Von Dietmar Student
Es gehört zweifellos zu den größten Rätseln des Universums: Namen und ihre Anhängsel verschwinden wie in einem schwarzen Loch. Eine Hamburger Energiefirma namens "Hein Gas"? Heißt heute Eon Hanse. Jammerschade. AWD, diese drei Buchstaben hatten für etliche Außendienstler jahrzehntelang einen guten Klang (für so manchen Kunden weniger)? Ausgelöscht, beziehungsweise inhaltlich diffundiert in das schwergängige Begriffs-Triptychon Swiss Life Select. Und die FDP? Stimmt, die ist noch da. Aber bekanntlich längst ohne ihre künstlerisch wertvollen drei Punkte. Die vermittelten wenigstens irgendwie - Zählbares.
Dietmar Student
Was gibt's aber noch? Genau, Schleckerfrauen. Die aus der Zeit gefallene Anton-Schlecker-Straße könnte doch fortan, so ein Verdi-Vorschlag, Schleckerfrauen-Allee heißen. Gut, es handelt sich um lediglich 300 Meter Wegstrecke, in einem Gewerbegebiet, da ist der Begriff Allee womöglich etwas übertrieben. Aber ansonsten: Ja, mit dieser Idee können wir uns durchaus anfreunden. Die Schleckerfrauen stehen immerhin womöglich demnächst im Duden, Anton Schlecker steht nur im Insolvenzregister. Das bisschen Diskriminierung (wo bleiben die Schleckermänner?) lassen wir mal durchgehen, passiert halt im Eifer des Wortgefechts.
Wie gesagt: nur konsequent das Ganze. Wir müssen weg von der Täter- und hin zur Opfer-Beschilderung. "Lehman-Geschädigten-Gasse" (statt: Sparkassenstraße) kommt einem doch ganz locker und politisch korrekt über die Lippen. Fraglich zudem, ob sich angesichts des Pferdefleisch-Skandals noch Straßentitel halten können wie "Neuer Pferdemarkt" (in Hamburg). Man versetze sich nur einmal in die Lage der dort postalisch registrierten Imbissbuden, Schlachtereien oder Lebensmittelläden mit breitem Fertiggerichtesortiment.
Auch die Adresse "Trakehner Kehre" (ebenfalls Hamburg) bekommt, trotz offenkundigem Wohlklang, nach modernsten Erkenntnissen der Fleischverarbeiter und Namensforscher einen süß-sauren Beigeschmack. Deshalb sollten wir aus aktuellem Anlass einmal nachdenken über Verbalkreationen wie "Kennzeichnungspflicht-Ring", "Lasagne-Lane" oder "Tiefkühl-Twiete".
Alles gehört aufgearbeitet. Man kann so leicht Fehler machen. Es handelt sich ja nicht um die erste Nahrungsmittelaffäre. Nach BSE haben die Chance zur sprachlichen Abgrenzung leider verpasst: die Budapest Stock Exchange (gelegentlich auch vom Wahn befallen), die Börsen in Bombay und Bulgarien ebenso - allesamt BSE abgekürzt. Der Bundesverband Solarenergie hingegen hat sich clever hinein gerettet in den neuen Bundesverband Solarwirtschaft (BSW) - linguale Ansteckungsgefahr mithin: gleich Null.
Und was wird nun, nach der Pleite des gleichnamigen Bankhauses, aus der Oppenheim-Straße in Köln? Und wie sieht die Zukunft des Homm-Kreisels in Oberursel aus?
Tja, und irgendwann kommt sie dann, die gesetzliche Frauenquote, so lautet nun einmal das gleichstellungskompatible Gesetz der Straße: 50 Prozent weibliche Straßennamen sind Pflicht. Mehr Alexandra-Plätze und so. Insofern führt an der Schleckerfrauen-Allee ohnehin kein Weg vorbei.
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