Von Henrik Müller
Nie wieder sollte es so weit kommen, schworen sie sich. Deshalb nutzten sie den westlichen Aufschwung in den folgenden Jahren, um sich ihrer Finanzprobleme durch eine aggressive Exportorientierung zu entledigen. Entsprechend veränderten sie ihre Wechselkurspolitik: Zuvor hatten viele Länder ihre Währungen überbewertet gehalten, um Kapital zu günstigen Konditionen importieren zu können und damit gewissermaßen eine Abkürzung auf dem Weg zum Wohlstand zu nehmen.
Als Zweifel an ihrer Wettbewerbsfähigkeit und folglich an ihrer Kreditwürdigkeit aufkamen, konnten sie ihre überbewerteten Währungen nicht verteidigen. Doch statt die Wechselkurse freizugeben, gingen sie neue Bindungen ein und hängten sich nun zu unterbewerteten Paritäten an die Leitwährung Dollar. Statt den Kapitalimport zu subventionieren, subventionierten sie nun den Güterexport. Dass bei dieser Strategie die Devisenreserven immer weiter wuchsen, war willkommen, galten hohe Forderungen gegen das Ausland doch als Versicherung gegen künftige Krisen.
Es ist eine Ironie der Wirtschaftsgeschichte, dass die Devisenreserven, die den großen globalen Boom und den Crash mitverursacht haben, ursprünglich angelegt wurden als Puffer gegen solche Krisen.´
Einseitige Konzentration auf niedrig verzinste Dollarpapiere
In den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts geriet die Situation außer Kontrolle. Es wurde deutlich, dass dem anfänglichen Nutzen dieser Strategie im Laufe der Zeit steigende Kosten gegen über standen. Es sind vor allem zwei große Risiken, die mit der überbordenden Reservehaltung verbunden sind:
Aus Sicht des jeweiligen nationalen Vermögensmanagements ist die einseitige Konzentration der Überschussländer auf niedrig verzinste Dollarpapiere keine sinnvolle Anlagestrategie. All die hart erarbeiteten Reserven sind ihr Geld einfach nicht wert. Deshalb sind einige Länder in den vergangenen Jahren dazu übergegangen, Teile ihrer Devisenreserven an neue Staatsfonds (Sovereign Wealth Funds) zu überweisen, um ihre nationalen Portfolios zu diversifizieren. Sie folgten damit dem Vorbild der Ölstaaten: Bereits seit Jahrzehnten sind Kuwait, Abu Dhabi oder Norwegen im internationalen Investmentgeschäft tätig.
Nun haben auch Länder wie China und Russland Staatsfonds gegründet, die damit im Westen Assets (Aktienpakete, ganze Unternehmen) aufkaufen wollen. Was im Westen wiederum für Unruhe gesorgt hat: Die Quasi-Verstaatlichung bislang privatwirtschaftlicher Unternehmen durch ausländische Staatskassen stößt nicht überall auf einhellige Freude. Um es vorsichtig auszudrücken.
Die Staatsfonds allerdings ändern am Grundproblem gar nichts: Weiterhin ist die Währungspolitik darauf ausgelegt, globale Ungleichgewichte zu subventionieren - so wird die Grundlage für die nächste, womöglich noch viel größere Krise gelegt.
Lesen Sie morgen den nächsten Teil der Serie: Braucht die Welt ein neues Bretton Woods?
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