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12.07.2010
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Euro-Rettungsschirm

Wackelkandidat Deutschland

Von Matthias Kaufmann

Euro-Rettungsschirm: Deutschland allein unter Befürwortern
Fotos
Corbis

2. Teil: Vier Professoren gegen den Rest der Welt

Die deutschen Gegner des Rettungsschirms, allen voran eine Gruppe prominenter Professoren um den Tübinger Ökonomen Joachim Starbatty, wollten ebenso schnell reagieren und stellten einen Eilantrag beim Bundesverfassungsgericht gegen den Beschlussgalopp. Doch das Gericht ließ sie abblitzen: Die politische Lage erfordere schnelles Handeln.

In der Frage aber, ob das Handeln verfassungsgemäß ist, haben die Richter noch nicht entschieden. Starbatty und seine Kollegen haben ihre Klage gegen die Griechenland-Hilfen auf den Rettungsschirm ausgeweitet, der CSU-Mann Peter Gauweiler und weitere Einzelpersonen legten ebenfalls Beschwerde ein. Das Verfahren läuft, mit ungewissem Ausgang.

Das ordnungspolitisch orientierte Centrum für Europäische Politik in Freiburg versorgte die Gegner derweil in einer Studie mit Argumenten. Der Rettungsschirm breche deutsches Verfassungsrecht und EU-Recht, weil die Parlamente nicht ausreichend informiert und befragt wurden, schreibt Autor Thiemo-Marcell Jeck. Außerdem sei die Öffentlichkeit über wichtige Punkte getäuscht worden: "Es wurde verbreitet, dass die EU maximal 60 Milliarden Euro an Anleihen aufnehmen darf. In der Verordnung findet sich eine entsprechende Regelung jedoch nicht", sagt Jeck. Auch die Befristung auf drei Jahre, von der die Rede war, schlage sich nicht in der Verordnung nieder.

So ähnlich wie eine Verfassungsänderung

Damit sei, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, die wirtschaftspolitische Funktionsweise der Europäischen Union geändert worden - ein Vorgang, vergleichbar mit einer Verfassungsänderung. Die Kritiker sprechen von einer Transferunion, in der alle füreinander haften. Genau die sollte der Stabilitätspakt ursprünglich verhindern. Die Regierung Kohl hatte darum gekämpft, weil sie die starke D-Mark nur gegen einen vergleichbar konstruierten Euro tauschen wollte.

"Es geht bei dem Schutzschirm nicht um eine Transferunion", hält Carsten Lietz, Sprecher der Europäischen Kommission in Deutschland, dagegen. Bis September sollen konkrete Vorschläge für die Ausgestaltung der Hilfen vorgelegt werden, sagt er. Dabei gehe es vor allem um die Bedingungen, zu denen Hilfen gewährt werden. Damit solche Fälle die Ausnahme bleiben, so Lietz, müssten die Bedingungen möglichst unattraktiv sein. Sonst könnten einzelne Staaten auf die Idee verfallen, Hilfen in ihre Haushaltsplanung mit aufzunehmen.

Ähnlich sieht es der Brüsseler Experte Gros: "Verboten ist ein Haftungsverbund, bei dem die Partnerstaaten automatisch für die anderen haften. Es ist aber nicht verboten, einem Euro-Partner in Not zu helfen." Das sei konform mit europäischem Recht, und auch mit dem Grundgesetz sieht er "keine großen Schwierigkeiten". Übrigens sei auch ein Bailout nicht verboten, das werde oft verzerrt dargestellt.

"Finanzinstitute wichtiger als Staatsschulden"

Was genau passiert, wenn das Verfassungsgericht die Regierung zurückpfeift und mit dem deutschen Anteil ausgerechnet der größte Beitrag zum Rettungsschirm wegfällt, mag sich niemand ausmalen. Die meisten EU-Partner dürften es schlicht verdrängen, weil sie die deutsche Debatte nicht verstehen. Seit das Gericht mit dem Lissabon-Urteil von 2009 alle europäischen Vereinbarungen unter einen deutschen Verfassungsvorbehalt gestellt hat, ist der Einfluss groß. Die Richter pochten auf die Rechte der nationalen Parlamente, weil die EU-Institutionen nicht ausreichend demokratisch legitimiert sind.

Einstweilen verhandeln die EU-Partner wie gehabt weiter. Am heutigen Montag dürfte vor allem die Zustimmung der Slowakei im Mittelpunkt stehen.

Aber wer weiß, vielleicht gibt es am Ende, in ein paar Wochen, noch inhaltliche Änderungen. So empfiehlt etwa CEPS-Experte Gros: "Schlimmer als ein Staatsbankrott an sich sind seine Folgen für das Finanzsystem. Entsprechend sollten sich die Hilfen auch weniger auf die Staatsschulden richten, wie im vorliegenden Plan, sondern auf das Überleben der Finanzinstitute."

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Die Maastricht-Kriterien

DPA
Die Teilnahme an der Europäischen Währungsunion ist nach dem Vertrag von Maastricht an fünf Kriterien geknüpft. Sie sollen sicherstellen, dass die Euro-Länder sich wirtschaftlich so angenähert haben, dass sie reif für eine gemeinsame Währung sind:

1. Die Neuverschuldung soll nicht mehr als drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) betragen.

2. Für die Staatsverschuldung gilt ein Richtwert von 60 Prozent des BIP, den die Länder einhalten oder dem sie sich annähern sollen.

3. Die Inflationsrate darf nicht mehr als 1,5 Prozentpunkte über dem Durchschnitt der drei preisstabilsten Länder liegen.

4. Die langfristigen Zinssätze dürfen nicht mehr als zwei Prozentpunkte über dem Durchschnitt der drei EU-Länder mit den niedrigsten Zinsen liegen.

5. Die Währung muß sich mindestens zwei Jahre spannungsfrei und ohne Abwertung im Europäischen Währungssystem bewegt haben.

Schulden in Europa

  • Gesamtverschuldung in Euro-Land
    Mit der gigantischen Summe von mehr als sieben Billionen Euro sind die Euro-Länder verschuldet. Mit Hilfe des Internationalen Währungsfonds (IWF) haben die Staaten jetzt einen riesigen Rettungsschirm von bis zu 750 Milliarden Euro für Länder gespannt, die mit dem Schuldenberg nicht mehr fertig werden und in Zahlungsschwierigkeiten geraten.

  • Deutschland
    Die gesamtstaatlichen Schulden liegen bei mehr als 1,7 Billionen Euro. Das sind mehr als 70 Prozent des BIP. Erlaubt sind laut Maastricht-Vertrag 60 Prozent. Die jetzt schon gigantische Summe könnte bis Ende 2013 durch immer neue Kredite bei etwa zwei Billionen Euro liegen. Allein dieses Jahr könnte die Neuverschuldung bei mehr als fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) liegen, erlaubt sind laut Maastricht drei Prozent. Wie diese Berge wieder abgebaut werden sollen, darüber schweigt die schwarz-gelbe Koalition sich bislang aus. Der Bund muss von 2011 an jedes Jahr zehn Milliarden Euro sparen - allein um die neue Schuldenbremse einzuhalten.
  • Frankreich
    Das Haushaltsdefizit lag 2009 bei 7,5 Prozent des BIP, die Gesamtverschuldungsquote bei 77,6 Prozent. In Euro ausgedrückt belaufen sich die Verbindlichkeiten auf mehr als 1,5 Billionen Euro. Die Regierung will die Staatsausgaben von 2011 bis Ende 2013 einfrieren. Jede zweite freiwerdende Stelle im öffentlichen Dienst wird nicht besetzt. Die laufenden Ausgaben für den Staatsbetrieb sollen binnen drei Jahren um zehn Prozent gesenkt werden. Zudem will Paris Steuerschlupflöcher stopfen und so in zwei Jahren fünf Milliarden Euro mehr einnehmen. Eine noch für dieses Jahr angekündigte Rentenreform soll das riesige Defizit in den Sozialkassen senken. Das Rentenalter in Frankreich liegt derzeit für das allgemeine Rentensystem noch bei 60 Jahren.
  • Spanien
    Das Land hat einen Sparplan vorgelegt, der für die kommenden drei Jahre eine Senkung der Ausgaben um 50 Milliarden Euro vorsieht. Für 2010 und 2011 kündigte Madrid zusätzliche Einsparungen von 15 Milliarden Euro an. Erstmals in der jüngeren Geschichte des Landes werden die Gehälter von Ministern und Beamten gekürzt. Staatliche Investitionen werden zusammengestrichen. Die Neuverschuldung lag 2009 bei 11,2 Prozent des BIP. Die Gesamtverschuldung des Staates wurde zuletzt vom Finanzministerium auf 55,2 Prozent des BIP beziffert. Laut Eurostat sind es knapp 560 Milliarden Euro.
  • Portugal
    Die Regierung überraschte zuletzt mit der Ankündigung von Steuererhöhungen. Einkommensteuern sollen angehoben, Unternehmen mit einer zusätzlichen "Krisensteuer" von 2,5 Prozent auf alle Gewinne belastet werden. Die Mehrwertsteuer soll von 20 auf 21 Prozent steigen. Die Bezüge der Politiker und der Verwalter öffentlicher Unternehmen sollen um fünf Prozent reduziert werden. Damit will Portugal sein Haushaltsdefizit nach Medienberichten von 9,4 Prozent des BIP noch in diesem Jahr auf sieben Prozent reduzieren. Die Gesamtschulden entsprachen 2009 rund 76,8 Prozent des BIP.
  • Italien
    In Italien sind bislang keine größeren Sparpakete auf den Weg gebracht worden, obwohl das Land zu den großen Schuldensündern in der Eurozone zählt. Der italienische Wirtschaftsminister Giulio Tremonti hat zwar angekündigt, dass ab 2011 gespart werden soll. Genaueres hat er bislang nicht erklärt. Italien hat einen Gesamtschuldenstand wie Deutschland von mehr als 1,7 Billionen Euro. Das sind rund 114 Prozent der Wirtschaftskraft.
  • Irland
    Im Haushalt 2010 sind strikte Sparmaßnahmen vorgesehen. So werden Gehälter im Öffentlichen Dienst um fünf bis 15 Prozent gekürzt. Die Sozialausgaben werden um 760 Millionen Euro zurückgefahren, beim Arbeitslosengeld kommt es zu Streichungen für bestimmte jüngere Altersgruppen. Irland hat eine Gesamtverschuldung von mehr als 100 Milliarden Euro. Damit bewegt sich das Land nicht weit von der vorgeschriebenen 60-Prozent-Regel mit Blick auf das BIP. Allerdings lag die Neuverschuldung 2009 bei mehr als 14 Prozent.
  • Belgien
    Der hohe gesamtstaatliche Schuldenstand von knapp 97 Prozent des Bruttoinlandsprodukt wird bis 2011 auf etwa 101 Prozent wachsen. Erlaubt sind nur 60 Prozent. Wegen der politischen Krise - die Regierung von Premier Yves Leterme ist nur noch geschäftsführend im Amt, Neuwahlen sind am 13. Juni - ist das Land politisch gelähmt. Größere Sparpakete sind nicht in Sicht.
  • Niederlande
    Beim Schuldenberg stehen die Niederlande im Vergleich zu anderen Euro-Staaten gut da. Aber auch dort wird er wachsen - von knapp 61 Prozent des BIP im vorigen Jahr auf annähernd 70 Prozent 2011. Doch die Niederländer pochen auf Konsolidierung. Die Regierung identifizierte Sparmöglichkeiten bei den Staatsausgaben von rund 20 Prozent. Die EU würde eine Anhebung des Pensionsalters von 65 auf 67 Jahre begrüßen, wie es in den Niederlanden debattiert wird.
  • Griechenland
    Um eine Staatspleite abzuwenden und den unter Druck geratenen Euro zu verteidigen, haben die EU-Staats- und Regierungschefs ein einmaliges, 110 Milliarden Euro schweres Rettungspaket für Griechenland beschlossen. 2009 beliefen sich die Schulden des Landes auf 273 Milliarden Euro und damit auf 115 Prozent des BIP. Gegen heftigen Widerstand im eigenen Land hat die Regierung ein 30-Milliarden-Sparpaket durchgesetzt - Renten und Gehälter im Staatsdienst sollen gekürzt, Steuern heraufgesetzt werden.

  • Slowakei
    Die Gesamtverschuldung lag Ende 2009 bei gut 22 Milliarden Euro, das entsprach 35,7 Prozent vom BIP. Nur noch Luxemburg hat in der Eurozone einen geringeren Anteil. Das Haushaltsdefizit 2009 von 4,3 Milliarden Euro erreichte aber mit 6,8 Prozent vom BIP einen Rekordstand und soll 2010 gesenkt werden. Ein Sparprogramm der Regierung sieht großflächige Ausgabenkürzungen vor, aber keine Einschnitte bei Pensionen und im Sozialsystem. Kräftige Einsparungen gab es 2009 im Verteidigungsbudget.
  • Slowenien
    Der Gesamtschuldenstand lag zuletzt bei 40 Prozent des BIP, also klar unter den erlaubten 60 Prozent. Problematisch sind jedoch das schleppende Wirtschaftswachstum und die steigende Arbeitslosigkeit. Ende 2009 überschritt die Arbeitslosenquote zehn Prozent. Mit Konjunkturprogrammen wurde die Wirtschaft gestützt, das Haushaltsdefizit dürfte 2010 bei 6,1 Prozent vom BIP liegen nach 5,5 Prozent 2009. Das Sparprogramm ist noch nicht klar. Experten rechnen mit Kostensenkungen im öffentlichen Sektor, auch liegen in der Privatisierung von Staatsunternehmen noch Reserven.
  • Österreich
    Mit Steuererhöhungen und strenge Sparmaßnahmen will Österreich seinen Staatshaushalt wieder auf Vordermann bringen. Als Ziel will die Regierung bis 2014 das Defizit von 4,7 auf 2,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts reduzieren. Bund, Länder und Gemeinden sollen bis zu 5,1 Milliarden Euro einsparen, dazu sollen die Bürger über mehr Steuern für höhere Einnahmen sorgen. Einig ist sich die Koalition aus konservativer ÖVP und sozialdemokratischer SPÖ aber bisher nur bei der Einführung einer Bankensteuer, die die alpenländischen Geldhäuser rund 500 Millionen Euro kosten soll. Insgesamt betragen die Schulden Österreichs derzeit etwa 66 Prozent des BIP.
  • Finnland
    Mit einem Gesamtschuldenstand von 75 Milliarden Euro gehört Finnland nicht zu den Problemländern in der EU, was die Staatsfinanzen angeht. Die Regierung in Helsinki hat seit dem Euro-Start eine sparsame Haushaltspolitik geführt. Auch deshalb stehen drastische Sparprogramme wegen der aktuellen Finanzkrise nicht auf der Tagesordnung. Seit längerem schon will Regierungschef Matti Vanhanen das Rentenalter heraufsetzen und die Rentenansprüche senken.








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