Mittwoch, 14. November 2018

"Ignoble"-Preis  Wie die Unfähigsten Chef werden

Ernsthaft geehrt: Verkündung der Ökonomie-Nobelpreisträger 2010 in Stockholm

Endlich ist Ökonomen der Beweis geglückt: In Unternehmen werden tendenziell die unfähigsten Kandidaten für den Chefposten genau bis dorthin befördert. Mit diesem augenzwinkernden Nachweis verdienten sich drei italienische Forscher den "Ignoble"-Preis: Sie konkurrieren mit den heute ausgezeichneten Ökonomie-Nobelpreisträgern.

Hamburg - Wenn an diesem Freitag in Stockholm, im klassizistischen Konzerthaus der Stadt, die Nobelpreise verliehen werden, wird es leise und bedächtig zugehen. Zehn Herren in schwarzem Gewand und weißem Einstecktuch in der Brusttasche werden auf mit rotem Samt bezogenen Stühlen sitzen. Unter ihnen die diesjährigen Gewinner des Wirtschaftsnobelpreises Peter Diamond, Dale Mortensen und Christopher Pissarides. Nacheinander werden sie sich erheben dürfen, den Worten ihrer Laureaten folgen, sie werden über den blauen Teppich schreiten und vom schwedischen König Carl XVI. Gustaf die Nobel-Medaille und eine Urkunde entgegen nehmen. Sie werden sich verbeugen. Das Publikum wird sie beklatschen. Dann dürfen sie wieder zurück schreiten, sich setzen, schweigen.

Wie anders ging es da bei der Verleihung eines ganz anderen Nobelpreises zu, der im Oktober dieses Jahres auf der anderen Seite des Atlantiks im Sanders Theatre verliehen wurde, dem großen alten Hörsaal der Harvard-Universität in Cambridge.

Die Gäste verzichteten auf den Frack, waren dafür teils geschminkt, teils verkleidet. Hier und dort flogen Papierflugzeuge durch den Saal. Und als die drei diesjährigen Wirtschaftspreisträger Alessandro Pluchino, Andrea Rapisarda und Cesare Galofaro samt ihren Forschungsergebnissen vorgestellt wurden, schallte ein Jubelsturm durch die Reihen. Ihr wirtschaftswissenschaftliches Werk war würdig empfunden worden, den "Ignoble"-Nobelpreis -"Ignoble", das heißt übersetzt so viel wie "unedel" oder "unwürdig" - zu erhalten.

Ab sofort werden ihre Forschungsergebnisse in einem Atemzug genannt mit der Entdeckung, dass finanzielle Probleme die Paradontitis-Gefahr erhöhen. Oder dass Menschen ihr Ableben hinauszögern, wenn dadurch weniger Erbschaftssteuer anfällt.

Alessandro Pluchino, Andrea Rapisarda und Cesare Galofaro von der italienischen Universität von Catania setzen diese Serie nun würdig fort. Sie erhielten den "Ignoble"-Nobelpreis für ihren mathematischen Nachweis, dass Organisationen effizienter wären, wenn sie Mitarbeiter nach dem Zufallsprinzip beförderten.

Bis zur Stufe der maximalen Inkompetenz

Ihre im Oktober 2009 veröffentlichte Studie mit dem Titel "The Peter Principle Revisited: A Computational Study", beschäftigt sich mit dem so genannten Peter-Prinzip. Es wurde 1969 von Laurence J. Peter und Raymond Hull in ihrem Buch "The Peter Principle" formuliert, ist vermutlich jedem zweiten Angestellten vertraut und lässt sich so zusammenfassen: In einer Hierarchie neigt jeder Beschäftigte dazu, bis zu seiner Stufe der maximalen Inkompetenz aufzusteigen.

Mit anderen Worten: Jemand, der auf seinem Arbeitsplatz gute Arbeit leistet, wird so lange befördert, bis er an einem Schreibtisch sitzt, an dem er schlechte Arbeit macht. Dort verharrt er dann. Die Arbeit wird indessen von jenen Mitarbeitern erledigt, die ihre Stufe der maximalen Inkompetenz noch nicht erreicht haben.

Laurence J. Peter erklärt dies damit, dass sich die Aufgaben auf verschiedenen Hierarchieebenen sehr voneinander unterscheiden. Kompetenzen, die auf einer unteren Hierarchieebene gebraucht werden, sind auf einer höheren Hierarchieebene nicht unbedingt gefragt. Peter stellt daher die These auf, dass nach einer gewissen Zeit jede Stelle in einer hierarchischen Organisation, ob Firma, Partei oder Behörde, mit einem Mitarbeiter besetzt ist, der für diese Stelle vollkommen inkompetent ist.

Peters Buch hat Generationen von Angestellten zumindest Trost gespendet. Jetzt paart sich dieser Trost mit Gewissheit. Denn die Schlussfolgerungen des 1990 verstorbenen Sozialwissenschaftlers sind von Pluchino/Rapisarda/Galofaro in einer einfachen Computersimulation einer virtuellen Organisation überprüft und bestätigt worden. Die Gesamteffizienz einer Organisation ist in ihrem Modell dann am höchsten, wenn die Besetzung freier Stellen per Zufall geschieht.

Was dies für praktisch jede Personalabteilungen bedeutet, muss hier nicht weiter erläutert werden. Für die Personalabteilungen von Konzernen wie General Motors, KarstadtQuelle, Lehman Brothers, der IKB oder auch Regierungsapparaten wie jenen Griechenlands oder Irlands kommen diese Forschungsarbeiten ohnehin zu spät. Auch für die derzeit fünfzehn Millionen Arbeitslosen in den Vereinigten Staaten.

Seite 1 von 2

© manager magazin 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH