Von Henrik Müller
Und doch: Zur Beruhigung besteht wenig Anlass. "Selbstgefälligkeit wäre gefährlich", warnt Morgan-Stanley-Ökonom Manoj Pradhan die Notenbanker dieser Welt. Insbesondere in den Schwellenländern führen höhere Nahrungsmittelpreise unmittelbar zu anziehender Verbraucherpreisinflation - einfach weil ärmere Konsumenten relativ mehr für Essen ausgeben. In Indien liegt der Anteil der Nahrungsmittelpreise am Verbraucherpreisindex bei rund 50 Prozent, in Russland bei rund 40 Prozent, in China und Brasilien bei rund einem Drittel. In den reichen Ländern hingegen geben die Bürger im Schnitt deutlich unter 20 Prozent für Essen aus.
Mit anderen Worten: Teurere Nahrungsmittel sind für das Gros der Bürger der Schwellenländer unmittelbar spürbar. Wenn, wie in den vergangenen Monaten, die Lebensmittelpreise in Indien mit Jahresraten von 15 bis 20 Prozent oder in China mit Raten von mehr als 5 Prozent steigen, dann hat das Auswirkungen auf das gesamte Preisgefüge.
Damit aus dem Rohstoffimpuls eine inflationäre Eigendynamik werden kann, müssen allerdings auch die Löhne steigen. Eine Entwicklung, die sich ebenfalls längst abzeichnet. So sind in China - das Land des angeblich unendlichen Angebots an billigen Arbeitskräften - im vorigen Jahr die Einkommen der Wanderarbeiter um stolze 17 Prozent gestiegen. Für Aufsehen sorgte kürzlich ein Streik in einer chinesischen Honda-Fabrik, in dessen Folge die Entlohnung der Beschäftigten um fast die Hälfte stieg.
Schön, dass die Leute dort besser verdienen. Aber das Ausmaß der Lohnerhöhungen zeigt, wie groß das versteckte inflationäre Potenzial ist. Die "Zweitrunden-Effekte" der derzeitigen Rohstoffhausse sind nicht zu unterschätzen.
Die Bedingungen für eine Lohn-Preis-Spirale sind gegeben
Auch in Deutschland sind die Bedingungen für eine sich beschleunigende Lohn-Preis-Spirale gegeben: Der Aufschwung der Schwellenländer befeuert die hiesige Industrie; die Nachfrage nach Arbeitskräften zieht stark an. Parallel dazu wirkt sich die demografische Wende aus, die das Angebot an Arbeitskräften verknappt, wie die laufende Debatte über den Mangel an Fachkräften zeigt. Folge: steigende Löhne.
Die Volkswirte der Commerzbank rechnen damit, dass ab dem kommenden Jahr die Effektivverdienste in Deutschland deutlich anziehen werden. Der "Boden für einen stärkeren Lohnanstieg" sei "bereitet". Und das werde Auswirkungen auf die Entwicklung der Preise insgesamt haben: Die "Inflation schläft, aber der Wecker ist gestellt".
Für die Notenbanken gäbe also gute Gründe, den Ausstieg aus den Liquiditätsprogrammen ins Auge zu fassen. Zumindest gilt das für Länder wie China und Indien, aber auch für Deutschland.
Nur: Solange hochverschuldete Volkswirtschaften wie die USA, Großbritannien, Spanien und Griechenland in heikler Verfassung sind, werden die Notenbanken die globale Geldschwemme nicht eindämmen.
Die Rechnung - in Form höherer Inflationsraten - kommt später.
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