Deutschland im Aufschwung
Die Party ist noch nicht zu Ende
Ein Gastbeitrag von Carsten-Patrick Meier
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Das Eisen ist heiß: Deutschlands Wirtschaft profitiert von einer Reihe von Sonderfaktoren
Die deutsche Wirtschaft wächst wie seit Jahren nicht mehr - obwohl sich weltweit die Aussichten eintrüben, obwohl in der Euro-Zone Spannungen zunehmen und in Amerika die nächste Rezession droht. Dass sich die hiesige Wirtschaft davon bislang unbeeindruckt zeigt, hat vor allem einen Grund: Deutschland ist anders.
Hamburg - Deutschlands Manager sind in Feierlaune. Das zweite Quartal stellt mit einem Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Produktion um 2,2 Prozent eine Rekordmarke seit der Wiedervereinigung dar. Sicherlich haben dazu auch Sonderfaktoren beigetragen, vor allem dass witterungsbedingt die Bauwirtschaft zu Jahresbeginn nicht so expandieren konnte wie sie wollte - und dies im Frühjahr nachholte. Aber selbst wenn man dies in Rechnung stellt, ist das Ergebnis noch sehr beachtlich.
Und die Party ist offenkundig noch nicht zu Ende. Beim Ausfüllen der Umfragebögen zum Konjunkturtest des ifo Instituts im Juli knallten schon wieder die Sektkorken: Sowohl die Einschätzung der laufenden Geschäftslage als auch - und das ist die wichtigere Nachricht - die Geschäftserwartungen schossen kräftig nach oben. Man muss schon bis ins Frühjahr 1983 zurückgehen, will man in den Daten eine ähnlich starke Verbesserung des Konjunkturbildes der Manager innerhalb von nur einem Monat finden.
Worauf gründet sich der Optimismus der Manager in einer Zeit, in der im übrigen Europa die Staatsschuldenkrise drastische Konsolidierungsanstrengungen notwendig macht und in den Vereinigten Staaten ein neuerliches Abgleiten in die Rezession (der vielbeschworene "double dip") diskutiert wird?
Tatsächlich ist die Stärke des Aufschwungs hierzulande schon in hohem Maße überraschend. Der mm-Indikator hatte noch im letzten Monat eine leichte konjunkturelle Verlangsamung angezeigt. Nun steht er mit einer prognostizierten Zuwachsrate für das reale Bruttoinlandsprodukt von 3,5 Prozent auf "kräftige Expansion".
Keine Finanz- und Bankenkrise aus dem Lehrbuch
Nicht wenige waren bisher der Meinung, dass es der deutschen Wirtschaft nach der Finanz- und Bankenkrise nicht gelingen würde, auf ihren alten Wachstumspfad zurückzukehren. Vergangene Finanz- und Bankenkrisen hatten oft lang anhaltende Bremswirkungen für die betroffenen Volkswirtschaften, wie die 15-jährige Lähmung der zuvor so dynamischen japanischen Wirtschaft lebhaft vor Augen geführt hat.
Bisher herrschte unter Prognostikern der stillschweigende Konsens, dass wir am aktuellen Rand und in den kommenden Jahren in vielen Industrieländern eine Variante davon durchleben werden, in - hoffentlich - abgemilderter Form auch in Deutschland. Dieses Bild hatte schon vorher Fehler. Vor allem hatten wir in Deutschland in den vergangenen Jahren nicht die Finanz- und Bankenkrise aus dem Lehrbuch, die in den zahlreichen Studien zugrunde gelegt wird, die die Basis für diese pessimistische Diagnose sind.
Denn anders als in den USA, Großbritannien oder auch Spanien (sowie Japan in den 1980er Jahren), geht mit den Bankenproblemen hierzulande keine starke Zunahme der Verschuldung des Privatsektors einher. Während wichtige Teile der Welt bis 2007 euphorisch konsumierten und am Immobilienmarkt spekulierten, trachteten deutsche Haushalte und Unternehmen danach, ihre im Zuge des Wiedervereinigungsbooms und der Blase am Neuen Markt entstandene Verschuldung abzubauen.
Der deutsche Konsument hat Geld in der Tasche
Die deutschen Unternehmen und Verbraucher stehen deshalb jetzt mit halbwegs sanierten Bilanzen da - auch wenn sie einen Teil der Gelder, den sie den Ausländern über ihre Banken und Anlageberater geliehen haben, abschreiben mussten. Nach dem Wachstumsschub im laufenden Jahr muss das pessimistische Szenario für das mittelfristige Wachstum in Deutschland noch einmal überdacht werden.
Vielleicht kommen wir nicht ungeschoren davon, aber doch weit aus besser als bisher gedacht. Dann wäre das, was wir derzeit sehen, nicht mehr - vor allem aber auch nicht weniger - als die Rückkehr zur Normalität.
Nach dem drastischen Produktionseinbruch vom Winterhalbjahr 2008/2009, dem stärksten in der (west-) deutschen Nachkriegsgeschichte, erholt sich die Wirtschaft nun annähernd ebenso kraftvoll. So ist es schließlich bisher nach jeder Rezession gewesen. Jedem Abschwung folgt eben auch ein Aufschwung, und wo die Täler tief sind, da sind die Berge hoch.
Natürlich gibt es bei alldem erhebliche Risiken. Aber vielleicht ist es trotzdem an der Zeit darüber nachzudenken, warum Deutschland nicht länger der "kranke Mann" Europas oder der Weltwirtschaft ist, sondern möglicherweise einer der gesündesten. Gründe und Indizien dafür gibt es reichlich. Die vergleichsweise geringe Verschuldung wurde bereits genannt, das "Wunder" am Arbeitsmarkt und die Ausrichtung der Exportwirtschaft auf die Wachstumsregionen in Asien weitere.
Zum Autor
Carsten-Patrick Meier, Geschäftsführer und Mitinhaber des privaten Forschungsinstituts
Kiel Economics, gilt als einer der besten Kenner der deutschen Konjunktur. Zwischen 1998 und 2008 leitete er am Kieler Institut für Weltwirtschaft zunächst die Forschungsgruppe "Deutsche Konjunktur" und später den Forschungsbereich "Risiken im Bankensektor".
Für das manager magazin erstellt er seit Juni 2010 den mm-Indikator, die erste monatlich aktualisierte Vorausschau auf die jährliche Wachstumsrate der deutschen Wirtschaft.
mm-Konjunktur-Indikator
Der mm-Konjunktur-Indikator zeigt den voraussichtlichen Anstieg des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) in Deutschland im Durchschnitt des gesamten laufenden Jahres sowie des kommenden Jahres an. Er liefert damit erstmals eine monatlich aktualisierte Vorausschau für jene Zahl, die wie keine andere für den Erfolg oder Misserfolg unserer Wirtschaft steht: das Wirtschaftswachstum, gemessen am Bruttoinlandsprodukt.
Gleichwohl ist der Indikator keine traditionelle Konjunkturprognose, wie sie von Wirtschaftsforschungsinstituten und internationalen Organisationen regelmäßig veröffentlicht werden. Der mm-Indikator beruht auf Befragungen von Managern, wie sie das Münchner Ifo-Institut im Rahmen des Ifo-Konjunkturtest erhebt. Das Verfahren hat sich seit Jahren bewährt. Vor allem im Bereich der kurzfristigen Prognose, wenn es darum geht, die laufende Entwicklung der Konjunktur, über die noch keine amtlichen Daten zur Produktion oder zum Auftragseingang vorliegen, einzuschätzen und den Produktionsanstieg im kommenden Quartal zu prognostizieren, sind die Umfragewerte zu einer unentbehrlichen Grundlage geworden.
Die Innovation des mm-Indikators besteht darin, dass Aussagen für die konjunkturelle Entwicklung über den aktuellen Rand hinaus möglich sind.
Um einen Prognosehorizont des Indikators zu erreichen, der über die bei Konjunkturindikatoren gängigen zwei oder drei Monate hinausgeht, wurde die gesamte vorliegende Historie der monatlichen Manager-Einschätzungen von mehr als 50 Jahren – und damit fünf vollständigen Konjunkturzyklen – mithilfe ökonometrischer Verfahren ausgewertet.
Als maßgeblich stellten sich dabei die Antworten der Manager auf die Fragen nach der derzeitigen undder in sechs Monaten erwarteten Geschäftslage. Außerdem zeigte sich, dass sich aus den Antworten bereits ab September des Vorjahres akzeptable erste Einschätzungen über den BIP-Anstieg im Folgejahr ableiten lassen. Daher wird der mm-Indikator sobald die Ergebnisse der Septemberumfrage vorliegen, also immer im Oktober, beginnen, einen Wert für den BIP-Zuwachs im Folgejahr auszuweisen, während gleichzeitig der Wert für den BIP-Anstieg im laufenden Jahr noch bis Dezember dargestellt wird.
Unternehmerische Entscheidungen werden stets unter Unsicherheit getroffen. Wie groß diese Unsicherheit mit Blick auf die konjunkturelle Entwicklung ist, darüber gibt der mm-Indikator ebenfalls eine Schätzung ab. Er stellt nicht nur den im jeweiligen Monat wahrscheinlichsten Wert für den BIP-Zuwachs dar, sondern weist zusätzlich ein Intervall aus, indem der BIP-Anstieg voraussichtlich liegen wird, wenn eine bestimmte Irrtumswahrscheinlichkeit nicht überschritten werden soll.
Dargestellt ist das Prognoseintervall bei einer Irrtumswahrscheinlichkeit von einem Drittel. Im langjährigen Mittel sollte der später ausgewiesene tatsächliche Anstieg des realen BIP also bei zwei von drei Prognosen in dem angegebenen Intervall liegen. Natürlich ließe sich auch eine deutlich geringere Irrtumswahrscheinlichkeit wählen, beispielsweise 5 Prozent. Dann wäre allerdings das Prognoseintervall deutlich breiter – und damit möglicherweise nicht mehr relevant für unternehmerische Entscheidungen. Im übrigen werden die vom mm-Indikator ausgewiesenen Werte naturgemäß im Jahresverlauf zunehmend präziser, schon weil unterjährig Quartalswerte für das reale BIP veröffentlicht werden, die bei der Indikatorberechnung berücksichtigt werden. Entsprechend schrumpft das Prognoseintervall des Indikators ohnehin von Monat zu Monat.
Neben den tatsächlichen statistischen Daten aus der volkwirtschaftlichen Gesamtrechnung ist der monatliche Konjunkturtest des Ifo-Instituts die wichtigste Grundlage des mm-Indikators. Für diese Umfrage werden seit den 50er Jahren Monat für Monat mehrere tausend Manager in der deutschen Industrie, im Baugewerbe und im Handel befragt. Etwa seit 1960 gibt es einen stabilen und repräsentativen Berichtskreis.
Zurzeit nehmen etwa 7000 Manager regelmäßig an der Umfrage zum Konjunkturtest teil. Sie äußern Einschätzungen zur laufenden Entwicklung von Produktion, Auftragseingang und –bestand sowie zu deren voraussichtlicher Entwicklung in den kommenden Monaten. Die Beurteilung ist dabei allerdings rein qualitativer Natur: Die Manager sollen nur angeben, ob sie die laufende Situation und die zukünftige Entwicklung als besser, genau wie zuletzt oder schlechter als im vergangenen Monat bewerten. Erst dadurch, dass am Schluss alle Einschätzungen gegeneinander aufgerechnet werden, wird aus den qualitativen Urteilen der Manager ein quantitatives Maß für die Konjunktureinschätzungen in den Branchen und in der Gesamtwirtschaft.
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Das Institut
Das private Wirtschaftsforschungsinstitut
Kiel Economics ist eine Ausgründung aus dem Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW). Die Geschäftsführer, Carsten-Patrick Meier und Jonas Dovern, waren im Prognosezentrum des IfW und in verschiedenen Forschungsbereichen des Instituts tätig. In den vergangenen Jahren waren sie maßgeblich an der Erstellung der regelmäßigen Konjunkturprognosen des IfW und an der Erarbeitung der Frühjahrs- und Herbstgutachten im Rahmen der Gemeinschaftsdiagnose der Wirtschaftsforschungsinstitute beteiligt. Darüber hinaus kooperieren sie mit Wissenschaftlern an anderen Wirtschaftsforschungsinstituten und an Universitäten.
Ab Herbst 2010 wird Kiel Economics in Zusammenarbeit mit dem Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) im Auftrag des Bundewirtschaftsministeriums an der Gemeinschaftsdiagnose mitwirken.
Die Kernkompetenzen des Instituts liegen in der Analyse gesamtwirtschaftlicher Zusammenhänge und in den Bereichen quantitative Modellierung und Prognoseverfahren. Außer den Ergebnissen volkswirtschaftlicher Forschung, insbesondere der Makroökonomik und der Ökonometrie, berücksichtigen die Kieler Forscher in ihren Analysen, Prognosen und Modellierungen auch Erkenntnisse aus anderen Bereichen – darunter Financial Economics und Behavioral Finance, Organisationswissenschaften, Psychologie und Betriebswirtschaftslehre.