Freitag, 27. Mai 2016

Weltwirtschaft Fünf Gründe für ein gutes Jahr 2016

Hamburger Hafen: Es gibt Gründe für vorsichtigen Optimismus

Krisen, Kriege, Terror: Die Ereignisse von 2015 haben die Weltwirtschaft extrem verunsichert. Die Zeit ist reif für einige positive Überraschungen - und fünf Gründe sprechen dafür.

Nein, langweilig war es nicht. 2015 war ein Jahr, das so ereignisreich wie kaum ein anderes im vergangenen Vierteljahrhundert war.

Ein Jahr im Zeitraffer:

  • Die Zuspitzung des Krieges in Syrien, Millionen Menschen auf der Flucht, der folgende Streit in der EU über den Umgang mit den Migranten. Zuvor das Fast-Ausscheiden Griechenlands aus dem Euro, Europas Einigungsprojekt am Rande des Scheiterns.
  • Dazu die Terrorangst. Anschläge in Paris, Anfang 2015 auf die Redaktion von Charlie Hebdo, am 13. November auf Hunderte Normalbürger. Rechte Populisten auf der Überholspur, in Frankreich, in den USA, in Polen, viele Bürger den Eliten entfremdet.
  • Wacklige Weltmärkte, stagnierender Welthandel. Das Platzen der China-Blase. Absturz vieler Schwellenländer-Währungen. Angst vor US-Zinserhöhungen bei rekordhoher Verschuldung weltweit. Absturz des Ölpreises, billige Energie für die Verbraucher in Nordamerika und Europa, Destabilisierung der Rohstoffexporteure, von Saudi-Arabien über Russland bis Brasilien und Venezuela.
  • Am Ende der Klimagipfel, Ankündigung einer globalen Energiewende. Klar ist bislang nur eines: Das wird teuer.

Verdammt viel los.

Zur Person
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Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor war Müller stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.
Es ist naheliegend, die Ereignisse von 2015 zu einem Niedergangsnarrativ zu verbinden - zu einer Erzählung von Verfall und Abstieg, wie sie derzeit die politische Debatte in vielen Ländern prägt. Etwa so: Wirtschaftliche Probleme schaffen soziale Spannungen, die die politischen Ränder stärken und ganze Gesellschaften destabilisieren, was wiederum die ökonomischen Probleme verschärft. Das Resultat: eine Welt ohne Ordnung, eng verwoben, aber geplagt von Ungleichzeitigkeiten, Ungleichgewichten, Spannungen und Konflikten.

So kann es kommen. Muss es aber nicht. Vor diesem düsteren Hintergrund ist es sogar ziemlich wahrscheinlich, dass 2016 ein Jahr der positiven Überraschungen wird.

Hier sind fünf Gründe für vorsichtigen Optimismus:

1. Zinsschock ohne Schrecken
Die erste Zinserhöhung der US-Notenbank seit fast einem Jahrzehnt, die 2015 die Finanzmärkte in Atem hielt, hat nun endlich im Dezember stattgefunden. Damit ist ein Unsicherheitsmoment verschwunden. Der weitere Anstieg der US-Zinsen könnte nun so langsam vonstatten gehen, dass heftige Verwerfungen ausbleiben.

Es stimmt schon: Die Schulden sind weltweit zu hoch, gerade die Dollar-Verbindlichkeiten privater Unternehmen außerhalb Amerikas. Das macht die Weltwirtschaft anfällig. Aber das globale Kartenhaus muss nicht zwangsläufig in einem gewaltigen Krach einstürzen. Ein allmählicher Schuldenabbau - aktiv unterstützt durch die Notenbanken (die die Zinsen extrem niedrig halten) und die Aufsichtsbehörden (die die Vergabe neuer Kredite erschweren) - ist durchaus möglich.

2. Waffenruhe ohne Frieden
Möglich, dass der Höhepunkt des Syrienkonflikts überschritten ist. Der offenkundige Wille zur Zusammenarbeit auf globaler Ebene jedenfalls lässt vorsichtig hoffen. Wenn es gelingt, das Töten zu beenden, dürften die Flüchtlingszahlen zurückgehen. Je glaubwürdiger eine Wiederaufbauperspektive des kriegszerstörten Landes wird, desto mehr syrische Migranten werden zurückkehren. Viele aktuelle Befürchtungen würden sich nicht bewahrheiten, soziale und politische Konflikte in den Aufnahmeländern entschärft. Ob eine massenhafte Rückkehr allerdings für Deutschland und das übrige Europa auf Dauer ökonomisch vorteilhaft wäre, das ist eine andere Frage.

3. Globalisierung ohne Verve
Der Welthandel nimmt kaum noch zu. Nach Schätzungen der Industrieländerorganisation OECD ist das Volumen 2015 um gerade mal zwei Prozent gewachsen, so langsam wie selten in den vergangenen 50 Jahren. Gerade für die offene deutsche Volkswirtschaft wäre eine Verfestigung dieses Trends problematisch. Allerdings wird es so schlimm mutmaßlich nicht kommen. Die Schwellenländer, hauptverantwortlich für die schwache Entwicklung, dürften sich erholen vom Doppelschlag 2015: dem Verfall der Rohstoffpreise und dem Absturz ihrer Währungen.

Auf der anderen Seite steigen die Importe diverser westlicher Länder, insbesondere der USA, die nach langer Durststrecke relativ solide dastehen. Dass der Handel wieder so stark zunehmen wird wie in den Nullerjahren, ist zwar nicht in Sicht. Aber eine Normalisierung ist durchaus wahrscheinlich.

4. Produktivität ohne Sprünge
Möglich, dass wir aktuell die Wachstumspotenziale der Weltwirtschaft unterschätzen. Dass es immer weniger lohnende Projekte gebe und dass deshalb immer weniger investiert werde, gilt inzwischen als nahezu gesicherte Erkenntnis. Die Folgen: geringe Produktivitätszuwächse, stagnierende Löhne, extrem niedrige Zinsen.

Dieser Befund allerdings widerspricht der Alltagserfahrung unübersehbarer technologischer Sprünge wie der Smartphone-Revolution, die vernetzte Computer im Westentaschenformat global verbreitet und nun eine Branche nach der anderen aufmischt. Die Digitalisierung führt mutmaßlich dazu, dass die Diskrepanz zwischen gemessenem und tatsächlichem Wohlstand immer größer wird. Denn viele digitale Produkte stehen quasi umsonst zur Verfügung und werden deshalb nicht mehr korrekt von den Statistikern erfasst.

Neue Investmentmöglichkeiten sollten auch durch die Klimapolitik entstehen. Gängige Schätzungen gehen von einem globalen Investitionsvolumen von etwa einer Billion Dollar jährlich aus. So viel Geld ist nötig, um den Ausstoß an Klimagasen so weit zu reduzieren, dass der Temperaturanstieg auf zwei Grad begrenzt wird. Klingt viel, ist es aber nicht. Die Summe entspricht ziemlich genau dem Betrag, den allein US-Konzerne 2015 an Gewinnen ausgeschüttet haben. Vielleicht geht es uns bald viel besser, als wir heute für möglich halten.

5. Terror ohne Horror
Seit dem 11. September 2001 haben die westlichen Gesellschaften gelernt, mit der Terrorgefahr zu leben. Entsprechend gering sind die ökonomischen Auswirkungen weiterer Anschläge, jedenfalls wenn sie im Rahmen des Erwarteten bleiben. So abscheulich Attentate wie jene von Paris im November 2015 sind, ihre Auswirkungen sind doch begrenzt. Sofern 2016 böse Überraschungen ausbleiben und keine generelle Neueinschätzung der Sicherheitslage nötig wird, dürften die ökonomischen Auswirkungen des Terrors überschaubar bleiben.

Gerade Europa ist gefangen in einer Kette von Krisen, die scheinbar unabwendbar ist. Wir sollten uns nicht damit abfinden.

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