Dienstag, 27. Juni 2017

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Sicherheit "Darüber spricht man nicht"

Abgeschlossen. So einfach wie dieses Tor ist zum Beispiel das Internet nicht zu verriegeln

Nur wenn sie fehlt, bemerkt man sie - die Sicherheit. Sei es unter Unternehmern oder Privatleuten: Sicherheit ist das vermutlich am meisten unterschätzte Gut. Und dabei wird die Lage immer brisanter, sagt Experte Arne Schönbohm. Er sieht kräftiges Wachstum in einem Milliardenmarkt.

mm: Herr Schönbohm, Sicherheit ist so ein papierener Begriff, dass kaum einer über sie spricht - trügt der Eindruck?

Schönbohm: Über Sicherheit spricht man nicht, sie ist da. Das ist zumindest die deutsche Wahrnehmung.

mm: Ist sie denn da?

Schönbohm: In einigen Regionen nein. Wenn man die Polizei in einer ländlichen Region wie beispielsweise Westsachsen ruft, dann muss man teilweise bis zu 40 Minuten warten, bis sie da ist. Aber wie gesagt, solange nichts passiert, scheint alles in Ordnung zu sein.

mm: Was also tun?

Schönbohm: Es gibt einen Trend zur Privatisierung im Sicherheitsbereich. Dieser Trend wird weiter anhalten. Im privaten Sicherheitsbereich sind heute bereits gut 170.000 Personen bundesweit beschäftigt, Tendenz steigend. Der Staat beschäftigt rund 260.000 Polizisten, Tendenz fallend.

mm: Ist das nicht verfassungsrechtlich ein Problem - die Sicherheit, für die der Staat sorgen soll, in den Händen privater Unternehmen?

Schönbohm: Ich denke nein, wie an der Bewachung von militärischem Gelände oder von Kernkraftwerken deutlich wird. Oder nehmen Sie als Beispiel die Personenkontrollen an den Flughäfen, da funktioniert das seit Jahren so. Sie werden von privaten Dienstleistern abgetastet und durchleuchtet, aber am Ende der Sicherheitskontrolle steht immer ein Polizist der Bundespolizei, um notfalls hoheitliche Aufgaben vornehmen zu können.

mm: Festnahmen zum Beispiel.

Schönbohm: Ja.

mm: Terrorismus ist das eine. Aber Spionage oder Wirtschaftskriminalität ist das andere, das viel komplexere Gebiet. Würde so eine Auslagerung dort auch funktionieren? Zum Beispiel, indem der Staat die Buchprüfung auf Wirtschaftsprüfer überträgt, um Bilanzdelikte aufzuspüren?

Schönbohm: Gute Idee, das wäre ein Weg. Allerdings müsste der Gesetzgeber dafür Sorge tragen, dass es im Fall des Wirtschaftsprüfers nicht zu Interessenkonflikten kommt.

mm: Wie groß ist dieser Markt der Sicherheit eigentlich?

Schönbohm: In Deutschland umfasst der Sicherheitsmarkt 20 Milliarden Euro, das sind Produkte und Technologien. Der Markt wird auf rund 31 Milliarden Euro in 2015 anwachsen. Dazu kommen noch knapp 5 Milliarden Euro für Sicherheitsdienstleistungen, wie sie Securitas oder Piepenbrock anbieten.

mm: Und was kostet die Gewährleistung von Sicherheit?

Schönbohm: Hierzu gibt es leider keine konkreten Zahlen. Lediglich die eben erwähnten könnten als Richtgröße angewendet werden. Dazu kommen knapp 6 Milliarden Euro als Budget des Bundesinnenministeriums sowie die Haushalte der Länderinnenministerien.

mm: Aber wenn man nach China blickt, offenbar nicht. Denn immer wieder werden auch deutsche Unternehmen Opfer von Fälscherattacken, zumeist aus Fernost.

Schönbohm: Im jüngsten Verfassungsschutzbericht heisst es, dass Staaten wie Russland und China mit ihren Nachrichtendiensten aktiv Spionage in den Bereichen Wirtschaft, Wissenschaft und Forschung betreiben würden. Sie wollen die technologische Lücke zum Westen schließen.

mm: Aber, etwas zynisch gefragt, erledigt sich das Problem nicht irgendwann? Wenn zum Beispiel Motorsägen von Stihl zu lange kopiert werden, dann geht das Original irgendwann einmal pleite. Und damit entfällt doch die Marke mit ihrer Strahlkraft, die die Kopie erst so verlockend macht.

Schönbohm: Nein, das Problem erledigt sich nicht. Auf einer Kopie kann der Täter ja weiter aufbauen, spart sich die Entwicklungskosten und wird irgendwann besser als das Original. Die Situation für den alten Marktführer wird auch dadurch immer schwieriger.

mm: Wie gehen die deutschen Unternehmen damit um?

Schönbohm: Die Großen mögen das Problem noch handhaben können, beim Mittelstand dagegen wird es eng. Die ringen seit Jahren damit.

mm: Müsste Sicherheit also in Unternehmen bilanziert werden - und nicht erst im Schadensfall abgeschrieben?

Schönbohm: Eigentlich schon.

mm: Kommen wir zur Politik.

Schönbohm: Der fehlt es teilweise an Kontinuität bei der Problemlösung. Sei es Industriespionage, Islamismus oder Radikalismus, das ist alles nichts Neues. Des Weiteren muss die Frage nach der Effizienz der eingesetzten Mittel gestellt werden. Es gibt zum Beispiel noch rund 40.000 Bundespolizisten, die früher Bundesgrenzschützer hießen. Durch die Einführung des Schengenraumes finden Grenzkontrollen jedoch nur noch an seinen Außengrenzen bzw. an Flughäfen und Häfen statt. Da also die eigentliche Aufgabe des Schutzes der deutschen Grenze deutlich reduziert wurde stellt sich die Frage, welche weiteren Aufgaben die Bundespolizisten übernehmen könnten. Die Aufgabe der Sicherheit ist ohnehin Ländersache und keine Bundesangelegenheit.

mm: Was also soll die Regierung tun - in Ihren Augen?

Schönbohm: Vor allem eine kontinuierliche Sicherheitspolitik, die die Entwicklungen des demographischen Wandels, der öffentlichen Haushalte und des technischen Fortschrittes berücksichtigt. Das kann auch eine industriepolitische Komponente beinhalten. Die Bundesregierung kann sich beispielsweise die Frage stellen, in welchen Bereichen Deutschland in fünfzehn Jahren globaler Marktführer sein will. Warum nicht im Bereich der Sicherheitstechnik und -dienstleistungen?

mm: Was meinen Sie - kriegen wir die Kurve?

Schönbohm: Das hängt, wie gesagt, von dem zukünftigen sicherheitspolitischen Kurs Deutschlands ab. In jedem Fall werden private Sicherheitsunternehmen eine zunehmend bedeutendere Rolle spielen.

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