Berlin - Die Gewerkschaften dringen angesichts des kräftigen Aufschwungs auf deutlich höhere Lohnabschlüsse in den Tarifrunden 2011. "Wir müssen Abschlüsse in Richtung 3 Prozent hinbekommen", sagte der Vorsitzende der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), Franz-Josef Möllenberg, der "Süddeutschen Zeitung".
Auch andere Gewerkschaftsführer plädierten für ein Ende der Lohnzurückhaltung. Der Vizechef der IG Bau, Dietmar Schäfers, verlangte für das nächste Jahr einen "Nachschlag". Die Arbeitgeber müssten sich in besseren Zeiten daran erinnern, "dass wir uns in den schlechten verantwortungsvoll gezeigt haben".
Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) forderte Augenmaß bei den anstehenden Lohnrunden. "Da, wo sich Betriebe höhere Löhne leisten können, habe ich Verständnis für solche Gehaltsforderungen", sagte Brüderle dem "Handelsblatt". "Ansonsten hoffe ich, dass die Gewerkschaften insgesamt weiter pragmatisch und mit Augenmaß vorgehen und vor allem mit Fantasie Tarifverhandlungen führen, damit die Zahl der Arbeitslosen möglichst schnell unter drei Millionen sinkt."
Tarifverdienste stiegen nur langsam
Die Wirtschaftskrise wirkt sich mit Verzögerung auf die Tarifverdienste aus. Wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mitteilte, stiegen die tariflichen Monatsverdienste der deutschen Arbeitnehmer im April im Vergleich zum Vorjahresmonat nur um 1,9 Prozent. Im Januar hatte der Anstieg im Vergleich zum Vorjahreszeitraum noch bei 2,3 Prozent gelegen.
2009 waren die Tarifverdienste im Vergleich zu 2008 im Schnitt um 2,8 Prozent gestiegen. Allerdings lag die durchschnittliche Erhöhung der Tarifverdienste im April erneut über dem Anstieg der Verbraucherpreise von 1,0 Prozent.
Die Abschwächung der Tarifentwicklung führen die Statistiker darauf zurück, dass die hohen und mit einer langen Laufzeit versehenen Stufenabschlüsse in den Tarifverträgen auslaufen. Diese seien noch unter anderen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen abgeschlossen worden. Zudem fielen viele der im Berichtszeitraum neu abgeschlossenen Tariferhöhungen deutlich niedriger aus als im Vorjahr.
Die Abschwächung der Tarifentwicklung wirke sich allerdings nicht auf alle Wirtschaftsbereiche aus. So stiegen im April die tariflichen Monatsverdienste im Baugewerbe auf Jahressicht um 3,6 Prozent und im verarbeitenden Gewerbe um 2,6 Prozent. Mit 1,9 Prozent wurden im Bereich Verkehr und Lagerei durchschnittliche Tarifsteigerungen erzielt.
Unterdurchschnittlich fielen die Erhöhungen im Handel und im Gastgewerbe (jeweils 1,6 Prozent) sowie im öffentlichen Dienst und bei den Finanz- und Versicherungsdienstleistungen (jeweils 1,5 Prozent) aus. Am geringsten stiegen die tariflichen Monatsverdienste im Gesundheits- und Sozialwesen mit 0,9 Prozent.
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