Plötzlicher Knick
Deutscher Aufschwung angeschlagen
Ein Gastbeitrag von Carsten-Patrick Meier
Corbis
Geringeres Auftragsplus als zuletzt: Deutschlands Wirtschaft verliert Schwung
Erst das fulminante Aufbäumen, jetzt droht der Rückfall ins Stotterwachstum: Der Wachstumsindikator des manager magazin für die deutsche Wirtschaft ist im Juli deutlich zurückgefallen. Das könnte der erste Hinweis sein, dass die Konjunktur in Deutschland im weiteren Jahresverlauf spürbar verflacht.
Hamburg - Die Aussichten für die die Wirtschaft hierzulande haben sich etwas eingetrübt. Der Wachstumsindikator des manager magazin, der mm-Indikator, der den voraussichtlichen den Anstieg des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) gegenüber dem Vorjahr anzeigt, ist im Juli auf einen Wert von 1,6 Prozent zurückgefallen. Er liegt jetzt nur wenig höher als in den ersten Monaten des Jahres.
Der Rücksetzer fiel vor allem deshalb so deutlich aus, weil in der jüngsten Juni-Konjunkturumfrage des Ifo-Wirtschaftsforschungsinstituts deutlich mehr Manager mit einer Verschlechterung der Geschäftslage ihres Unternehmens rechneten als im Mai. Dass gleichzeitig mehr Manager als im Mai eine Verbesserung ihrer derzeitigen Geschäftslage meldeten, vermochte den Rückgang der Erwartungskomponente der Umfrage nicht auszugleichen, auch weil für den Stand das des mm-Indikators im Juli die Erwartungen eine größere Bedeutung haben als die derzeitige Lage.
Das Stimmungsbild bei den Managern in Deutschland deckt sich weitgehend mit dem in anderen Ländern. In den USA ist der viel beachtete Einkaufsmanagerindex des Institute for Supply-Chain Management (ISM) im Juni merklich gefallen und liegt nun auf den niedrigsten Stand seit Dezember 2009. Im europäischen Ausland haben die Einkaufsmanagerindizes ebenfalls ihre bisherigen zyklischen Höchststände überschritten. Und selbst die Manager in den wachstumsstarken Schwellenländern vermelden verschlechterte Absatzaussichten.
Das ist unter dem Strich eine kleine Überraschung, und zwar eine unangenehme. Zwar war damit zu rechnen, dass die Wirtschaft hierzulande nicht bis zum Jahresende im gleichen Tempo wie in der ersten Jahreshälfte zulegen würde. Denn die Wiederauffüllung der Läger, die zuvor in der Rezession dramatisch abgebaut worden waren, dürfte weltweit mittlerweile weitgehend abgeschlossen sein; das drückt auf die Nachfrage. Zudem stecken die Staaten weniger Geld in die Wirtschaft als während der Krise, um die Konjunktur anzukurbeln. Insofern sollte die Tatsache, dass sich die Geschäftserwartungen der Manager einzutrüben beginnen allein noch nicht stutzig machen.
Allerdings fiel die Abwärtskorrektur bei den Erwartungen doch etwas stärker aus als in vergleichbaren konjunkturellen Situationen in den vergangenen Dekaden. Und auch die übliche weitere Verbesserung der Einschätzung der derzeitigen Geschäftslage war nicht ganz so kräftig wie im üblichen konjunkturellen Muster. Beides deutet darauf hin, dass die Abkühlung der Konjunktur wohl früher eingesetzt hat als bisher erwartet und möglicherweise auch stärker ausfällt. Nachdem mittlerweile klar ist, dass eine Reihe von Ländern ihre öffentlichen Haushalts rasch durchgreifend konsolidieren müssen, wenn sich keinen weiteren Anstieg der Risikoprämien auf ihre Staatsanleihen riskieren wollen, zeichnet sich ein langsamerer Anstieg der Auslandsnachfrage nach deutschen Produkten ab, als bisher unterstellt.
Erstes Indiz dafür ist, dass die Auftragseingänge in der Industrie im Mai erstmals seit Monaten wieder gesunken sind, vor allem aufgrund eines merklichen Rückgangs der Aufträge aus dem übrigen Euroraum. Nach einem fulminanten zweiten Quartal - wir rechnen mit einem Anstieg des realen Bruttoinlandsprodukts mit einer aufs Jahr hochgerechneten Rate von 6 Prozent - dürfte die Konjunktur in Deutschland im weiteren Jahresverlauf verflachen.
Zum Autor
Carsten-Patrick Meier, Geschäftsführer und Mitinhaber des privaten Forschungsinstituts
Kiel Economics, gilt als einer der besten Kenner der deutschen Konjunktur. Zwischen 1998 und 2008 leitete er am Kieler Institut für Weltwirtschaft zunächst die Forschungsgruppe "Deutsche Konjunktur" und später den Forschungsbereich "Risiken im Bankensektor".
Für das manager magazin erstellt er seit Juni 2010 den mm-Indikator, die erste monatlich aktualisierte Vorausschau auf die jährliche Wachstumsrate der deutschen Wirtschaft.
mm-Konjunktur-Indikator
Der mm-Konjunktur-Indikator zeigt den voraussichtlichen Anstieg des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) in Deutschland im Durchschnitt des gesamten laufenden Jahres sowie des kommenden Jahres an. Er liefert damit erstmals eine monatlich aktualisierte Vorausschau für jene Zahl, die wie keine andere für den Erfolg oder Misserfolg unserer Wirtschaft steht: das Wirtschaftswachstum, gemessen am Bruttoinlandsprodukt.
Gleichwohl ist der Indikator keine traditionelle Konjunkturprognose, wie sie von Wirtschaftsforschungsinstituten und internationalen Organisationen regelmäßig veröffentlicht werden. Der mm-Indikator beruht auf Befragungen von Managern, wie sie das Münchner Ifo-Institut im Rahmen des Ifo-Konjunkturtest erhebt. Das Verfahren hat sich seit Jahren bewährt. Vor allem im Bereich der kurzfristigen Prognose, wenn es darum geht, die laufende Entwicklung der Konjunktur, über die noch keine amtlichen Daten zur Produktion oder zum Auftragseingang vorliegen, einzuschätzen und den Produktionsanstieg im kommenden Quartal zu prognostizieren, sind die Umfragewerte zu einer unentbehrlichen Grundlage geworden.
Die Innovation des mm-Indikators besteht darin, dass Aussagen für die konjunkturelle Entwicklung über den aktuellen Rand hinaus möglich sind.
Um einen Prognosehorizont des Indikators zu erreichen, der über die bei Konjunkturindikatoren gängigen zwei oder drei Monate hinausgeht, wurde die gesamte vorliegende Historie der monatlichen Manager-Einschätzungen von mehr als 50 Jahren – und damit fünf vollständigen Konjunkturzyklen – mithilfe ökonometrischer Verfahren ausgewertet.
Als maßgeblich stellten sich dabei die Antworten der Manager auf die Fragen nach der derzeitigen undder in sechs Monaten erwarteten Geschäftslage. Außerdem zeigte sich, dass sich aus den Antworten bereits ab September des Vorjahres akzeptable erste Einschätzungen über den BIP-Anstieg im Folgejahr ableiten lassen. Daher wird der mm-Indikator sobald die Ergebnisse der Septemberumfrage vorliegen, also immer im Oktober, beginnen, einen Wert für den BIP-Zuwachs im Folgejahr auszuweisen, während gleichzeitig der Wert für den BIP-Anstieg im laufenden Jahr noch bis Dezember dargestellt wird.
Unternehmerische Entscheidungen werden stets unter Unsicherheit getroffen. Wie groß diese Unsicherheit mit Blick auf die konjunkturelle Entwicklung ist, darüber gibt der mm-Indikator ebenfalls eine Schätzung ab. Er stellt nicht nur den im jeweiligen Monat wahrscheinlichsten Wert für den BIP-Zuwachs dar, sondern weist zusätzlich ein Intervall aus, indem der BIP-Anstieg voraussichtlich liegen wird, wenn eine bestimmte Irrtumswahrscheinlichkeit nicht überschritten werden soll.
Dargestellt ist das Prognoseintervall bei einer Irrtumswahrscheinlichkeit von einem Drittel. Im langjährigen Mittel sollte der später ausgewiesene tatsächliche Anstieg des realen BIP also bei zwei von drei Prognosen in dem angegebenen Intervall liegen. Natürlich ließe sich auch eine deutlich geringere Irrtumswahrscheinlichkeit wählen, beispielsweise 5 Prozent. Dann wäre allerdings das Prognoseintervall deutlich breiter – und damit möglicherweise nicht mehr relevant für unternehmerische Entscheidungen. Im übrigen werden die vom mm-Indikator ausgewiesenen Werte naturgemäß im Jahresverlauf zunehmend präziser, schon weil unterjährig Quartalswerte für das reale BIP veröffentlicht werden, die bei der Indikatorberechnung berücksichtigt werden. Entsprechend schrumpft das Prognoseintervall des Indikators ohnehin von Monat zu Monat.
Neben den tatsächlichen statistischen Daten aus der volkwirtschaftlichen Gesamtrechnung ist der monatliche Konjunkturtest des Ifo-Instituts die wichtigste Grundlage des mm-Indikators. Für diese Umfrage werden seit den 50er Jahren Monat für Monat mehrere tausend Manager in der deutschen Industrie, im Baugewerbe und im Handel befragt. Etwa seit 1960 gibt es einen stabilen und repräsentativen Berichtskreis.
Zurzeit nehmen etwa 7000 Manager regelmäßig an der Umfrage zum Konjunkturtest teil. Sie äußern Einschätzungen zur laufenden Entwicklung von Produktion, Auftragseingang und –bestand sowie zu deren voraussichtlicher Entwicklung in den kommenden Monaten. Die Beurteilung ist dabei allerdings rein qualitativer Natur: Die Manager sollen nur angeben, ob sie die laufende Situation und die zukünftige Entwicklung als besser, genau wie zuletzt oder schlechter als im vergangenen Monat bewerten. Erst dadurch, dass am Schluss alle Einschätzungen gegeneinander aufgerechnet werden, wird aus den qualitativen Urteilen der Manager ein quantitatives Maß für die Konjunktureinschätzungen in den Branchen und in der Gesamtwirtschaft.
Das Institut
Das private Wirtschaftsforschungsinstitut
Kiel Economics ist eine Ausgründung aus dem Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW). Die Geschäftsführer, Carsten-Patrick Meier und Jonas Dovern, waren im Prognosezentrum des IfW und in verschiedenen Forschungsbereichen des Instituts tätig. In den vergangenen Jahren waren sie maßgeblich an der Erstellung der regelmäßigen Konjunkturprognosen des IfW und an der Erarbeitung der Frühjahrs- und Herbstgutachten im Rahmen der Gemeinschaftsdiagnose der Wirtschaftsforschungsinstitute beteiligt. Darüber hinaus kooperieren sie mit Wissenschaftlern an anderen Wirtschaftsforschungsinstituten und an Universitäten.
Ab Herbst 2010 wird Kiel Economics in Zusammenarbeit mit dem Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) im Auftrag des Bundewirtschaftsministeriums an der Gemeinschaftsdiagnose mitwirken.
Die Kernkompetenzen des Instituts liegen in der Analyse gesamtwirtschaftlicher Zusammenhänge und in den Bereichen quantitative Modellierung und Prognoseverfahren. Außer den Ergebnissen volkswirtschaftlicher Forschung, insbesondere der Makroökonomik und der Ökonometrie, berücksichtigen die Kieler Forscher in ihren Analysen, Prognosen und Modellierungen auch Erkenntnisse aus anderen Bereichen – darunter Financial Economics und Behavioral Finance, Organisationswissenschaften, Psychologie und Betriebswirtschaftslehre.