinpreiseffekt hätten US-Einzelhändler nicht 0,4 Prozent mehr umgesetzt als im Vormonat, sondern lediglich 0,1 Prozent. Das aber bedeutet Stagnation, keine Erholung.

In einem Land, in dem 11 Prozent des gesamten Konsums an Tankstellen stattfindet, der private Verbrauch aber 70 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmacht, hat das Folgen: Die Amerikaner müssen drei Jahre nach der Finanzkrise wieder ihre Sparbücher bemühen, um den Lebensstandard zu verteidigen, hat die Fed-Zweigstelle in St. Louis veröffentlicht. Doch je länger die Tortur anhält, desto intensiver wird ein Sündenbock gesucht.

Ausgerechnet die Europäische Zentralbank (EZB) hat jetzt dabei nachgeholfen, dass Amerika fündig wird. Mit der ersten Zinsanhebung seit Mitte 2008 hat die EZB in der vorigen Woche alle Scheinwerfer auf die US-Notenbank gerichtet. Die Fed ist jetzt neben der Bank of England die einzige wichtige Zentralbank, die sich weigert, etwas gegen die aufschäumende Inflation zu tun. Amerikas Notenbankchef Ben Bernanke sieht die Teuerungswelle vorüberziehen. Er hält sie für ein zeitlich befristetes Phänomen. Das aber isoliert die Geldhüter in Washington von den Geldwächtern anderswo, auch in den Augen einer wachsenden Zahl von Amerikanern.

"Barron's": "Probleme maßgeblich von der US-Notenbank kreiert"

Die Folge: US-Blätter beginnen sich auf Bernanke einzuschießen. "Über der US-Zentralbank braut sich etwas zusammen", konstatiert die "Los Angeles Times", und erklärt Ben Bernanke zum "Außenseiter unter den Notenbankern". Die Zeitung sieht den schwächelnden Dollar und die eskalierenden Rohstoffpreise an Bernankes Image kratzen. Selbst das Finanzmagazin "Barron's" beobachtet einen Spaltpilz zwischen der Fed, wie die US-Notenbank kurz genannt wird, und den Notenbanken anderswo auf dem Planeten. "Die meisten anderen Notenbanken bekämpfen die Inflation und stärken ihre Währungen", meckert das Blatt halb fachmännisch, halb bitter. Sein Vorwurf: "Die Probleme sind maßgeblich von der US-Notenbank kreiert worden".

Das Vertrauen in die Geldhüter in Washington erodiert auch im Hinterland der USA. Nicht weniger als 13 Bundesstaaten planen, Gold- und Silbermünzen als gesetzliches Zahlungsmittel einzuführen. Denn sie trauen der eigenen Währung nur noch bedingt über den Weg. Das Regionalparlament im Mormonen-Staat Utah hat das Alternativgeld bereits beschlossen.

Wie sehr sinkende Reallöhne den amerikanischen Konsumenten zu schaffen machen, illustrieren die immer bissigeren Karikaturen in US-Zeitungen. Eine zeigt Autofahrer, die das Parfüm Chanel No. 5 tanken, mit dem Hinweis, das sei jetzt billiger als Normalbenzin. Die führende Internetzeitung Huffington Post berichtet derweil über die christliche Gemeinde "Beacon of Light" in Dublin, im Bundesstaat Georgia, die Gebete an Tankstellen abhält, um mit Hilfe höherer Mächte dem Preisauftrieb Einhalt zu gebieten. Allein die kollektiven Mehrkosten für Amerikas Autofahrer belaufen sich dank des Benzinpreisanstiegs in den vergangenen zwölf Monaten auf 121 Milliarden Dollar. Das entspricht der Wirtschaftsleistung der Slowakischen Republik, gemessen an ihrem Bruttoinlandsprodukt (BIP).

Wir sind daran nicht schuld, beteuert die Fed beharrlich. Sie sieht keinen Zusammenhang zwischen dem Aufschwemmen der Geldmenge und höheren Preisen für Nahrung und Energie. Ben Bernanke bezeichnete bei seiner jüngsten Anhörung im Kongress den Preisauftrieb als "vorübergehend". Seine Stellvertreterin Janet Yellen bezweifelt, dass höhere Nahrungs- und Energiepreise "die wirtschaftliche Erholung gefährden können". Yellen sieht hinter der anziehenden Teuerung "eine Kombination wachsender globaler Nachfrage sowie Störungen auf der Angebotsseite".

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