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27.08.2010
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Einwanderung

Die schleichende demografische Krise

Von Henrik Müller

Übersicht: In welche Länder Deutsche am liebsten auswandern
Fotos
DPA

2. Teil: Begrüßungsgeld für Einwanderer

Entsprechend fallen dann die politischen Vorschläge aus. Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) will eine neue Gastarbeitergeneration per Begrüßungsgeld anlocken. Das erinnert an Gerhard Schröders "Greencard" von 2000, die Deutschland eine Population von "Computer-Indern" bescheren sollte - ein Flop. Auch die Herabsetzung der Mindestverdienstschwellen für Zuwanderer hat nicht die erhoffte Wirkung entfaltet.

Mit Verlaub: Wir leben nicht in der Welt der 60er Jahre, als die westlichen Länder kleine Inseln in einem Meer aus Armut waren; wenn die deutsche Industrie gerade billige Arbeitskräfte brauchte, musste man nur die Grenzen öffnen. So lief das damals. So läuft es nicht mehr. Längst gibt es einen intensiven Wettbewerber um die mobilen Qualifizierten, die Leistungsfähigen und -willigen. Wer sie anlocken - oder hier halten - will, muss ihnen Möglichkeiten zur individuellen Entfaltung und Chancen zur gesellschaftlichen Teilhabe bieten; er muss ihnen eine kulturell anregende und vielfältige Umgebung offerieren.

Zuwanderer und Heimkehrer brauchen eine langfristige - eine lebenslange, generationenübergreifende - Perspektive für sich und ihre Familien. Das gilt insbesondere für Deutschland, wo von Zuwanderern erhebliche Anfangsinvestitionen erwartet werden: Sie müssen die schwergängige Sprache lernen und sich in eine Kultur einfühlen, die wenig auf Internationalität ausgerichtet ist - in angelsächsisch geprägten Ländern sind die Hürden niedriger.

Aber immerhin: Es gibt Grund zu der Annahme, dass sich Deutschlands Chancen im Wettbewerb um die mobilen Köpfe verbessern. Möglich, dass die ökonomische Entwicklung hierzulande günstiger verlaufen wird als in den hoch verschuldeten Nachbarländern. Der steigende Bedarf an Arbeitskräften wird in den kommenden Jahren zusätzliche Spielräume für Newcomer eröffnen. Folglich könnten sich die wirtschaftlichen Push-Faktoren aus der Zeit, als Deutschland der "kranke Mann Europas" war, in Pull-Faktoren umkehren.

Damit daraus eine Einwanderungswelle wird, braucht es aber mehr: eine neue Kultur der Offenheit für Menschen mit nicht-deutschem kulturellen Hintergrund. Dass Bundespräsident Christian Wulff dieses Thema zum Leitmotiv seiner Präsidentschaft gewählt hat, lässt hoffen. Denn es geht nicht nur um Geld, Steuersätze oder Integrationskurse - es geht um Gesten, um eine Symbolik, die Eingesessene und Zugewanderte zusammenführt.

Übrigens sind Thilo Sarrazins Thesen auch aus diesem Grund nicht nur gefährlich, sondern letztlich auch ökonomisch schädlich.

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