Sonntag, 24. Juli 2016

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Globale Inflationsspirale 20 Prozent auf alles

Zwangslage: Aufschwungbürde Inflation
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AFP

Eskalierende Preise treiben tausende Inder auf die Straßen, in China warnt Premier Wen Jiabao vor Unruhen: Ein Inflations-Tsunami droht das boomende Asien zu überfluten, das Deutschland aus der Rezession zu ziehen half. Jetzt fürchten Ökonomen Schockwellen bis nach Deutschland.

Hamburg - Auf Europa und die USA rollt eine Inflationslawine zu. Der Ölpreis beispielsweise ist binnen eines Monats um 15 Prozent gestiegen, seit Sommer um die Hälfte. Baumwolle kostet 148 Prozent mehr als vor einem Jahr - und ist jetzt teurer als während des amerikanischen Bürgerkriegs. In der Euro-Zone klettern die Erzeugerpreise auf Monatsbasis so schnell wie seit 1982 nicht mehr. Mit einem Wort: Der Inflations-Tsunami aus den Schwellenländern passiert gerade unsere Landesgrenze. Kein Zöllner kann ihn aufhalten. Wie auch? Schon hat der Preisauftrieb globale Dimensionen erreicht.

In Neu Delhi marschieren Tausende Inder durch die Straßen und protestieren gegen eskalierende Preise. In China warnt Premier Wen Jiabao vor sozialen Unruhen - und schreibt im neuen Fünfjahresplan niedrigere Wachstumsraten fest, um der Inflationsgefahr zu begegnen. Der Regierungschef weiß, dass die eskalierenden Preise im Zusammenspiel mit rasant steigenden Löhnen auch die aufstrebende Wirtschaftsmacht China gefährden.

In Nordafrika und dem Nahen Osten fallen ja gerade jahrzehntealte Regime wie Dominosteine - erst in Tunesien, dann in Ägypten, vielleicht bald in Libyen. Und in allen Fällen sind dort himmelstürmende Preise für Nahrung und Energie im Spiel. Und im reichen Westen? In Foren im US-Internet schimpfen Teilnehmer, dass sie an der Tankstelle jetzt schon für die Luft in den Reifen zahlen müssen. Selbst Kavalier-Starts an der Ampel werden teurer.

Sicher, über solch Galgenhumor kann man noch schmunzeln. Der in Anlegerkreisen bekannte Geschäftsführer der Handelsbank Tangent Capital Partners in New York, Jim Rickards, vergleicht die aufwogende Inflation allerdings bereits lieber mit einer Schneelawine: "Sie werden nie herausfinden, welches Flöckchen die Walze ausgelöst hat, aber sie wird das ganze Dorf platt machen", sagte Rickards.

Insbesondere im boomenden Asien, das den Westen nach der Finanzkrise wie ein Hafenschlepper aus der Rezession ziehen half, stellen die eskalierenden Ölpreise eine riesige Herausforderung dar. Alleine die Ölrechnung machte im vergangenen Jahr im Schnitt 6 Prozent der jeweiligen Wirtschaftsleistung der Asientiger aus, rechnen Experten der Schweizer Großbank UBS vor. Das heißt: Steigt der Ölpreis um 10 Prozent - wie seit Ende Februar - dann wächst die Wirtschaftsleistung der Tigerländer um 0,6 Prozentpunkte langsamer und Europas und Amerikas Exporten droht ein Dämpfer. Und das gilt gerade auch für Deutschland.

Düstere Prophezeiungen schockieren Verbraucher

Kaum eine andere etablierte Volkswirtschaft hat zuletzt so stark vom Asienboom profitiert, wie die deutsche. " Derzeit exportieren wir noch etwas mehr in die USA als nach China. Doch mit etwas Glück könnte China schon in zwei Jahren ein wichtigerer Markt sein als die Vereinigten Staaten", sagt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Schon 2010 stieg China zum größten Absatzmarkt für deutsche Exporteure außerhalb Europas auf. Vielleicht ist es diese Aussicht, die seit Tagen nun doch drastischere Warnungen provoziert: "Die Preiseskalation nicht zuletzt aufgrund steigender Ölpreise wird ein globaler Schock werden", prophezeit Kaushik Basu düster, der Berater des indischen Finanzministers. Wie stark der Schock schon jetzt ausfällt, hat die US-Notenbank geschätzt.

Nach Meinung der US-Ökonomen bremst jeder Anstieg der Ölnotierungen um 10 Dollar die Konjunktur 0,2 Prozentpunkte. Das wären seit Ende 2010 allein schon 0,4 Prozentpunkte. Das mag sich im ersten Moment nicht dramatisch anhören. Aber sollte die Daumenpeilung der Ökonomen in etwa stimmen, würde der höhere Ölpreis binnen weniger Wochen aufzehren, was nach Vorhersage der US-Notenbanker die gesamte US-Konjunkturbeschleunigung in diesem Jahr hätte werden können.

"Wir haben eine Menge Inflation im System und es wird noch viel schlimmer werden", begrüßte der republikanische Abgeordnete Ron Paul aus Texas dann auch vergangene Woche Ben Bernanke zu dessen Anhörung in Washington. Paul machte Bernanke darauf aufmerksam, dass ihm seine "Quellen" von 9 Prozent Teuerung in den USA berichten. Das klingt plausibel, wenn man sich die Webseite "The Billion Prices Project" am renommierten Massachusetts Institute of Technology anschaut. Dort werden täglich Preise für weltweit fünf Millionen Produkte aus dem Einzelhandel gesammelt.

Die US-Inflation zu Jahresbeginn 2011 hat laut dieser Quelle 10 Prozent erreicht. Allein der Anstieg der Benzinpreise seit dem Börsentief im März 2009 kostet die US-Autofahrer jährlich 224 Milliarden Dollar mehr. Das ist 18 Prozent der privaten Einkommensteuer und entspricht Portugals Wirtschaftsleistung. So etwas kann nicht spurlos an der größten Volkswirtschaft auf dem Globus vorüber ziehen. Und das tut es auch nicht. Im Gegenteil.

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