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27.08.2010
 

Einwanderung

Die schleichende demografische Krise

Von Henrik Müller

Übersicht: In welche Länder Deutsche am liebsten auswandern
Fotos
DPA

Die Debatte um die Einwanderungspolitik ist ein Trauerspiel, weil sie am Kern des Problems vorbeizielt. Wir sind längst ein Auswanderungsland. Um das schleichende Ausbluten der Bundesrepublik zu verhindern, müssen wir neue Wege gehen.

Hamburg - Das Thema ist ernst, es ist wichtig, ja, es ist prägend für das zukünftige Gesicht dieser Gesellschaft und ihrer Volkswirtschaft. Doch leider ist das Niveau, auf dem sich die Debatte über die deutsche Einwanderungspolitik abspielt, völlig unangemessen. Die Wirtschaft fordert rasche Zuwanderungsanreize, um dem Fachkräftemangel zu begegnen. Gewerkschaften und Sozialdemokraten sind dagegen und verweisen auf die immer noch mehr als drei Millionen Arbeitslosen in Deutschland. Und Thilo Sarrazin kanzelt brutalrhetorisch hier lebende Muslime ab.

Das alles ist falsch. Eine Einwanderungspolitik nach Konjunkturlage ist wirkungslos. Wer Inländer gegen Zuwanderer gegeneinander in Stellung bringt, verkennt die langfristigen Impulse, die Migranten bringen und damit auch Alteingesessenen Jobs und Wohlstand sichern. Und einer ganzen Kultur die Fähigkeit zur Integration in die deutsche Mehrheitsgesellschaft abzusprechen, ist nicht nur gefährlich - damit werden auch schlimme Signale nach innen und außen ausgesandt.

Wer die Debatte voranbringen will, sollte zunächst ein paar nüchterne Fakten zur Kenntnis nehmen: Deutschland hat seit Jahren ein gravierendes demografisches Problem - das allerdings beharrlich ignoriert wird. Dieses demografische Problem besteht darin, dass der Zuzug nach Deutschland immer weiter zurückgegangen ist, zugleich aber der Fortzug zugenommen hat. Wir sind - das ist den wenigsten klar - ein Auswanderungsland.

Jedes Jahr verlassen mehr Menschen die Bundesrepublik als herkommen. Anders als in den meisten anderen westlichen, auch westeuropäischen Ländern schrumpft die deutsche Bevölkerung. Und zwar hier und jetzt, nicht irgendwann in ferner Zukunft. Diese demografische Krise resultiert nicht aus einem plötzlich veränderten Geburtenverhalten - die Fertilitätsrate ist seit den 70er Jahren zu niedrig, um die Bevölkerungszahl konstant zu halten -, sie resultiert aus der schwachen Attraktivität dieser Gesellschaft als Lebensstandort.

Aderlass durch Wegzug

Nicht nur sind wir für mobile Ausländer nicht sonderlich attraktiv. Auch deutsche Staatsbürger, viele von ihnen hoch qualifiziert, sind in den vergangenen Jahren zu Hunderttausenden ins Ausland übergesiedelt. Sicher, einige kommen zurück. Aber netto gehen mehr als kommen.

Das ist ein gravierendes Problem - für die Gesellschaft insgesamt, für die Wirtschaft, für die Sozialsysteme. Bislang unterstellen die gängigen Bevölkerungsprognosen immer noch eine Nettozuwanderung von 200.000 Personen im Jahr. Tatsächlich war das der langfristige Durchschnitt in den Jahrzehnten bis 2000. Doch seit der Jahrtausendwende geht der Saldo zurück und ist inzwischen negativ - weil der mobile Teil der Ausländer und zunehmend auch der Inländer lieber anderswo siedelt.

Dennoch geht das Gros der Wortmelder in der derzeitigen Zuwanderungsdebatte in einer Mischung aus Kurzsichtigkeit, Ignoranz und Arroganz von der Annahme aus, dass alle Welt nur darauf wartet, in Deutschland arbeiten zu dürfen.

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