Freitag, 16. November 2018

Dennis Snower "Wir befinden uns in einem instabilen Gleichgewicht"

Die Zukunft im Blick: Snower hat klare Vorstellungen davon, was die Weltwirtschaft voranbringt. Und was nicht.

Wegen hoher Staatsverschuldung und teils hoher Arbeitslosigkeit befände sich die Welt in einem instabilen Gleichgewicht, sagt Dennis Snower, Chef des Instituts für Weltwirtschaft, dem manager magazin. Lösungen für diese Probleme will das Global Ecomomic Symposium in Istanbul bieten. Lösungen, vor denen Politiker heute noch zurückschrecken.

mm: Professor Snower, das diesjährige Motto des Global Economic Symposium (GES) lautet: "Achieving Sustainability in the Face of Systemic Risks", frei übersetzt: Nachhaltigkeit erzielen trotz systemischer Risiken. Was heißt das?

Snower: Systemrisiken wie zum Beispiel die Labilität der Finanzmärkte sind die Waisenkinder der Wirtschaftspolitik. Nicht einmal die großen internationalen Organisationen können sich in angemessener Form um sie kümmern, weil ihnen dabei oft ihre starren Strukturen im Wege stehen. Also muss man sich als Weltbürger darüber Gedanken machen, wie sich die Resilienz, also die Widerstandskraft gegenüber systemischen Risiken erhöhen lässt. Und genau das geschieht auf dem Symposium.

mm: Warum sollen wir uns ausgerechnet jetzt über Risiken Gedanken machen? In Deutschland scheint die wirtschaftliche Situation doch gut zu sein, wir befinden uns mitten im Aufschwung.

Snower: Ja, dieser Aufschwung hat verschiedene Ursachen, zum Beispiel der schwache Euro, der dem deutschen Export hilft oder auch die robusten Schwellenländer, die gleichfalls dem deutschen Export nutzen. Und in Deutschland war über einige Jahre hinweg das Produktivitätswachstum höher als das Lohnwachstum, unter anderem wegen der Schröder'schen Arbeitsmarkt- und Sozialreformen, deren Früchte wir nun in Form verbesserter Wettbewerbsfähigkeit ernten. Dennoch kann man nicht automatisch erwarten, dass der momentane Bounceback aus der Rezession in einen langfristigen Wachstumstrend übergeht.

mm: Niemand scheint im Moment genau zu wissen, was ökonomisch auf uns zukommt. Was kann die Politik tun, um die wirtschaftliche Entwicklung wieder stabiler zu machen?

Snower: Stabilität ist in meinen Augen derzeit kaum zu erreichen, wir befinden uns in einem instabilen Gleichgewicht, sei es beim Klima oder bei der Wirtschaft. Wenn die Politik durch Aktivismus vorzugaukeln versucht, dass sie Stabilität garantieren kann, schafft sie in Wahrheit immer neue Risiken. Nehmen Sie die Geldpolitik: Sicher, die niedrigen Leitzinsen helfen uns, mit den Folgen der Krise fertigzuwerden. Aber gleichzeitig legt die so geschaffene Liquidität bereits Ansätze für neue Spekulationsblasen, die irgendwann platzen werden. Die Politik sollte sich vom Ziel verabschieden, durch ihre Handlungen Stabilität zu erzeugen. Stattdessen muss sie daran arbeiten, die Welt resilienter zu machen

mm: Also unempfindlicher.

Snower: Genau. Unempfindlich gegen Krisen. Dazu sind aber bestimmte Rahmenbedingungen erforderlich.

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