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28.06.2010
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Das internationale Währungschaos (IV)

Die Welt fährt auf Reserve

Von Henrik Müller

Ausdruck der wachsenden Stärke Singapurs: Beeindruckende Straßenzüge
REUTERS

Ausdruck der wachsenden Stärke Singapurs: Beeindruckende Straßenzüge

2. Teil: Unterbewertung statt freie Wechselkurse

Nie wieder sollte es so weit kommen, schworen sie sich. Deshalb nutzten sie den westlichen Aufschwung in den folgenden Jahren, um sich ihrer Finanzprobleme durch eine aggressive Exportorientierung zu entledigen. Entsprechend veränderten sie ihre Wechselkurspolitik: Zuvor hatten viele Länder ihre Währungen überbewertet gehalten, um Kapital zu günstigen Konditionen importieren zu können und damit gewissermaßen eine Abkürzung auf dem Weg zum Wohlstand zu nehmen.

Als Zweifel an ihrer Wettbewerbsfähigkeit und folglich an ihrer Kreditwürdigkeit aufkamen, konnten sie ihre überbewerteten Währungen nicht verteidigen. Doch statt die Wechselkurse freizugeben, gingen sie neue Bindungen ein und hängten sich nun zu unterbewerteten Paritäten an die Leitwährung Dollar. Statt den Kapitalimport zu subventionieren, subventionierten sie nun den Güterexport. Dass bei dieser Strategie die Devisenreserven immer weiter wuchsen, war willkommen, galten hohe Forderungen gegen das Ausland doch als Versicherung gegen künftige Krisen.

Es ist eine Ironie der Wirtschaftsgeschichte, dass die Devisenreserven, die den großen globalen Boom und den Crash mitverursacht haben, ursprünglich angelegt wurden als Puffer gegen solche Krisen.´

Einseitige Konzentration auf niedrig verzinste Dollarpapiere

In den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts geriet die Situation außer Kontrolle. Es wurde deutlich, dass dem anfänglichen Nutzen dieser Strategie im Laufe der Zeit steigende Kosten gegen über standen. Es sind vor allem zwei große Risiken, die mit der überbordenden Reservehaltung verbunden sind:

  • Da ist zum einen das Risiko der Inflation der Güter- und/oder Asset-Preise. Die zu reichliche Geldversorgung nach dem Dot.com-Crash von 2000/01, angestoßen von den Notenbanken der großen westlichen Länder und verstärkt von den ihnen folgenden Schwellenländern, legte die Grundlage für einen ungesunden Boom. Die Währungsbehörden in den ärmeren Ländern übernahmen den amerikanischen Antideflationskurs und produzierten ein inflationäres Umfeld. Und sie sind abermals dabei, einen solchen Kurs zu steuern. Die Welt scheint nicht viel gelernt zu haben aus Boom und Crash - die nächsten, womöglich noch schlimmeren Verwerfungen, dürften noch bevorstehen.
  • Und da ist zum anderen das Risiko des Verlusts von Volksvermögen. Die Größenordnung der Devisenreserven, die in vielen asiatischen Ländern etwa die Hälfte des Sozialprodukts erreichen, macht diese Volkswirtschaften anfällig. Bereits in den Jahren 2001 bis 2006, so haben EZB-Ökonomen ausgerechnet, hätte eine 15-prozentige Aufwertung der heimischen Währungen (wohlgemerkt: dies wäre eine moderate Wechselkurskorrektur gewesen, gemessen an der Größe der Leistungsbilanzüberschüsse dieser Länder) nennenswerte Vermögensverluste verursacht: 10,5 Prozent des Bruttoninlandsprodukts in Hongkong, 8,2 Prozent in Malaysia, 6 Prozent in China, 4,5 Prozent in Russland, 4 Prozent in Südkorea - erhebliche Verluste an Vermögen, die in den Folgejahren noch stärker ausgefallen wären, da die Reserven weiter wuchsen.

Aus Sicht des jeweiligen nationalen Vermögensmanagements ist die einseitige Konzentration der Überschussländer auf niedrig verzinste Dollarpapiere keine sinnvolle Anlagestrategie. All die hart erarbeiteten Reserven sind ihr Geld einfach nicht wert. Deshalb sind einige Länder in den vergangenen Jahren dazu übergegangen, Teile ihrer Devisenreserven an neue Staatsfonds (Sovereign Wealth Funds) zu überweisen, um ihre nationalen Portfolios zu diversifizieren. Sie folgten damit dem Vorbild der Ölstaaten: Bereits seit Jahrzehnten sind Kuwait, Abu Dhabi oder Norwegen im internationalen Investmentgeschäft tätig.

Nun haben auch Länder wie China und Russland Staatsfonds gegründet, die damit im Westen Assets (Aktienpakete, ganze Unternehmen) aufkaufen wollen. Was im Westen wiederum für Unruhe gesorgt hat: Die Quasi-Verstaatlichung bislang privatwirtschaftlicher Unternehmen durch ausländische Staatskassen stößt nicht überall auf einhellige Freude. Um es vorsichtig auszudrücken.

Die Staatsfonds allerdings ändern am Grundproblem gar nichts: Weiterhin ist die Währungspolitik darauf ausgelegt, globale Ungleichgewichte zu subventionieren - so wird die Grundlage für die nächste, womöglich noch viel größere Krise gelegt.

Lesen Sie morgen den nächsten Teil der Serie: Braucht die Welt ein neues Bretton Woods?

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Henrik Müller:
"Sprengsatz Inflation."

Campus Verlag, Februar 2010, 192 Seiten, 17,90 Euro.

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