Dax, Euro, EuroStoxx
Börsianer jubeln über deutsche Wirtschaftsdaten
ddp
Mehr Aufträge, bessere Aussichten: Die Industrie- und Dienstleistungsunternehmen in der Bundesrepublik sind offenbar optimistisch
Deutschlands Wirtschaft verblüfft die Experten. Nach Umfragen hat sich das Wirtschaftsklima hierzulande im Juli sprunghaft verbessert. Das Münchener Ifo-Wirtschaftsforschungsinstitut registrierte gar den stärksten Schub seit der Wiedervereinigung.
Hamburg - Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft hat sich im Juli so stark verbessert wie noch nie seit der Wiedervereinigung. Der Ifo-Geschäftsklimaindex stieg überraschend um 4,4 auf 106,2 Punkte und damit auf das höchste Niveau seit drei Jahren, teilte das Münchener Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung am Freitag mit. "Die deutsche Wirtschaft ist wieder in Partylaune", sagte Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn. Analysten waren begeistert. Sie hatten im Schnitt mit einem Rückgang auf 101,6 Zähler gerechnet.
An den Börsen sorgte das Ergebnis für kräftige Kursaufschläge. Der Euro stieg nach Bekanntgabe der Daten über die Marke von 1,29 Dollar. Der EuroStoxx 50 legte gegen Mittag um 0,35 Prozent auf 2.723,76 Punkte zu. Der deutsche Aktienindex Dax baute seine Gewinne aus. "Das ist eine Wahnsinnszahl", sagte Commerzbank-Experte Ralph Solveen. "Das sind bombige Zahlen, unglaublich was da abgeht", sagte auch Dekabank-Experte Andreas Scheuerle. "Diese ganz tolle Zahlen unterstreichen, dass die deutsche Konjunktur im Moment im europäischen Vergleich richtig gut läuft."
Der Anstieg des bedeutendsten deutschen Konjunkturindikators ist so stark ausgefallen, dass sogar Zweifel an der Aussagekraft des Indikators an sich aufgekommen sind. "Dieser Anstieg des Geschäftsklimas passt kaum in die Landschaft, die von Skepsis über die US-Konjunktur, Sorgen um die Staatsfinanzen im Euro-Raum und der Diskussion über den Bankenstresstest beherrscht wird", gleuben die Analysten der Landesbank Baden-Württemberg.
Die 7000 vom Ifo-Institut befragten Unternehmen schätzten allerdings sowohl die Aussichten für die kommenden sechs Monate als auch die Lage deutlich besser ein als zuletzt. Das Barometer für die Erwartungen stieg um drei auf 105,5 Punkte, der Lage-Index sogar um 5,6 auf 106,8 Punkte. Die Stimmung verbesserte sich in allen großen Branchen: Von der Industrie über den Groß- und Einzelhandel, bis hin zum Bauhauptgewerbe und den Dienstleistern. Teile der Wirtschaft hätten von der Fußball-Weltmeisterschaft und der Hitzewelle profitiert, vor allem die Getränkeindustrie und Gaststätten, sagte Ifo-Konjunkturexperte Klaus Abberger zu Reuters.
Experten rechnen aber damit, dass die deutsche Wirtschaft ihre Schlagzahl in den kommenden Monaten verringern wird. "Wir werden nicht in diesem Tempo weiterfahren können, dann würde der Motor heiß laufen", sagte Scheuerle. "Die Konjunktur schaltet im zweiten Halbjahr einen Gang zurück, bricht aber nicht ein." Von Reuters befragte Analysten rechnen für das laufende dritte Quartal mit einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 0,5 Prozent nach 1,0 Prozent im Frühjahrsquartal.
kst/ddp/reuters
mm-Konjunktur-Indikator
Der mm-Konjunktur-Indikator zeigt den voraussichtlichen Anstieg des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) in Deutschland im Durchschnitt des gesamten laufenden Jahres sowie des kommenden Jahres an. Er liefert damit erstmals eine monatlich aktualisierte Vorausschau für jene Zahl, die wie keine andere für den Erfolg oder Misserfolg unserer Wirtschaft steht: das Wirtschaftswachstum, gemessen am Bruttoinlandsprodukt.
Gleichwohl ist der Indikator keine traditionelle Konjunkturprognose, wie sie von Wirtschaftsforschungsinstituten und internationalen Organisationen regelmäßig veröffentlicht werden. Der mm-Indikator beruht auf Befragungen von Managern, wie sie das Münchner Ifo-Institut im Rahmen des Ifo-Konjunkturtest erhebt. Das Verfahren hat sich seit Jahren bewährt. Vor allem im Bereich der kurzfristigen Prognose, wenn es darum geht, die laufende Entwicklung der Konjunktur, über die noch keine amtlichen Daten zur Produktion oder zum Auftragseingang vorliegen, einzuschätzen und den Produktionsanstieg im kommenden Quartal zu prognostizieren, sind die Umfragewerte zu einer unentbehrlichen Grundlage geworden.
Die Innovation des mm-Indikators besteht darin, dass Aussagen für die konjunkturelle Entwicklung über den aktuellen Rand hinaus möglich sind.
Um einen Prognosehorizont des Indikators zu erreichen, der über die bei Konjunkturindikatoren gängigen zwei oder drei Monate hinausgeht, wurde die gesamte vorliegende Historie der monatlichen Manager-Einschätzungen von mehr als 50 Jahren – und damit fünf vollständigen Konjunkturzyklen – mithilfe ökonometrischer Verfahren ausgewertet.
Als maßgeblich stellten sich dabei die Antworten der Manager auf die Fragen nach der derzeitigen undder in sechs Monaten erwarteten Geschäftslage. Außerdem zeigte sich, dass sich aus den Antworten bereits ab September des Vorjahres akzeptable erste Einschätzungen über den BIP-Anstieg im Folgejahr ableiten lassen. Daher wird der mm-Indikator sobald die Ergebnisse der Septemberumfrage vorliegen, also immer im Oktober, beginnen, einen Wert für den BIP-Zuwachs im Folgejahr auszuweisen, während gleichzeitig der Wert für den BIP-Anstieg im laufenden Jahr noch bis Dezember dargestellt wird.
Unternehmerische Entscheidungen werden stets unter Unsicherheit getroffen. Wie groß diese Unsicherheit mit Blick auf die konjunkturelle Entwicklung ist, darüber gibt der mm-Indikator ebenfalls eine Schätzung ab. Er stellt nicht nur den im jeweiligen Monat wahrscheinlichsten Wert für den BIP-Zuwachs dar, sondern weist zusätzlich ein Intervall aus, indem der BIP-Anstieg voraussichtlich liegen wird, wenn eine bestimmte Irrtumswahrscheinlichkeit nicht überschritten werden soll.
Dargestellt ist das Prognoseintervall bei einer Irrtumswahrscheinlichkeit von einem Drittel. Im langjährigen Mittel sollte der später ausgewiesene tatsächliche Anstieg des realen BIP also bei zwei von drei Prognosen in dem angegebenen Intervall liegen. Natürlich ließe sich auch eine deutlich geringere Irrtumswahrscheinlichkeit wählen, beispielsweise 5 Prozent. Dann wäre allerdings das Prognoseintervall deutlich breiter – und damit möglicherweise nicht mehr relevant für unternehmerische Entscheidungen. Im übrigen werden die vom mm-Indikator ausgewiesenen Werte naturgemäß im Jahresverlauf zunehmend präziser, schon weil unterjährig Quartalswerte für das reale BIP veröffentlicht werden, die bei der Indikatorberechnung berücksichtigt werden. Entsprechend schrumpft das Prognoseintervall des Indikators ohnehin von Monat zu Monat.
Neben den tatsächlichen statistischen Daten aus der volkwirtschaftlichen Gesamtrechnung ist der monatliche Konjunkturtest des Ifo-Instituts die wichtigste Grundlage des mm-Indikators. Für diese Umfrage werden seit den 50er Jahren Monat für Monat mehrere tausend Manager in der deutschen Industrie, im Baugewerbe und im Handel befragt. Etwa seit 1960 gibt es einen stabilen und repräsentativen Berichtskreis.
Zurzeit nehmen etwa 7000 Manager regelmäßig an der Umfrage zum Konjunkturtest teil. Sie äußern Einschätzungen zur laufenden Entwicklung von Produktion, Auftragseingang und –bestand sowie zu deren voraussichtlicher Entwicklung in den kommenden Monaten. Die Beurteilung ist dabei allerdings rein qualitativer Natur: Die Manager sollen nur angeben, ob sie die laufende Situation und die zukünftige Entwicklung als besser, genau wie zuletzt oder schlechter als im vergangenen Monat bewerten. Erst dadurch, dass am Schluss alle Einschätzungen gegeneinander aufgerechnet werden, wird aus den qualitativen Urteilen der Manager ein quantitatives Maß für die Konjunktureinschätzungen in den Branchen und in der Gesamtwirtschaft.
Der Ifo-Index
Das Ifo-Institut bittet monatlich rund 7000 Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes, des Bauhauptgewerbes, des Großhandels und des Einzelhandels, ihre gegenwärtige Geschäftslage zu beurteilen und ihre Erwartungen für die kommenden sechs Monate mitzuteilen. Die Unternehmen können ihre Lage mit "gut", "befriedigend" oder "schlecht" und ihre Geschäftserwartungen für die kommenden sechs Monate als "günstiger", "gleich bleibend" oder "ungünstiger" kennzeichnen.
Der Saldowert der gegenwärtigen Geschäftslage ist die Differenz der Prozentanteile der Antworten "gut" und "schlecht", der Saldowert der Erwartungen ist die Differenz der Prozentanteile der Antworten "günstiger" und "ungünstiger".
Das Geschäftsklima errechnet sich aus dem Mittelwert der Umfrageergebnisse zur Geschäftslage und zu den Erwartungen. Zur Berechnung der Indexwerte werden diese transformierten Salden jeweils auf den Durchschnitt des Jahres 2000 bezogen.