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26.08.2010
 

Risiken der Weltwirtschaft

"Dann kommt es zum globalen Beben"

Von Henrik Müller

Immobilienboom in Shanghai: Die Dinge können schnell außer Kontrolle geraten, meint der erfahrene Ökonom William White. Das atemberaubende Kreditwachstum in China und die exorbitante Verschuldung der USA sind nur zwei Risikofaktoren für neue Krisenszenarien.
REUTERS

Immobilienboom in Shanghai: Die Dinge können schnell außer Kontrolle geraten, meint der erfahrene Ökonom William White. Das atemberaubende Kreditwachstum in China und die exorbitante Verschuldung der USA sind nur zwei Risikofaktoren für neue Krisenszenarien.

William White ist eine Ökonomenlegende, seit er frühzeitig die Finanzkrise vorhersagte. Jetzt sieht er wieder gigantische Probleme. Wie lange kann Amerika sein Defizit noch finanzieren? Platzt in China bald die nächste Blase? Wiederholt die Politik immer wieder die gleichen Fehler? Ein Krisengespräch.

mm: Mr. White, die USA scheinen am Rande einer neuen Rezession zu stehen. Gleichzeitig gibt es Überhitzungserscheinungen in China, Indien und vielen anderen Schwellenländern. Drei Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise - steht uns das Schlimmste noch bevor?

White: Ich weiß nicht, ob das Schlimmste noch kommt. Aber das Potenzial für weitere Eruptionen ist eindeutig da. Denn all die Ungleichgewichte, die uns in die Krise geführt haben, sind immer noch da: Die Defizite und die Überschüsse in den Leistungsbilanzen sind nach wie vor groß: Exportstarke Länder wie China und Deutschland erwirtschaften große Überschüsse, während sich die Defizite der USA und anderer Länder wieder ausweiten. Die Verschuldung ist in nahezu allen westlichen Volkswirtschaften immer noch sehr hoch. Die Staatsverschuldung hat insbesondere in den USA schwer tragbare Höhen erreicht. Der Bedarf an Abschreibungen bei den Banken ist nach wie vor hoch. Und dann die Angebotsseite: In vielen Ländern gibt es aufgeblähte Bausektoren, die nun schrumpfen müssen; Hunderttausende Arbeiter müssen umgeschult werden. Also: Auch drei Jahren seit Ausbruch der Krise sind die weltwirtschaftlichen Risiken groß und vielfältig. Wir sind weit entfernt von einer normalen, gesunden Entwicklung.

mm: Im aktuellen manager magazin befassen wir uns unter anderem mit den Aussichten für die US-Staatsfinanzen: Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat kürzlich vorgerechnet, dass sich die gigantischen Defizite nicht auf bisherige Weise finanzieren lassen. Manche fürchten bereits einen Staatsbankrott der USA. Sind das übertriebene Ängste?

White: Nun, Amerika droht keine klassische Staatspleite. Das ist sicher übertrieben. Der amerikanische Staat ist in Dollar, in eigener Währung, verschuldet. Das ist ein großes Privileg, das nur wenige Länder genießen. Aber natürlich kann die Währung entwertet werden. Dann ist ein Teil der Schulden weg. Inflation und Abwertung würden die Schulden real entwerten.

mm: Wie weit sind denn die USA von diesem Szenario entfernt?

White: Das ist eine sehr schwer zu beantwortende Frage.

mm: Die Fed hat angekündigt, weiter Staatsanleihen aufzukaufen. Ist das der Beginn eines solchen Szenarios der Schuldenentwertung, wie Sie es skizziert haben?

White: Bislang ist ja nur entschieden, dass die Fed das begrenzte Programm zum Ankauf von Staatsanleihen fortsetzt. Dennoch ist die Versuchung da: Falls die Gläubiger, insbesondere die asiatischen Notenbanken und Staatsfonds, irgendwann nicht mehr bereit sein sollten, Treasuries in bisherigem Umfang zu kaufen, könnte die Fed einspringen.

mm: Und wenn dann die Märkte zu der Überzegung gelangen, ihre Treasuries würden durch das immer weitere Gelddrucken entwertet, dann kommt es zu einer Flucht aus dem Dollar?

White: Es ist politisch zunächst mal willkommen, wenn die Notenbank dem Staat bei der Finanzierung seiner Defizite hilft. Wenn aber die Anleger einen inflationären Kurs erwarten, kann die Folge leicht ein globales Beben sein. Wir haben immer wieder gesehen, wie schnell die Märkte ihre Einschätzung über einzelne Länder ändern und das Kapital dann fluchtartig hinausfließt.

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Zur Person

© www.bis.org
William White ist derzeit Chairman des Economic and Development Review Committee im Economics Department der OECD, war anderthalb Jahrzehnte lang Chefvolkswirt und Leiter der Forschungsabteilung der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel. Von 1995 bis zum Sommer 2008 prägte der Kanadier die europäische Sicht auf die Geldpolitik.

Frühzeitig warnte er vor globalen Ungleichgewichten, hoher Verschuldung, globaler Überschussliquidität und forderte, Notenbanken müssten sich gegen Kapitalmarktblasen stemmen. Mit seinen Analysen und Positionen stand er in Opposition zur US-amerikanischen Sicht, die vor allem durch Fed-Chef Alan Greenspan geprägt wurde. Auch die Positionen der heutigen US-Entscheidungsträger und -Topökonomen sieht er kritisch.

White, inzwischen 67 Jahre alt und im Teil-Ruhestand, lebt mit seiner Familie bei Basel, berät Notenbanken und Regierungen. Kanzlerin Angela Merkel holte ihn voriges Jahr in die Issing-Kommission zur Reform des deutschen Finanzsektors.

Mehr zum Thema in

manager magazin
Heft 09/2010

Amerika in der Falle
Mehr zur prekären Finanzlage der USA lesen Sie im aktuellen manager magazin 9/2010 ab Seite 90.











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