Von Henrik Müller
Hurra, Deutschland! Die Bundesrepublik, lange Schlusslicht in Europa und besonders hart getroffen durch die Weltrezession 2008/09, "holt rasant auf", wie das Statistische Bundesamt wissen lässt - 2,2 Prozent reales Wachstum gegenüber dem ersten Quartal, rund 4 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Nicht nur der Export, auch Konsum, Investitionen und Beschäftigung ziehen an. Zahlen mit Wow-Effekt.
Einen "Aufschwung XL" verkündet Wirtschaftsminister Rainer Brüderle. Und es wird nicht lange dauern, bis verschiedene politische Lager die Urheberschaft des derzeitigen Schubs für sich reklamieren.
Hurra, Deutschland? Schön, dass es derzeit läuft. Aber wie lange dieser Aufschwung läuft, ist kaum kalkulierbar. Denn sein Fundament ist wenig tragfähig. So wenig vorhersehbar der Zeitpunkt und der Verlauf der vorherigen Krise waren, so wenig hat irgendjemand die Stärke und das Muster des jetzigen Aufschwungs kommen sehen.
Zur Erinnerung: Es ist noch gar nicht lange her, da galten die USA als stärkster Rebound-Kandidat unter den großen westlichen Ländern und Deutschland wieder mal als matter Nachzügler. Jetzt geht in Amerika die Angst vor einem Rückfall in die Rezession um - sogar ein Abgleiten in die Schuldendeflation halten viele für möglich, während Deutschland schneller wächst als alle anderen Euro-Staaten.
Man darf sich nichts vormachen: Die Risiken für die deutsche Wirtschaft sind enorm. Denn das derzeitige Wachstum der Weltwirtschaft, von dem Deutschland als industrie- und exportlastige Nation überproportional profitiert, rührt vor allem aus den gigantischen staatlichen Konjunkturprogrammen, die alle wichtigen Länder - von den USA bis China - aufgelegt haben. Dazu zählen fiskalische Maßnahmen sowie die Liquiditätsspritzen der Notenbanken.
Dass in einem Umfeld massiver staatlicher Nachfrageprogramme bei Niedrigstzinsen die Wirtschaft wächst, sollte niemanden überraschen. Die Frage ist nur, wie lange dieser Impuls wirkt. Wie lange können die Staaten ihren gigantischen Kapitalbedarf auf den Märkten decken? Werden nicht letztlich alle sparen müssen - nicht nur die Euro-Südstaaten -, einfach weil ihnen die Anleger keine neue Anleihen mehr abnehmen werden?
Es entsteht ein Umfeld, das heftige Wechselkursbewegungen befürchten lässt. Angesichts der sich zuspitzenden US-Probleme könnte der Euro aufwerten. Weiter steigende Rohstoffpreise würden deutschen Schlüsselbranchen zusetzen.
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