Freitag, 14. Dezember 2018

Thilo Sarrazin Billionentransfers waren einkalkuliert

Jubel, Trubel, Nüchternheit: Wie die D-Mark in die DDR kam
[m] DPA; mm.de

Als Referatsleiter im Finanzministerium hat Thilo Sarrazin 1990 die deutsch-deutsche Währungsunion in vier Tagen ausgearbeitet. Im Gespräch mit manager magazin erklärt der Bundesbank-Vorstand, warum die Währungshüter damals nicht viel zu sagen hatten - und die Bundesrepublik in der Euro-Krise nicht wieder so generös sein darf.

mm: Herr Sarrazin, Sie haben die Eckpunkte der deutsch-deutschen Wirtschafts- und Währungsunion 1990 in einem 14-seitigen Vermerk formuliert. Als die DDR dann am 1. Juli die D-Mark einführte, brach die Wirtschaft zusammen. Trotz Billionentransfers erholt sie sich bis heute nur langsam. War Ihnen klar, was Ihr Papier auslösen würde?

Sarrazin: Das Papier enthielt die Prognose, dass die Währungsumstellung zu einer Freisetzung von 35 bis 40 Prozent der Industriebeschäftigten führen würde. Die sich daraus ergebende Arbeitslosigkeit in der DDR hatte ich auf 1,4 Millionen Menschen geschätzt. Im März 1990 hatte ich berechnet, dass eine schnelle Modernisierung der Kapitalstocks der DDR Richtung westdeutsches Niveau einen jährlichen Kapitalimport in dreistelliger Milliardenhöhe erfordern würde.

mm: Und trotzdem haben Sie die Währungsunion mit den umstrittenen Wechselkursen vorbereitet?

Sarrazin: Zu einer Umstellung der laufenden Zahlungen im Verhältnis eins zu eins gab es damals aus meiner Sicht keine vernünftige Alternative, und dieser Ansicht bin ich noch heute. Als zuständiger Fachbeamter war es mein Ehrgeiz und meine Pflicht, auch Kosten und Risiken aufzuzeigen. Aber ich stand zu 100 Prozent hinter dem Kurs des Hauses und der Bundesregierung, die Währungsunion anzubieten.

mm: Ihre Kostenschätzung war ein politischer Sprengsatz. Wie haben Ihre Vorgesetzten, Staatssekretär Horst Köhler und Finanzminister Theo Waigel, reagiert?

Sarrazin: Alle Berechnungen waren selbstverständlich vertraulich, sie beruhten auf gewagten Annahmen, und sie enthielten große Unsicherheiten.

"Eine seriöse Alternative war ja nicht zu erkennen"

mm: Hat die Bundesregierung die Bürger getäuscht?

Sarrazin: Nein, natürlich nicht. Jeder wusste, dass wir ein Wagnis eingingen. Im Frühjahr 1990 ging es darum, die Wirtschafts- und Währungsunion unwiderruflich auf den Weg zu bringen als Vorstufe zur deutschen Einheit. Sie musste zu einem Erfolg werden. Auch ich hätte den Prozess mit größter Dynamik vorangetrieben, wenn ich politisch verantwortlich gewesen wäre. Eine seriöse Alternative war ja auch nicht zu erkennen - außer man peilte eine Lösung mit zwei deutschen Staaten an, wie der spätere SPD-Kanzlerkandidat Oskar Lafontaine es wollte.

mm: Der kritisierte die Währungsunion scharf und forderte einen schrittweisen Übergang - wie auch viele Wirtschaftsexperten und die Bundesbank. Sind Sie nicht sonst immer für wirtschaftliche Vernunft, auch wenn sie unbeliebt ist?

Sarrazin: Ohne D-Mark in der DDR wäre die beispiellose Massenflucht nur mit einer neuen innerdeutschen Grenze einzudämmen gewesen. Wir mussten den Ostdeutschen vor Ort eine vernünftige Perspektive vermitteln. Die Lage in anderen Ostblockländern war völlig anders: Die Polen wollten in Polen leben, die Tschechen wollten in der Tschechoslowakei leben, die Ungarn in Ungarn, aber die DDR-Bürger wollten in Deutschland leben.

mm: War das Vorgehen der Bundesregierung aus Ihrer Sicht also alternativlos?

Sarrazin: Es wäre arrogant, zu sagen, man hätte in diesen wenigen Wochen gar nichts anders machen können. Aber zu den wesentlichen Dingen, die wir getan haben, sehe ich keine Alternative: Erstens die Einführung der D-Mark im Tausch gegen einen marktwirtschaftlichen Ordnungsrahmen in der DDR. Denn das war gleichbedeutend mit der Entmachtung und Umschichtung der alten Strukturen. Zweitens den Umtauschkurs für laufende Zahlungen von eins zu eins.

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