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29.06.2010
 

Das internationale Währungschaos (V)

Braucht die Welt ein neues Bretton Woods?

Von Henrik Müller

Wird nervöser: China sorgt sich um US-Wirtschaft
REUTERS

Wird nervöser: China sorgt sich um US-Wirtschaft

Der Euro in der Krise, Dollar und Pfund angezählt- um auf einen soliden Entwicklungspfad zurückzufinden, braucht die Welt dringend ein neues Währungssystem. Viele wünschen sich die globale Geldordnung der Nachkriegszeit zurück. Eine realistische Option? Der fünfte Teil der manager-magazin-Serie.

Hamburg - Anfang 2009 machte mich ein hochrangiger amerikanischer Gesprächspartner auf eine interessante Statistik aufmerksam. "Gucken Sie sich mal die TIC-Daten an. Das dürfte Sie interessieren." TIC - das steht für Treasury International Capital System. Es ist die Datenbank, mittels derer sich das US-Finanzministerium einen Überblick dar über verschafft, bei wem Amerika eigentlich in der Kreide steht - der größte Schuldner der Welt offenbart seine Gläubiger.

Endlose Zahlenkolonnen, in denen sich brisante Botschaften verbergen. Zum Beispiel diese: China, bislang wichtigster Finanzier der US-Defizite, wird zögerlicher. Ende 2008 hatten die Chinesen zum Beispiel mehr ver- als gekauft. Kurz danach korrigierten sie diesen Kurs zwar wieder und stockten ihre Bestände an Dollaranleihen weiter auf. Aber Anzeichen von Nervosität waren erkennbar. Premier Wen Jiabao hatte bekundet, er sei besorgt angesichts der rapide steigenden US-Verschuldung.

Fast zeitgleich hatte Zentralbankchef Zhou Xiaochuan den Dollar als instabile Weltreservewährung gebrandmarkt. Es waren kleine Ersch ütterungen im Zuge einer großen tektonischen Verschiebung: weg von Amerika als Anker der Weltwirtschaft, weg vom Dollar als dominantem Weltgeld, weg vom US-Kapitalmarkt als Abladeplatz für einen Großteil der Überschüsse der Schwellenländer. Die Zeit ist reif für ein neues globales Währungsarrangement.

Rekapitulieren wir noch einmal kurz: Das bisherige Währungssystem ist eine der Ursachen der Weltfinanzkrise und der folgenden Weltrezession. China sowie andere asiatische und arabische Staaten fluteten die US-Wirtschaft mit ihren Überschüssen - ein inflationärer Kurs. So konnten sich Immobilienblasen aufbauen, konnten sich die US-Konsumenten in eine Verschuldungsorgie steigern. Möglich war diese globale Geldumwälzpumpe nur, weil sich wichtige Schwellenländer am Dollar als Leitwährung orientieren. Statt aufzuwerten und so ihr übersprudelndes Wachstum zu dämpfen, kauften sie haufenweise Dollar-Papiere, was zur weltweiten Überhitzung beitrug. Entsprechend heftig fiel die Rezession aus. Entsprechend wahrscheinlich ist es, dass sich solche krisenhaften Zuspitzungen wiederholen.

Währungspolitik darf Protektionismus nicht verschärfen

Aber wie kann, wie sollte ein künftiges System aussehen? Nach dem Ausbruch der Finanzkrise hörte man häufig Forderungen nach einem Wiederaufleben des Bretton-Woods-Systems. Das heißt: Kopplung des Dollar ans Gold und Bindung der übrigen Währungen zu festen, aber anpassungsfähigen Kursen an den Dollar. Bis Anfang der 70er Jahre funktionierte dieses Arrangement verlässlich. Es gab eine ordnende Instanz, den Internationalen Währungsfonds (IWF), der das System überwachte und steuerte. Allerdings, Bretton Woods funktionierte nur unter einer Reihe von Bedingungen, die heute nicht mehr gelten:

  • Die nationalen Finanzmärkte waren nicht offen, sondern gegeneinander abgeschottet durch Kapitalverkehrskontrollen. Man konnte nicht einfach sein Geld in anderen Ländern anlegen oder dort Kredite aufnehmen. Die Finanzen waren damals weitgehend national.
  • Auch der Güterhandel war gemessen an heutigen Größenordnungen bescheiden. Die Handelsströme waren begrenzt - der Protektionismus der Zwischenkriegszeit war noch weitgehend in Kraft -, sodass wiederum auch die mit dem Warenaustausch verbundenen Finanzströme begrenzt waren.
  • Und es gab nur ein einziges ökonomisches Zentrum der Weltwirtschaft, nämlich die USA, das solide und nichtinflationär wuchs. Amerika war der nat ürliche Bezugspunkt für den Rest der (freien) Welt - geostrategisch, ökonomisch, währungspolitisch.

All diese Bedingungen sind heute nicht mehr erfüllt. Sie waren schon in den 70er Jahren nicht mehr erfüllt, weshalb das System von Bretton Woods ja damals zerbrach. Ließe sich heute eine Neuauflage dieses System installieren? Auf die dritte Bedingung könnte man womöglich verzichten und das System um eine synthetische Bezugsgröße wie die Sonderziehungsrechte (Special Drawing Rights, SDR - eine Korbwährung) herumbauen. Die anderen Bedingungen wären nur unter immensen Kosten herzustellen: So müssten die Güter- und vor allem die Finanzmärkte - renationalisiert werden. Denn bei offenen Grenzen sind die Finanzströme so groß, dass die Notenbanken sie nicht einfach unter Kontrolle bringen und die Wechselkurse konstant halten können.

Die Renationalisierung der Volkswirtschaften aber würde geradewegs ins Desaster führen - wie in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts, als eine Protektionismusspirale der westlichen Länder dazu beitrug, den Crash von 1929 zur großen Depression zu verschärfen. Ohnehin ist der Protektionismus durch die Krise wieder auf dem Vormarsch. Die Währungspolitik darf diesen Trend nicht noch verstärken.

Lesen Sie morgen den letzten Teil der Serie: Bausteine für ein neues Geldsystem

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