Samstag, 1. Oktober 2016

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Energiegipfel Schiefergas entwertet teure Pipelines

Arbeit am Pipeline-Projekt "Northstream": Die Ostseepipeline soll russisches Erdgas von Russland nach Greifswald leiten - doch gleichzeitig setzen viele Energiekonzerne auf unkonventionelle Gasvorkommen, zum Beispiel die Gasgewinnung aus Schieferstein. Und davon gibt es in Deutschland reichlich

Brisantes Thema auf dem EU-Energiegipfel: Das lange vernachlässigte Erdgas wirbelt die politischen Pläne durcheinander. Denn die Energie von morgen könnte nicht aus russischen Pipelines, sondern aus so genannten "unkonventionellen Vorkommen" gefördert werden - etwa im Emsland, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen.

Hamburg - Erstmals seit 2006 treffen sich an diesem Freitag die Staats- und Regierungschefs zu einem EU-Energiegipfel. Ziel ist, die Voraussetzungen für einen gemeinsamen Strom-Binnenmarkt in Europa zu schaffen. In Brüssel geht es daher um Einsparungen, Marktregulierung und den Netzausbau. Die Hintergrundmusik spielen - wie schon 2006 - die steigenden Rohstoffpreise.

In der Tat gleicht die heutige Situation vordergründig jener, die die Energiemärkte der letzten Konferenz prägte. Damals hatte sich der Ölpreis der Marke Brent von knapp 18 Dollar pro Fass im Jahr 2002 auf mehr als 70 Dollar im Jahr 2006 entwickelt. Gekoppelt an den Ölpreis waren die Preise anderer fossiler Energieträger wie Kohle und Gas ebenfalls stark gestiegen.

Fünf Jahre später ist die Situation ähnlich. Nachdem der Ölpreis nach der Wirtschaftskrise kurze Zeit bei unter 40 Dollar notierte, ist er seitdem auf mehr als 100 Dollar geklettert.

Ein Umstand, der vor allem die Gewinne der großen Ölkonzerne sprudeln lässt. Der britisch-niederländische Ölkonzern Royal Dutch Shell Börsen-Chart zeigen vermeldete am Donnerstag einen Nettogewinn von 20,1 Milliarden US-Dollar - 61 Prozent mehr als 2009. Die amerikanische Konkurrenz hatte schon vor einigen Tagen vorgelegt: Chevron Börsen-Chart zeigen verdiente im vergangenen Jahr 19 Milliarden, Exxon Mobil Börsen-Chart zeigen30,5 Milliarden Dollar.

Entkopplung: Erdgas folgt nicht mehr automatisch dem Ölpreis

Und dennoch haben sich die Rahmenbedingungen im Vergleich zu 2006 verändert. Denn im Gegensatz zu damals, haben sich Erdölpreis und Erdgaspreis entkoppelt. Der Grund: Mit jedem Dollar, den der Ölpreise pro Barrel steigt, wird die Suche nach alternativen Rohstoffen lukrativer. Und die wichtigste dieser Alternativen ist inzwischen das Erdgas. Die Tage, in denen es als Nebenprodukt bei der Gewinnung von Erdöl schlicht abgefackelt wurde, sind gezählt.

Liegt der Erdgasanteil an fossilen Energieträgern derzeit bei weltweit 25 Prozent, rechnet die internationale Atomenergiebehörde (IAEA) bis zum Jahr 2080 mit einem Anteilswachstum auf mehr als 50 Prozent. Längst wird Erdgas nicht mehr nur zum Heizen genutzt, sondern auch zur Stromgewinnung in Gas-und-Dampf-Turbinen und als Kraftstoff für Autos.

Suche nach Erdgas forciert - auch aus unkonventionellen Vorkommen

Die Suche nach konventionellen Erdgasfeldern wird daher bereits forciert. Erst vor wenigen Wochen meldete der US-Konzerns Noble Energy gemeinsam mit seinem israelischen Partner Delek Energy den Fund eines 450 Milliarden Kubikmeter großen Erdgasfeld vor der israelischen Küste, rund 130 Kilometer nordöstlich von Haifa. Bis zu 100 Milliarden Dollar soll es wert sein. Ihre Entdecker haben es nach dem biblischen Ungeheuer "Leviathan" getauft.

Die größten Weltreserven werden vor allem in den Böden und vor den Küsten Russlands (25,4 %), Irans (15,0 %) und Katars (13,4 %) vermutet. Weltweit betrugen die konventionellen Erdgasreserven nach Angaben der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe im Jahr 2008 rund 188 Billionen Kubikmeter. Diese Menge würde bei gleichem Energieverbrauch noch für 61 Jahre reichen.

Doch die Erdgasförderer blickennzwischen auch auf die so genannten "unkonventionellen Gasvorkommen" - und damit gerät auch Deutschland als Land mit großen Gasreserven immer stärker in den Fokus. Diese Verschiebung könnte den künftigen Energiemix sowie die Preisgestaltung gehörig durcheinander wirbeln.

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