Dienstag, 20. November 2018

Thilo Sarrazin Billionentransfers waren einkalkuliert

Jubel, Trubel, Nüchternheit: Wie die D-Mark in die DDR kam
[m] DPA; mm.de

2. Teil: "Ein Umtauschkurs von zwei zu eins hätte den Lebensstandard halbiert"

mm: Warum wäre ein anderer Umtauschkurs nicht angebracht gewesen?

Sarrazin: Die Binnenkaufkraft der DDR-Mark war in etwa so hoch wie die Binnenkaufkraft der Westmark. Zwar kostete ein Wartburg 30.000 und ein Farbfernseher 5000 Ostmark, aber das repräsentierte ja nicht den gesamten Warenkorb. Dazu gehörten Lebensmittel, Energie, Mieten und soziale Dienstleistungen. Und so gesehen, konnten Sie für die DDR-Mark in der DDR genauso viel kaufen wie mit der D-Mark in der Bundesrepublik.

mm: Die Waren und Dienstleistungen waren aber stark subventioniert.

Sarrazin: Wie auch immer, aber so stellte es sich für den Verbraucher dar. Wenn man einen Umtauschkurs von zwei zu eins angewandt hätte, hätte sich der Lebensstandard im Osten mit einem Schlag halbiert. Das ging nicht.

mm: Dennoch berücksichtigte die Rechnung offenbar nicht, wie sehr die DDR-Wirtschaft darniederlag. Wie vertraut waren Sie mit ihrem Zustand?

Sarrazin: Es gab in der Bundesrepublik ja eine etablierte DDR-Forschung, deren Erkenntnisse hatte ich studiert. Es gab Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, nach denen die Arbeitsproduktivität in der DDR-Wirtschaft bei 45 bis 60 Prozent des westdeutschen Niveaus lag. Auch das Statistische Jahrbuch der DDR enthielt nützliche Informationen. Dessen letzte, im Sommer 1990 erschienene Ausgabe, hatte zum Beispiel richtige Angaben zu Geldumlauf, Sparguthaben und Ähnlichem.

Was vorhanden war, hatte ich in den Monaten bis zur Entscheidung im Januar ausgewertet und auch benutzt. Dennoch war mir klar: Wenn wir zu einem Stichtag die D-Mark für alle Unternehmen einführen, wird das ein Sprung ins kalte Wasser.

"Die DDR musste 40 Jahre Strukturwandel nachholen"

mm: Haben Sie den Zustand beispielsweise der DDR-Industrie einmal in Augenschein nehmen können?

Sarrazin: Ich konnte in diesen Monaten nicht nach drüben reisen, aber ich kannte den Zustand zahlreicher DDR-Produkte, von Kameras bis hin zu Radios, Fernsehern, Rechengeräten, Autos und vielem mehr. Mir war klar, dass die Produkte im technischen Kern solide waren. Es waren Produkte einer deutschen Industriegesellschaft, aber sie waren gemessen an den Standards der Weltmärkte etwa 20 Jahre zurück und auch im Design sozialistisch und nicht marktwirtschaftlich.

Insofern war es klar, dass die Produktpalette in großen Teilen nicht überlebensfähig war. Und klar war auch, dass die DDR 40 Jahre des Strukturwandels verpasst hatte und diesen würde nachholen müssen.

mm: Angesichts dieses maroden Zustands der DDR-Wirtschaft konnte es ja der Bundesbank - Ihrem heutigen Arbeitgeber - nicht gefallen, die D-Mark auf den Osten auszudehnen. Wie haben die reagiert?

Sarrazin: Letztlich war die Frage, wie der Währungsraum abgegrenzt wird, eine politische Entscheidung. Bei deren Vorbereitung war die Bundesbank gar nicht beteiligt. Damit wäre sie politisch auch überfordert gewesen, weil das nicht ihre Rolle war.

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