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09.07.2012
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Insider

Heimliche Macht auf dem Vormarsch 

Von Markus Gärtner

Gut gehütetes Geheimnis? Informanten werden für die Gesellschaft immer wichtiger
SPIEGEL ONLINE

Gut gehütetes Geheimnis? Informanten werden für die Gesellschaft immer wichtiger

Libor-Manipulation, Milliardenstrafe gegen Glaxo Smith Kline: Ohne mutige Insider käme Brisantes oder Kriminelles oft kaum ans Licht. Solche Whistleblower sind weltweit auf dem Vormarsch. In den USA werden sie bereits per Gesetz geschützt - und fürstlich entlohnt.

Hamburg - Sie helfen bei der Aufdeckung des Libor-Skandals. Sie haben milliardenschweren Betrug gegen Tausende von Hypothekenkunden bei Zwangsversteigerungen in den USA entlarvt. Sie verraten, wie Airlines am Gate unter Verstoß gegen Bestimmungen der Luftfahrtbehörden schummeln, damit die Jets länger in der Luft bleiben und Geld verdienen. Und sie sind eine wichtige Informationsquelle für den vielleicht größten Skandal, in den Barack Obama nach fast vier Jahren Amtszeit verwickelt ist: Waffenverkäufe nach Mexiko, um anhand der beobachteten Lieferwege die gefährlichen Drogenkartelle besser aufzuspüren.

"Whistleblower" - zu Deutsch Informanten - haben vier Jahre nach der Finanzkrise Hochkonjunktur: Dank finanziell und personell überforderten Marktaufsehern, dank grassierender Korruption sowie dank steigender Prämien für ihre Informationen und einem verbessertem Schutz vor Repressalien der Arbeitgeber, deren Machenschaften sie aufdecken. Immer mehr "Pfeifenmänner" und -frauen trauen sich, Behörden, Abgeordnete und Gerichte zu informieren, wenn private Firmen oder staatliche Stellen Gesetze brechen und gegen das Interesse der Gesellschaft handeln.

Das gilt zunehmend auch für die Wall Street. Die Finanzmarktreform von 2010 - das Dodd-Frank-Gesetz - hat dazu geführt, dass die Börsenaufseher bei der Securities and Exchange Commission (SEC) jetzt Geld für Informanten ausloben. Wenn Ermittlungen gegen Börsenbetrüger zu Gerichtsstrafen mit mehr als einer Million Dollar Strafe führen, winken 10 bis 30 Prozent Belohnung in bar. Erstmals dürfen Insider Vorwürfe über ihren Anwalt auch anonym erheben. Eine Benachteiligung der Informanten am Arbeitsplatz ist per Gesetz verboten.

Im flauen amerikanischen Jobmarkt, wo die Arbeitslosenrate seit 40 Monaten über 8 Prozent verharrt, sind die Whistleblower - was die Beschäftigung angeht - ein neuer Traumberuf. Das jüngste Beispiel ist die 63-jährige Anwältin Lynn Szymoniak aus Florida. Szymoniak ist eine von sechs Amerikanern, deren Insiderkenntnisse und Enthüllungen dazu führten, dass US-Staatsanwälte im April einen 25 Milliarden Dollar teuren außergerichtlichen Vergleich gegen die fünf größten Hypothekenbanken des Landes durchsetzen konnten: Die Bank of America Chart zeigen, Wells Fargo Chart zeigen, JP Morgan Chart zeigen, die Citigroup Chart zeigen und Ally Financial.

Japaner gewinnt vor Gericht gegen Olympus

Die Geldhäuser hatten in ungezählten Fällen gefälschte Dokumente eingesetzt, um Forderungen auf Hypotheken zahlungsschwacher Hausbesitzer geltend zu machen und bei staatlichen Hypothekenversicherern einzutreiben. Szymoniak war vor vier Jahren selbst das Opfer einer Zwangsversteigerung geworden. Als sie sich in die umfangreichen Dokumente einarbeitete, offenbarte sich ein Sumpf.

Bei dessen Trockenlegung wollte sie als Spezialistin für Wirtschaftskriminalität unbedingt helfen. Vor wenigen Tagen hat sie als Prämie für ihren Beitrag zu dem milliardenschweren Vergleich vom April 18 Millionen Dollar bekommen. Das ist so viel wie Angelina Jolie auf Rang vier der bestverdienenden Hollywood-Divas jährlich einstreicht.

Weltweit machen Whistleblower dieser Tage Schlagzeilen. Mit Masaharu Hamada hat vor wenigen Tagen erstmals ein Informant eine Klage vor dem obersten Gericht von Japan gewonnen. Hamada hatte als Verkäufer bei Olympus Chart zeigen Beschwerden von Lieferanten weiter gereicht, was den Managern bei dem Hersteller von Kameras und medizinischer Ausrüstung nicht gefiel. Hamada wurde intern versetzt und bekam Aufgaben, die nicht seiner Qualifikation entsprachen. 2008 verklagte er seinen Arbeitgeber.

Der fünf Jahre währende Rechtsstreit hätte ihn finanziell und seelisch fast ruiniert. In Japan wurde erst 2006 ein Gesetz zum Schutz von Informanten erlassen. Um rechtlich gegen den Arbeitgeber vorzugehen, konnte Hamada nicht kündigen, denn das Gesetz, das Informanten schützt, gilt nur für Angestellte. Hamada bekam Anfang Juli rund 28.000 Dollar für die Benachteiligungen, die ihm am Arbeitsplatz zuteil wurden.

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