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27.08.2010
 

Deutschland im Aufschwung

Die Party ist noch nicht zu Ende

Ein Gastbeitrag von Carsten-Patrick Meier

Das Eisen ist heiß: Deutschlands Wirtschaft profitiert von einer Reihe von Sonderfaktoren
Getty Images

Das Eisen ist heiß: Deutschlands Wirtschaft profitiert von einer Reihe von Sonderfaktoren

Die deutsche Wirtschaft wächst wie seit Jahren nicht mehr - obwohl sich weltweit die Aussichten eintrüben, obwohl in der Euro-Zone Spannungen zunehmen und in Amerika die nächste Rezession droht. Dass sich die hiesige Wirtschaft davon bislang unbeeindruckt zeigt, hat vor allem einen Grund: Deutschland ist anders.

Hamburg - Deutschlands Manager sind in Feierlaune. Das zweite Quartal stellt mit einem Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Produktion um 2,2 Prozent eine Rekordmarke seit der Wiedervereinigung dar. Sicherlich haben dazu auch Sonderfaktoren beigetragen, vor allem dass witterungsbedingt die Bauwirtschaft zu Jahresbeginn nicht so expandieren konnte wie sie wollte - und dies im Frühjahr nachholte. Aber selbst wenn man dies in Rechnung stellt, ist das Ergebnis noch sehr beachtlich.

Und die Party ist offenkundig noch nicht zu Ende. Beim Ausfüllen der Umfragebögen zum Konjunkturtest des ifo Instituts im Juli knallten schon wieder die Sektkorken: Sowohl die Einschätzung der laufenden Geschäftslage als auch - und das ist die wichtigere Nachricht - die Geschäftserwartungen schossen kräftig nach oben. Man muss schon bis ins Frühjahr 1983 zurückgehen, will man in den Daten eine ähnlich starke Verbesserung des Konjunkturbildes der Manager innerhalb von nur einem Monat finden.

Worauf gründet sich der Optimismus der Manager in einer Zeit, in der im übrigen Europa die Staatsschuldenkrise drastische Konsolidierungsanstrengungen notwendig macht und in den Vereinigten Staaten ein neuerliches Abgleiten in die Rezession (der vielbeschworene "double dip") diskutiert wird?

Tatsächlich ist die Stärke des Aufschwungs hierzulande schon in hohem Maße überraschend. Der mm-Indikator hatte noch im letzten Monat eine leichte konjunkturelle Verlangsamung angezeigt. Nun steht er mit einer prognostizierten Zuwachsrate für das reale Bruttoinlandsprodukt von 3,5 Prozent auf "kräftige Expansion".

Keine Finanz- und Bankenkrise aus dem Lehrbuch

Nicht wenige waren bisher der Meinung, dass es der deutschen Wirtschaft nach der Finanz- und Bankenkrise nicht gelingen würde, auf ihren alten Wachstumspfad zurückzukehren. Vergangene Finanz- und Bankenkrisen hatten oft lang anhaltende Bremswirkungen für die betroffenen Volkswirtschaften, wie die 15-jährige Lähmung der zuvor so dynamischen japanischen Wirtschaft lebhaft vor Augen geführt hat.

Bisher herrschte unter Prognostikern der stillschweigende Konsens, dass wir am aktuellen Rand und in den kommenden Jahren in vielen Industrieländern eine Variante davon durchleben werden, in - hoffentlich - abgemilderter Form auch in Deutschland. Dieses Bild hatte schon vorher Fehler. Vor allem hatten wir in Deutschland in den vergangenen Jahren nicht die Finanz- und Bankenkrise aus dem Lehrbuch, die in den zahlreichen Studien zugrunde gelegt wird, die die Basis für diese pessimistische Diagnose sind.

Denn anders als in den USA, Großbritannien oder auch Spanien (sowie Japan in den 1980er Jahren), geht mit den Bankenproblemen hierzulande keine starke Zunahme der Verschuldung des Privatsektors einher. Während wichtige Teile der Welt bis 2007 euphorisch konsumierten und am Immobilienmarkt spekulierten, trachteten deutsche Haushalte und Unternehmen danach, ihre im Zuge des Wiedervereinigungsbooms und der Blase am Neuen Markt entstandene Verschuldung abzubauen.

Der deutsche Konsument hat Geld in der Tasche

Die deutschen Unternehmen und Verbraucher stehen deshalb jetzt mit halbwegs sanierten Bilanzen da - auch wenn sie einen Teil der Gelder, den sie den Ausländern über ihre Banken und Anlageberater geliehen haben, abschreiben mussten. Nach dem Wachstumsschub im laufenden Jahr muss das pessimistische Szenario für das mittelfristige Wachstum in Deutschland noch einmal überdacht werden.

Vielleicht kommen wir nicht ungeschoren davon, aber doch weit aus besser als bisher gedacht. Dann wäre das, was wir derzeit sehen, nicht mehr - vor allem aber auch nicht weniger - als die Rückkehr zur Normalität.

Nach dem drastischen Produktionseinbruch vom Winterhalbjahr 2008/2009, dem stärksten in der (west-) deutschen Nachkriegsgeschichte, erholt sich die Wirtschaft nun annähernd ebenso kraftvoll. So ist es schließlich bisher nach jeder Rezession gewesen. Jedem Abschwung folgt eben auch ein Aufschwung, und wo die Täler tief sind, da sind die Berge hoch.

Natürlich gibt es bei alldem erhebliche Risiken. Aber vielleicht ist es trotzdem an der Zeit darüber nachzudenken, warum Deutschland nicht länger der "kranke Mann" Europas oder der Weltwirtschaft ist, sondern möglicherweise einer der gesündesten. Gründe und Indizien dafür gibt es reichlich. Die vergleichsweise geringe Verschuldung wurde bereits genannt, das "Wunder" am Arbeitsmarkt und die Ausrichtung der Exportwirtschaft auf die Wachstumsregionen in Asien weitere.

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Zum Autor

Carsten-Patrick Meier, Geschäftsführer und Mitinhaber des privaten Forschungsinstituts Kiel Economics, gilt als einer der besten Kenner der deutschen Konjunktur. Zwischen 1998 und 2008 leitete er am Kieler Institut für Weltwirtschaft zunächst die Forschungsgruppe "Deutsche Konjunktur" und später den Forschungsbereich "Risiken im Bankensektor".

Für das manager magazin erstellt er seit Juni 2010 den mm-Indikator, die erste monatlich aktualisierte Vorausschau auf die jährliche Wachstumsrate der deutschen Wirtschaft.

mm-Konjunktur-Indikator

Der mm-Konjunktur-Indikator zeigt den voraussichtlichen Anstieg des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) in Deutschland im Durchschnitt des gesamten laufenden Jahres sowie des kommenden Jahres an. Er liefert damit erstmals eine monatlich aktualisierte Vorausschau für jene Zahl, die wie keine andere für den Erfolg oder Misserfolg unserer Wirtschaft steht: das Wirtschaftswachstum, gemessen am Bruttoinlandsprodukt.

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Das Institut

Das private Wirtschaftsforschungsinstitut Kiel Economics ist eine Ausgründung aus dem Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW). Die Geschäftsführer, Carsten-Patrick Meier und Jonas Dovern, waren im Prognosezentrum des IfW und in verschiedenen Forschungsbereichen des Instituts tätig. In den vergangenen Jahren waren sie maßgeblich an der Erstellung der regelmäßigen Konjunkturprognosen des IfW und an der Erarbeitung der Frühjahrs- und Herbstgutachten im Rahmen der Gemeinschaftsdiagnose der Wirtschaftsforschungsinstitute beteiligt. Darüber hinaus kooperieren sie mit Wissenschaftlern an anderen Wirtschaftsforschungsinstituten und an Universitäten.

Ab Herbst 2010 wird Kiel Economics in Zusammenarbeit mit dem Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) im Auftrag des Bundewirtschaftsministeriums an der Gemeinschaftsdiagnose mitwirken.

Die Kernkompetenzen des Instituts liegen in der Analyse gesamtwirtschaftlicher Zusammenhänge und in den Bereichen quantitative Modellierung und Prognoseverfahren. Außer den Ergebnissen volkswirtschaftlicher Forschung, insbesondere der Makroökonomik und der Ökonometrie, berücksichtigen die Kieler Forscher in ihren Analysen, Prognosen und Modellierungen auch Erkenntnisse aus anderen Bereichen – darunter Financial Economics und Behavioral Finance, Organisationswissenschaften, Psychologie und Betriebswirtschaftslehre.







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